Daheim

Der Einsiedler

Wenn ich satt zu essen habe, dann habe ich genug, sagt der, der über die, die sich heute Biobauern nennen, nur schmunzeln kann.

Der Mann kann sich so richtig aufregen. Dann hält es ihn nicht auf dem hölzernen Stuhl, dann blitzen die Augen unter den buschigen Brauen hervor, dann wird die Stimme laut und schnell, ballt sich die Faust, weicht der Zuhörer unwillkürlich zurück. Heiner Krüger versteht die Welt nicht mehr. Dabei war doch vieles mal so einfach.

1954 ist er mit seinem Vater, den er nur den alten Herrn nennt, von Löhne nach Rödinghausen gezogen. In eine kleine Senke, vorne die Landstraße, hinten weiter, hinter Tannen versteckt, ein Bauernhaus, das heute ein Dutzend Kühe, zwei Ziegen, zwei Haflinger, eine Handvoll Schafe, Hühner und Enten beherbergt. Seit 58 Jahren also: ein Idyll. Eines, das es kaum zu verlassen lohnt, weiß Heiner Krüger. Also ist er hiergeblieben. Hat sich morgens von der Sonne wecken lassen, ist Punkt 20 Uhr zurück ins Haus gegangen. Und tut das noch heute, er habe es halt der Ehefrau versprochen, dass er dann seinen Lieblingsplatz, den Stall verlässt.
Das Leben spielt sich für den 74-Jährigen im Schlepptau der beiden Pferde ab, die angespannt über den Acker traben. Gibt es etwas Schöneres, als in der Natur zu sein, über die Felder zu flanieren, durch den Wald zu spazieren? Auf keinen Fall, da ist sich Krüger ganz sicher. Heute ist er Rentner, leben aber tut er genauso wie vor 30, vor 40 Jahren. Der Bart bedeckt gelbweiß die Partie bis runter zum Schlüsselbeinansatz, die Haut wettergegerbt, die Unterarme immer noch sehnig muskulös. Er ist einer, der sein Zuhause nur zwei, drei Mal verlassen hat. Einmal, als er die Verwandten seiner Frau, einer gebürtigen Österreicherin, besuchte. Auf der Alm, da muss es für einen Landwirt doch wunderbar sein. 
Aber die Kühe konnten dort höher kraxeln als der Gast aus Rödinghausen, zu gut ihre Ausdauer, zu groß der Schwindel beim Träumenden. Und schon war es aus mit dem Traum vom Bauerndasein in den Bergen. Zwei Mal musste er fort vom Hof, zwangsweise. Es ging beide Male ins Gefängnis, weil er mit dem, was er da Monate zuvor mit seinem Einverständnis unterzeichnen sollte, eben nicht einverstanden war. Ich fühle mich entmündigt, wenn ich als Einverstandener unterzeichnen soll, es aber nicht bin. Erzählte er jedem – den Behörden, den Juristen. Zwei Wochen Denkpause – oder genau das Gegenteil von dem – in der Zelle. Gebracht? Hat das nur wenig. Heute duldet Krüger. Und gerät doch immer wieder Stirn an Stirn mit Beamten unterschiedlicher Behörden. Das mag daran liegen, dass sein Schädel ein besonders dicker, seine Geduld eine besonders flüchtige ist. 
Vielleicht aber auch, weil das Leben, das Krüger führt, eines ist, dass es heute eigentlich gar nicht mehr gibt. Für das die Vorschriften nicht gemacht sind. Aufstehen also mit der Sonne, dann raus zu den Tieren. Früher, als er noch Milch produzierte, da hat er direkt vom Euter getrunken. Und auch heute kommt ihm nur euterwarme Milch in den Mund. Aus dem Tetrapack? Würde er nie trinken. Jahrelang hat er seine 15 Hektar großen Flächen, von denen viele Wiesen, sumpfig und schlecht zugänglich sind, mit seinen damals noch vier Haflingern beackert. Ist hinter den Tieren hergegangen, hat zugesehen, dass das Gras scharf abgeschnitten, die Erde ordentlich umgepflügt war. Irgendwann dann doch die Anschaffung eines Traktors, Jahrgang 1970, vielleicht auch noch etwas älter, 48 PS und vor allem eine Zapfwelle, die dann doch bei der täglichen Arbeit helfe. Den TÜV? Hat der Traktor nie gesehen. Und es würde heute wohl auch ein wenig knapp werden mit der amtlich bescheinigten Fahrtauglichkeit, wo Krüger doch erst das Lenkrad eine halbe Drehung herumreißen müsse, ehe sich vorne an der Achse überhaupt etwas bewegt. Und überhaupt, zum TüV fahren, so ganz ohne Führerschein? Auch keine wirklich gute Idee. Was haarsträubend klingt, ist in der Welt des Heiner Krüger ganz normal. Wieso sich aufregen? Er ist doch eh nur auf dem eigenen Gelände unterwegs. Und in ein normales Auto? Setzt er sich sowieso nicht. Dann lieber die Zeit bei den Viechern verbringen. Zusehen, wie die imposanten Kühe dampfend im Stall stehen. Auch hier: eine Welt, die es in der Denke der Behörden nicht mehr gibt. Er solle das Geburtsjahr seiner Tiere offenbaren, um Zuschüsse zu bekommen, wurde er schon 1995 aufgefordert. Die Antwort aber blieb aus. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil er einfach nicht wusste, wie alt seine Tiere sind. Am Ende dann, nach langem, zähen Streit, die Einigung: Alle Tiere sind am 31.12.1994 geboren, der guten Ordnung wegen. Und während die fleckigen Tiere anderswo nur einige Jahre leben, stehen von den 94ern heute noch einige im kleinen Stall. 
Auch der Tierarzt soll hier turnusmäßig vorbeischauen, wieder so ein Ding, was Krüger nur duldet. Und nicht bezahlen will. Für meine Viecher? Da reibe ich mich auch. Wobei ganz klar ist: Wenn eines erkrankt, wenn ich mit meinem Latein am Ende bin, dann hole ich den Tierarzt. Aber vorher? Wieso soll der kommen?
Es ist die Welt um den 74-Jährigen herum, die sich zu schnell für ihn dreht. In fast gleichbleibendem Rhythmus kommen die Mitarbeiter des Energieversorgers her, schauen nach, ob der Elektrokasten überbrückt wurde. Glauben will keiner den Werten, der Statistik, der Abrechnung. Dass hier zwei Menschen leben und arbeiten und im Vierteljahr genau zwei Kilowattstunden dafür ausreichen sollen. Das Licht? Wird eingeschaltet, wenn es dunkel ist. Aber dann ist es eigentlich auch schon Zeit, ins Bett zu gehen. Energie sparen? Fängt für Heiner Krüger da an, wo andere nicht einmal anfangen, sich Gedanken zu machen. Ein gutes Beispiel: die heimische Milch. Die hat Krüger früher erst einmal runtergekühlt, dann wurde sie per Laster abgeholt, in der Molkerei auf 60 Grad erhitzt, Sahne abschöpft, Magermilchpulver gewonnen, das wieder mit dem Milchwagen zu Krügers Hof gebracht, der wieder Wasser und Pulver erhitzen musste, um es nutzen zu können. Geht es komplizierter? Fragt der Rödinhauser und kratzt sich am Kopf. Wenn die Sprache auf das Thema Biomasse kommt, springt er auf und wettert. Das, was wir hier als Landwirte vorfinden, das sei doch Schöpfung. Das gilt es verantwortlich, sensibel zu nutzen. Das verheizt man doch nicht. Ruft, nein schimpft er dann. Und lebt vor, wie es gehen kann, in seiner Welt. Den Sommer über füttert er mit seinen Abfällen zwei Schweine weder dick noch rund, im Herbst dann die Schlachtung, ein Schwein für sich, eins für andere. Was übrig bleibt? Kein Müll, sondern ein echtes, ein biologisch einwandfreies Lebensmittel. Kein Müll, das meint auch: keine Mülltonne. Als der Zwangswechsel kam, von der 45- auf die 90-Liter-Tonne, ist Krüger einfach ausgestiegen. Dann produziere ich eben keinen Müll mehr, hat er nicht nur gesagt, sondern gleich zur Verwunderung von Behörde und Tonnenlieferant durchgezogen. Wäre da nicht die eine Liebhaberei, die Liebe zur Schokolade. Aber auch das Problem konnte er lösen. Die papierene Verpackung taugt zum Anheizen des Ofens, das Staniolpapier nimmt, zusammen mit anderem Metall, der Schrotthändler gerne mit. Essen, ins Restaurant gegangen? Ist er noch nie. Meine Frau, die ist eine ganz wunderbare Köchin, sagt er. Gibt es eine überzeugendere Antwort?
Wenn man da so sitzt, in der Stube von Heiner Krüger, in die er eigentlich nie einen Schreiber lassen wollte, dann wird die Welt winzig klein. Schauen Sie raus, auf die Bäume, die Hühner. Braucht`s mehr? Und man will gar nicht antworten.
Das hier, das ist ein Zuhause, das ist ein Mensch, den es eigentlich gar nicht mehr gibt. Der sich nicht nur darüber aufregt, dass Strohrundballen heute mit Netzen zusammengehalten werden, die aus viel Öl gefertigt und viel zu schnell weggeschmissen werden. Und das millionenfach. Einen Winter hat er damit verbracht, aus diesen Netzen Stricke zu flechten. Die reichen jetzt bis zum Lebensende, ist sich Krüger sicher. Eines dieser Stricke hat zwei Jahre lang als Halfter für eine Stute hergehalten, jetzt sorgt es seit einem Jahr dafür, dass der Bulle fest angebunden ist und nicht auskneift. Es sind die simplen Dinge, die das Leben des 74-Jährigen ausmachen. Wenn er gefragt wird, wie viel Geld er denn brauche, in der Woche, im Monat, kann er nur mit den Schultern zucken. Für das Geld? Ist meine Frau zuständig. Die geht halbtags arbeiten, schaut zu, dass die Kasse stimmt. Heiner Krüger aber, der braucht erst gar keine Kasse. Der war nie im Urlaub, der will sein Land, sein Zuhause nicht verlassen. Will keinen Besuch, will die Post nicht öffnen, dem Radio nicht zuhören. Wenn ich satt zu essen habe, dann habe ich genug, sagt der, der über die, die sich heute Biobauern nennen, nur schmunzeln kann. Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass das, was der Bauer produziert, bio ist? Man wird sehr leise, wenn man mit Heiner Krüger am Tisch in der Stube sitzt. Wenn man mich in Ruhe lässt, dann habe ich hier den Himmel auf Erden, weiß Heiner Krüger. Wenn ich hinter meinen Pferden hergehe, dann kann ich die Seele baumeln lassen. Wie lange das noch gut geht, mit der Welt, mit ihm? Schwer zu sagen. Er habe sich eigentlich immer Kinder gewünscht, geklappt hat es nie. Und heute wisse er nicht so genau, ob das nun Pech oder doch ganz gut gewesen ist, bei dieser Welt, die seine eigene dunkel umschließt. Antwortet Krüger eher ausweichend und sagt dann, sehr leise, er mache sich doch seine Gedanken, wie das so ist und gehe, mit dem Älterwerden. Mit dem, was da so auf ihn zukommt. Einmal, noch gar nicht so lange her, da ist er frühmorgens im Bad einfach umgekippt. Die Stirn aufgeschlagen, nicht mehr in der Lage, wieder aufzustehen. 
Da hat seine Frau doch glatt den Krankenwagen gerufen, echauffiert sich Krüger noch heute. Zehn Tage hat er im Krankenhaus gelegen, und – doch, das müsse er zugeben – so schlecht, wie er immer dachte, sei es da gar nicht gewesen. Die Schwestern? Alle sehr nett, zuvorkommend und vor allem: sehr hart arbeitend. Erzählt er anerkennend nickend. Als der Tag der Entlassung näher rückte, nahm ihn eine Schwester zur Seite. Na, nochmal Glück gehabt, raunte sie dem Bauern auf Lebenszeit zu. Das werde sich noch zeigen, ob das wirklich ein Glück war, grantelte er zurück. Wieder zuhause angekommen, rang er Frau und Schwester ein Versprechen ab. Schrieb es sogar auf, damit niemand am Ende, also ganz am Ende, am letzten Ende juristische Schwierigkeiten bekommt. Davon hatte er in seinem Leben schon genug auf sich gezogen. Am Ende also, wenn er noch einmal umkippen und nicht mehr aufstehen sollte, dann lassen sie ihn liegen. Entweder er steht irgendwann wieder auf. Oder eben nicht. Wegbringen aber, von hier fortschaffen? Darf ihn keiner. Wünscht sich Heiner Krüger nicht nur, er besteht ganz fest darauf. So viel zur Welt eines Menschen, die es eigentlich gar nicht mehr gibt. Und wenn die wirklich zu Ende gehen soll und muss, diese Welt, dann soll es ein schnelles Ende sein.