24 Stunden

Schrauben

Die Welt des Dresselhaus-Unternehmens

In großer Stückzahl einkaufen, portionieren, in kleine Einheiten verpacken und verkaufen. So könnte sie aussehen, die Welt des Dresselhaus-Unternehmens. Sah sie auch einmal, aber das ist lange her.

Heute ist die Welt eine ganz andere. Eine, die etwa in einem großen Gerät steckt, das wie eine Kühltruhe aussieht. In ihr: Skandinavien. Oder zumindest das, was das Land auszeichnet. Jede Menge Salz in der Luft. Wenn Hans Werner Patzke, Geschäftsführer des Unternehmens, das offiziell Joseph Dresselhaus Befestigungstechnik GmbH&Co. KG heißt, den Deckel dieser Skandinavien-Kühltruhe öffnet, dann steht er erst einmal in einer salzigen Nebelwolke. Genauso wie seine Schrauben und Muttern, die er liefert. Und die hier in der Qualitätskontrolle zeigen müssen, dass sie trotz der salzigen Suppe, die sie umgibt, keinen Flugrost ansetzen. Ein paar Türen weiter ein ähnliches Bild. Schrauben werden in der Mitte durchgesägt und mit Chemikalien beträufelt, ein paar Meter weiter auseinandergerissen und die Zeit gestoppt, die verstreicht, ehe sie, ehe das Material nachgibt.

Leisten könne sich das niemand. Also dass die Qualität, die verlangt wird, nicht geliefert würde. Vorbei also die Zeiten, in denen einfach eingekauft, umgepackt und verkauft wurde. Es geht – auch bei einer ganz profanen Schraube – um viel mehr. Das zeigt sich etwa tief in der Nacht. Wenn immer noch jemand da ist, um Bestellungen aufzunehmen, zu bearbeiten, die mit dem Wort dringend nicht treffend bezeichnet sind. Wenn etwa bei einem Landmaschinenhersteller im Dreischicht­betrieb plötzlich das Band stillsteht, weil eine Schraube fehlt. Dann muss es schnell gehen, dann muss im Zweifel auch per Taxi geliefert werden. Häufig kommt das nicht vor. Wenn das so wäre, sagt Hans Werner Patzke, dann hätten sie bei Dresselhaus einen schlechten Job gemacht. Dann hätten sie geliefert, ohne zu beraten. Und auch das ist nicht die Arbeitsweise, die sie hier in Herford bevorzugen. Händler? Sind sie längst nicht nur noch. Sondern ein Dienstleister. Einer, der die Schraube nicht nur bis zum Wareneinkauf des Kunden bringt, sondern, wenn gewünscht, direkt ans Band, direkt an den Einsatzort inmitten der Firma.

Dabei denkt der Kunde meist nur rational und wirtschaftlich. Da ist etwa der Landmaschinenriese Claas, der mit nur geringem Personalaufwand das Thema Befestigungstechnik händelt, gleichzeitig aber 5.200 verschiedene Artikel aus dem Hause Dresselhaus einsetzt. Die klaffende Lücke zwischen Arbeitskraft und Schraubenanzahl füllt Dresselhaus selbst. Übernimmt also nicht nur die Lieferung, sondern auch die Disposition, weiß selbst, was wann gebraucht wird und rauscht dann mit einem der firmeneigenen LKWs los, um Produk­tionsstopps zu verhindern. Während die Mitbewerber längst auf die Dienste von Speditionen setzen, fährt Dresselhaus noch selbst. Und das mit Lastzügen, die immer wie nagelneu aussehen. Jeder Wagen ist unser Aushängeschild, ein Imageträger. Erklärt Hans Werner Patzke. Ein guter Grund also, die Lastwagen nur geputzt auf die Straße zu schicken. Dabei werden sie online und navigationsgestützt begleitet, weiß der Fachmann in Herford, wann der Fahrer etwa in Stuttgart gerade bremst, wie lange er schon fährt, wo er gerade im Stau steht. Im digitalen Zeitalter längst kein Problem mehr. Vor allem aber notwendig, um mit einem Fuhrpark, der stets auf dem wirtschaftlichen Prüfstand steht, so effizient wie möglich arbeiten zu können. Apropos Stuttgart: Längst ist aus dem Betrieb, der in einer ausgedienten Mühle in Bielefeld entstand, eine Firma mit mehreren Standorten geworden. Überall stapeln sich die Schrauben und Muttern, hergeschafft aus aller Herren Länder, hingebracht zu denen, die A mit B verbinden wollen. 820 Mitarbeitende sorgen so an allen Standorten dafür, dass auch eine noch so ausgefallene Schraube irgendwo am Lager ist. 

Schrauben deshalb, weil sich mit ihnen noch Geld verdienen lässt Nägel gibt es hier zwar auch, aber die sind nun wirklich Massenware, wirtschaftlich uninteressant, im wahrsten Sinne des Wortes ein durchlaufender Posten. Hergestellt werden Schrauben heute überall auf der Welt. Vor allem aber in Asien. Allein China ist raus aus dem globalen Wettbewerb, waren die hier angebotenen Produkte doch so billig, dass die EU sich zu 83 Prozent Strafzoll entschied. Und seitdem kaum noch eine Schraube den Weg von China nach Deutschland findet. Heute sind es andere asiatische Länder, die in die Schraubenproduktion eingestiegen sind, die die Befestigungssysteme containerweise gen Europa schicken. Und das auf einem stets teurer werdenden Transportweg. Denn die Frachten aus Asien haben sich im vergangenen Jahr im Preis verdoppelt – ob nun auf natürlichem Weg oder wegen künstlicher Verknappung ist ungewiss. Und eigentlich auch egal, weil allein das Ergebnis zählt. Das war in der Krise 2009 eines, das um 25 Prozent absackte. Trotz dieser imposanten Zahl spricht der Geschäftsführer allein von einem blauen Auge. Gerettet habe damals ein breiter Bauchladen, den Dresselhaus vor sich her trägt. Beliefert werden eben nicht nur Industriekunden, sondern auch große Heimwerkermärkte. Und wenn Kurzarbeit angemeldet ist, dann hat der Arbeitnehmer mehr Zeit, sich handwerklichen Projekten zu Hause zu widmen. Und braucht dazu zwangsläufig auch Schrauben, die er im Baumarkt kauft.

Ein Jahr später ging es schon wieder aufwärts, das nächste auch und auch 2012 sieht es gut aus, soll das Ergebnis ein positives sein. Nur ist das jetzt, im Juni, schwer zu beziffern, weil der Mai mit all seinen Feiertagen einer war, der vor allem eins nicht war: repräsentativ und mit dem Mai des Vorjahres nicht zu vergleichen. In all dieser Zeit sind die Muttern allesamt aus dem Ausland eingekauft worden. Anders ist das bei Schrauben. Da gibt es immer noch die gute alte Spax-Schraube, der Inbegriff der qualitativ hochwertigen Handwerkerschraube, die in der klassischen dunkelgrünen Papppackung geliefert wird. Die wird auch nicht umgepackt in die orange-silberne Dresselhaus-Packung, die irgendwie an Weihnachten erinnert. Sondern bleibt, was sie ist.  Top-Schraube in zurückhaltender Verpackung. Zurückhaltend, eben typisch ostwestfälisch ist auch Hans Werner Patzke, wenn er nach Geschäftsverlauf, nach der eigenen Zufriedenheit gefragt wird. Gut. Ist die Antwort. Und sagt eigentlich alles. Gelernt, also nicht die Zurückhaltung, sondern den Umgang mit Schrauben und deren Vertrieb, hat der 60-Jährige in dem Herforder Unternehmen, in dem er seit 1979 tätig ist. Eine halbe Ewigkeit also, als er hier begann, die EDV-Abteilung aufzubauen. Weiter ging es mit dem Thema Logistik, später dann Personal. Häufig begleitet von Kollegen in entscheidender Position, die auch heute noch da sind. Es ist eben ein typisches ostwestfälisches Unternehmen, verlässlich, zukunftssicher vor allem für die Mitarbeiter Ebenso konstant ist der Wettbewerb. Nicht nur mit dem Branchenriesen Würth, der vieles beherrscht, der tausende von Außendienstmitarbeitern tagtäglich auf die Jagd nach Neukunden schickt. Du musst jeden Tag kämpfen, überzeugen. Sagt Hans Werner Patzke. Und es wirkt nicht so, als bereitet dieser tägliche Kampf nicht auch Spaß. Längst wird dieser Kampf auch im Internet geführt. Dresselhaus verfügt längst auch über einen Webshop, bietet hier aber Preise, die die eigenen Großkunden nicht verärgern. Ärgerlicher ist da schon, dass es immer wieder Online-Shops gibt, die mit Dresselhaus-Qualität werben und Nullachtfühnzehn-Qualität bieten. Dann werden wir hellhörig, verfolgen das ganz genau. Sagt Hans Werner Patzke und sein Gegenüber merkt: Der Mann, der so sympathisch wirkt, kann auch anders. Jetzt aber gibt es keinen Grund, um verärgert zu sein. Die Perspektive ist eine, die jedes Jahr eigentlich ein neuerliches Plus bringen sollte. 

Nicht nur in Deutschland, nicht nur in Frankreich, der Türkei. Sondern auch in Russland. Das sei der derzeit spannendste Markt, da könnte demnächst ein Auslandsstandort entstehen. Noch aber ist das eine Idee, eine erste Planung. Aber schon möglich, dass daraus bald Wirklichkeit wird. Vielleicht stellen sie dann ja in Herford bald auch eine echte Kühltruhe auf und frieren Schrauben runter auf minus 40 Grad. Soll ja sehr kalt sein in Russland und dennoch soll die gewohnte Dresselhaus-Qualität geliefert werden