Bewegend

Rückwärts

Es sind nur ein paar Kilometer. Nach Osnabrück, ins Münsterland. Und es fühlt sich doch irgendwie nach Weltreise an.

Ein bisschen wirkt die ganze Sache wie von sehr weit weg, von gestern also. Und genauso ist sie ja auch. Ein Auto, gute 80 Jahre alt. Ein Mann neben uns, Haare wie Bart grau meliert, die Weste eine lederne, die Hände durch ebensolche Hand­schuhe geschützt. Fenster? Hat der Wagen, in dem wir sitzen, nur vorne und hinten. An den Seiten aber: Cabriofeeling. Wir thronen also auf den Sitzen eines Ford A Tourers, gelenkt von Thomas Dohna, der sicher ist, dass so ein Oldtimer von jedermann zu fahren ist. 

So sicher, dass er sich von seinem Ford A Tourer trennt. Zumindest auf Zeit. Und nicht nur von dem. Auch sein Durant D65, sein Austin Clifton 12 Tourer – alle problemlos lenk- und buchbar. Es dauere eine halbe, manchmal eine ganze Stunde, dann sei erklärt, wie mit drei Vorwärts-, einem Rückwärtsgang, mit altertümlichem An­lasser, Blinker und den drei Pedalen umzugehen ist. Ungläubig sitzen dann plötzlich die am Steuer, die eben noch erstaunt zugeschaut haben. Und sich nicht vorstellen konnten, dass das geht: selbst lenken und nicht gefahren werden. Dass das geht – und wie gut –, haben nun schon viele erlebt. Haben bei Dohna&Dombert – Lebensgefährtin Edeltraud Dombert ist nicht nur namensgebend, sondern mit Leib und vor allem Seele mit von der (Land)Partie – erfahren (!), dass reisen dann doch über eine ganz andere Bedeutung als die Überwindung der Strecke zwischen A und B verfügt. Man muss Thomas Dohna nur zusehen, wie er den Oldtimer über die Straße dirigiert, um zu verstehen, dass es ein bewusster Rückschritt, ein Zurückkehren zu Zeit und Muße ist, die der erlebt, der selbst fährt, der sich fahren lässt. Vier Personen finden in jedem der drei Fahrzeuge Platz, es darf durchgewechselt, es darf am Lenkrad oder auch hinten auf der Rückbank genossen werden, je nach Laune. Es geht, ganz gleich wo gesessen wird, vor allem um eins, so Thomas Dohna. Um Genuss. Selbst wirkt er wie einer, der genau das ist: ein Genussmensch. Einer, der sich Zeit nimmt. Der erstmal schaut, besser: beobachtet. Seine Schlüsse zieht, die dann erst einmal für sich behält. Es mag eine ganze Weile gedauert haben, ehe aus der Liebe zu den alten Autos eine Idee für ein Geschäft mit alten Autos wurde. Dabei war er schon sehr früh infiziert. Vom Oldtimer-Virus, von der Idee, sich mit dem zu bewegen, was längst nicht mehr als zeitgemäß galt. Und genau daraus seine Faszination saugte. Sicher, er hat auch einmal ein fabrikneues Auto gekauft. Der Kinder wegen, erzählt er heute fast entschuldigend. Aber eine Wende in seiner Liebe zu alten Autos hat das nicht verursacht. Eher das Gegenteil. Heute ist das jüngste Vehikel in seinem Fuhrpark ein 30 Jahre altes. Das sich in der Großraumgarage von Dohna&Dombert dann doch eher jugendlich fühlen muss. Zu vermieten, auf Reisen geschickt werden aber nur die ganz alten Schätzchen. Die, in denen Auto fahren, noch einem filigranen Handwerk gleicht. Wobei eigentlich gar nicht viel kaputt gehen könne, sorgsame Fahrweise vorausgesetzt. Gut, die Hupe vorne am Ford hat er schon drei Mal neu anschrauben müssen, Vibrationen scheinen hier immer wieder für Lockerung zu sorgen. Aber echte Sorgen muss sich keiner machen. Weder Eigentümer noch Reisender. Zum Thema Genuss gehört auch, dass man nicht lange suchen muss. Nach der passenden Route, der sich anbietenden Übernachtung, der Möglichkeit, sich am Wegesrand zu stärken. Denn das Angebot der Oldtimerreisefreunde ist ein umfassendes. Und exklusives, versteht sich. Wer sich für solche Fahrzeuge begeistert, wer das flexible Dach nach hinten schlägt und dann die Lederkappe verzurrt, der will abends nicht auf durchgelegenen Schaummatratzen einschlafen oder Drittklassiges essen. Es sind also vorgegebene Route, ein prall gefüllter, mitfahrender Picknick-Korb, fest gebuchte Sterne-Hotels, ebensolche Restaurants, die per Roadbook den Reisenden schon vorab mitgeteilt werden. Es geht mal durchs Osnabrücker Land, durch Lippe, das Weserberg-, das Lipperland, durchs Münsterland, in den Rheingau oder zur Autostadt nach Wolfsburg. Auf Wegen, die sich fernab des Fernverkehrs befinden. Es gibt eine Notrufnummer, sicher ist sicher. Und auch wenn Thomas Dohna auf den ersten, den flüchtigen Blick nicht den Eindruck vermittelt, als könne er die Motorhauben rechts und links an der Fahrzeugfront aufklappen und mit Erfolgsaussichten auf Fehlersuche gehen – er kann das. Kennt die fingerdicken Reparaturanleitungen nahezu auswendig, weiß, woran es seinen automobilen Schätzen mangelt, wenn sie einmal streiken. Aber meist gibt es gar keinen Grund, nicht weiterfahren zu können. Für Fahrzeug wie für Mitfahrer gleichermaßen. Denn es seien nur wenige Kilometer weg von der eigenen Haustür. Und doch fühle man sich sehr, sehr weit weg versetzt. Zeitlich wie geographisch, vor allem aber gedanklich gesehen, so Thomas Dohna. All das eine Geschäftsidee, die so exklusiv ist, dass ihr gar der Markt anfangs fehlte. Erzählt der 48-Jährige gerne mit einem verschmitzten Schmunzeln in Mund- und Augenwinkeln. Also haben die beiden Messen besucht, sich mit denen unterhalten, für die eine solche Rückbesinnung auf die gute, alte Zeit in Frage kommt. Dabei mussten sie nicht lange suchen, um Neugierige zu finden. Einmal angehalten, just ausgestiegen, und schon stehen die ersten da. Wie aus dem Nichts kommen sie, fragen erst schüchtern, dann forsch nach. Wie das denn gehe, mit einem Fahrzeug von gestern im Verkehr von jetzt. Souverän und routiniert gibt Thomas Dohna dann Antwort. Erzählt vom kräftigen Drehmoment, von einer Reisegeschwindigkeit, die auch mal im dreistelligen Bereich liege könne. Aber eben nicht müsse. Er wirkt dann wie einer, der sein Leben lang geschraubt, irgendwann den Traum vom eigenen Oldtimer sich selbst erfüllt hat. Aber es ist ganz anders. Er ist gelernter Elektriker und studierter Musikwissenschaftler, später aber fernab von Chorleitung und Eigenkomposition Journalist bei der Tageszeitung. Das auch heute noch. Und fein die Grenze ziehend zwischen Beruf und beruflicher Faszination. Ein halbes Jahr lang ist er jetzt nebenberuflich selbständig mit seinen drei Oldtimern unterwegs. Tagsüber in der Redaktion, abends, am Wochenende in Sachen Oldtimerreisen auf Reisen. Wie lange gelingt ein solcher Spagat? Keine Antwort, nur wieder dieses Lächeln. Und man ahnt: schrecklich lange sicherlich nicht. Das Ganze ist also nicht von gestern. Sondern eher etwas Zukünftiges. Dabei hat die für das Liebhaberpärchen alter Oldtimer längst begonnen.