Exotisch

Was den Kreis ausmacht?

Das zeigt sich vor allem an einer Stelle. In den Köpfen derer, die hier etwas bewegen.

Sehr geehrter Herr Manz, was macht das Leben hier im Kreis Herford aus?

Christian Manz: Es ist wohl die Vielfältigkeit der unterschiedlichen Prägungen in den Städten und Gemeinden, in unserer Industrielandschaft, in den Gewerbebetrieben. Diese Vielfalt zeigt sich auch in den Menschen, in der Bevölkerungsstruktur. Und genau das zeichnet das Leben bei uns aus.

Dennoch gibt es wohl viele, die nicht dazu bereit sind, aus einer Metropole, aus einem Ballungsgebiet zu uns zu kommen. Wie begegnen Sie diesen, was entgegnet man solchen Vorurteilen?

Ich glaube nicht, dass das nur Vorurteile sind. Natürlich ist es so, dass junge Menschen heute über eine hohe Mobilität verfügen, dass der Trend einfach dahin geht, in Metropolen zu leben, sich von diesen anziehen zu lassen. Wir sind hier ein eher ländlich strukturierter Raum mit einer besonderen Siedlungsstruktur, dazu muss man auch stehen. Man sollte aber vielleicht den Menschen klar machen, dass das Leben in einem Ballungsraum ganz andere Anforderungen stellt. Was können wir bieten? Wir verfügen über mittelständische Unternehmen, über sehr gute Sozialstrukturen, aber auch über ein hohes Maß an Sicherheit. Das, was man als softe Infrastruktur bezeichnet, das haben wir hier. Da muss jeder für sich abwägen, wie er die Schwerpunkte in seinem Leben setzt. 

Solch eine Abwägung ist sicherlich meist eine, die in der Familie getroffen wird. Wie stellt sich der Kreis Herford vor allem für junge Familien dar?

Wir sind ein Kreis, in dem die nächste Kindertagesstätte wirklich nahe ist. Wir haben auch bei der U3-Betreuung gute Quoten – tun also sehr viel für junge Familien. So haben wir auch überschaubare Schulgrößen, das spüren die Kinder doch sofort. All diese Pluspunkte sollte man in seinen Gedankenprozess mit einbeziehen – und letztlich auch die höheren Lebenskosten in einer Großstadt mit einberechnen und dann entscheiden, wo die Lebensqualität in der Gesamtschau individuell am größten ist.

Wie begegnen Sie dem Einwand, dass eine große Karriere im Kreis nicht zu machen ist, dass es viele junge Menschen wegzieht?

Wenn jemand erst einmal den Sprung über unsere Region hinaus gemacht hat, dann wir es sehr schwer, ihn wieder zurückzuholen. Den haben wir dann meist – wenn man so will – an die Großstadt verloren. Dennoch verfügen wir immer noch über eine erstaunlich hohe Quote an jungen Menschen hier im Kreis. Die müssen einfach die Chance ergreifen, die sich ihnen hier bietet. Wir haben doch auch sehr große und renommierte Unternehmen im Kreis, die beispielsweise duale Studiengänge anbieten, die erkennen, Chancen und Karrieren bieten zu müssen – und das auch tun. Unser Bemühen muss es sein, junge Menschen über die Ausbildung, das Studium, dieFamiliengründung hinaus im Kreis Herford zu halten.

Typisch für die Menschen, für die Unternehmen im Kreis ist ein gewisses Understatement, das hier stark gepflegt wird. Ist so eine Einstellung in der heutigen Zeit nicht überholt?

Das ist die ostwestfälische Mentalität, wir haben einige Unternehmen von Weltruf hier im Kreis und es sind gerade diese Unternehmen, die ja gerade wenn sie familiengeführt sind, so kostbar für uns sind, weil sie für Verlässlichkeit stehen. Sie sind bodenständig, wägen ab, die schaffen es eben auch in der Krise, diese gut zu überstehen. Diese Unternehmens- und Denkstruktur hat uns ermöglicht, die Nase vorne zu haben. Auf diese Vielfalt müssen wir aber aufmerksam machen; schauen Sie sich unsere mittelständischen Unternehmen im Bereich Technik und Maschinenbau an, da brauchen wir uns sicherlich nicht zu verstecken. Da könnten wir unsere Vorzüge, unser Können manches Mal ruhig mutiger herausstellen.

Wie sehen Sie das kulturelle und das Freizeitangebot im Kreis?

Diese Frage wird wohl von Generation zu Generation anders beantwortet. Meine Meinung ist, dass die Mobilität bei jungen Menschen eine deutlich höhere Rolle als zu meiner Jugendzeit spielt. Entfernungen schrumpfen dadurch immer mehr, 50, 60 Kilometer sind doch heute kein wirkliches Problem mehr. Wir haben eine gute Infrastruktur, wir haben Marta, Museen, Theater, die Nordwestdeutsche Philharmonie, das Sport- und Freizeitangebot – all das ist schon gut und auf hohem Niveau. Manchmal glaube ich aber, dass selbst der eine oder andere von uns nicht weiß, was es in unserem Kreis alles gibt, welche Möglichkeiten ihnen hier geboten werden.

Und wie schätzen Sie die verkehrstechnische Anbindung ein?

Von den Fernstraßen her ist diese sicherlich optimal. Die Autobahnen A30 und A2 sind in beiden Himmelsachsen die Topverbindungen. Über die Bundesbahn lässt sich mit guten Zuganbindungen vieles schnell erreichen. Aber wir sollten diesen Bereich der Mobilität nicht überbewerten. Wichtiger ist, dass wir im Bereich Internet und dessen Leistungsfähigkeit noch mehr zulegen – da werden die Anforderungen an diese Datenautobahn von morgen immer größer werden. Da hoffen wir, schnell weiterzukommen, das Netz noch breiter auszubauen und schneller machen zu können.

Heute ist der Wechsel eines Arbeitsplatzes fast schon normal, werden selten Karrieren in einem Unternehmen gemacht. Ist auch das etwas, an das man sich gewöhnen muss?

Ja, das wird seltener. Erst einmal gibt es die räumliche Mobilität. Wenn man vor 20 Jahren gesagt hätte, dein Ausbildungsplatz liegt in Bielefeld oder Paderborn, dann hätten viele gesagt: Oh Gott, das ist ja weit. Heute ist das etwas eher Normales. Wir haben Unternehmen im Kreis Herford, in denen mehrere Generationen tätig waren. So etwas wird sich verändern, das merken wir auch in den Verwaltungen. Wer weiß schon garantiert, dass er heute von der Ausbildung bis hin zur Rente im gleichen Betrieb arbeiten wird? Das wird eher selten, das muss man nicht bedauern, das ist der Trend der Zeit und eröffnet andere Perspektiven.

Apropos Auszubildende. Früher haben Sie um jeden Ausbildungsplatz gekämpft, heute hat man fast das Gefühl, dass es andersherum ist, dass qualifizierte Auszubildende Mangelware sind.

Ja, es wird viel diskutiert über die Qualifikation von Azubis, es mag ein Thema sein, dass bestimmte Grundqualifikationen fehlen. Das müssen die Bildungseinrichtungen angehen, das muss man schon ernst nehmen. Wo wir unwahrscheinliches Potenzial haben, ist bei den Ausbildungsplatzberufen in den technischen Bereichen. Ganz viele Azubis bemühen sich meist um ganz wenige Berufe, wir sehen da ein Verhältnis, bei dem sich 90 Prozent der Bewerber für 10 Prozent der Berufe interessieren. Wenn man sich dann die Vielfalt – es sind einige hundert – der Ausbildungsberufe im Herford anschaut, dann kann ich nur jeden dazu einladen, sich diese auch einmal anzuschauen. Das erfordert aber, dass man von bestimmten Leitbildern abrückt und offener wird. 

Der Kreis Herford liegt zwischen Osnabrück, Bielefeld, Hannover. Sollte man also auch versuchen, sich mit diesen Städten auf Augenhöhe zu bewegen?

Wir sind gut beraten, regionaler zu denken. Die Zeiten etwa, dass eine Stadt sich in der Region alleine sieht, sind längst vorbei. Es ist ein guter Ansatz, OWL-weit zu denken. Dabei ist es natürlich wichtig, sich innerhalb dieser Region im Wettbewerb gut darzustellen. Aber es wäre vermessen, noch weiter darüber hinauszuschauen, etwa an Hannover zu denken. Wir wollen uns als Kreis in Ostwestfalen nicht einer Identität anschließen, weil wir sonst träge werden. Und genau das wollen und sollten wir nicht tun.

Generell zeigen Sie ein positives Bild des Kreises auf. Gibt es dennoch etwas, das Sie sich wünschen würden?

Wir sollten unsere Wahrnehmbarkeit schärfen. Wir sind durch die Medienlandschaft fokussiert, uns an bestimmten Leuchttürmen zu orientieren. Aber jeder Leuchtturm hat auch ein Umfeld, das ich mir genauer anschauen würde. OWL ist wirklich ein Markenzeichen, das einem erst bewusst wird, wenn man Menschen von außerhalb fragt, was sie mit dem Kreis verbinden. Da bekommt man häufig die Antwort: Das ist doch, wo Marta ist. Wir müssen einfach noch mehr unsere Stärken stärken und nicht unsere Schwächen herauskehren. Da könnten wir ruhig noch etwas offensiver und mutiger vorgehen. Da gibt es noch Potenzial, uns als attraktiven, überschaubaren, ja liebenswerten Kreis darzustellen. 

Dennoch ist gerade die Nordwestdeutsche Philharmonie, ist Marta nicht unumstritten.

Das Standing der beiden Einrichtungen wäre sicherlich einfacher, wenn wir alle in Wachstumszeiten leben würden. Aber jeder Sponsor, jeder Träger schaut sich seine Kostenentwicklung an. Da ist es wohl normal, dass jede Ausgabe erst einmal auf den Prüfstand kommt. Wichtig ist aber, dass wir immer wissen, wie wir wahrgenommen werden, was in der Außenwirkung eine gewichtige Rolle spielt. Gerade die Philharmonie und Marta sind zwei Dinge, die weit über unsere Grenzen hinaus bekannt sind. Vielleicht gilt auch hier der Spruch, dass manches Mal der Prophet im eigenen Land nichts oder nur wenig zählt.

Haben Sie eigentlich selbst einmal daran gedacht wegzuziehen, den Kreis zu verlassen?

Nein, von Geburt an lebe ich hier – und auch meine Familie. Ich bin ein sehr familienbezogener Mensch und könnte mir einfach nicht vorstellen, da zu leben, wo meine Familie, meine Verwandtschaft nicht lebt.

Als Landrat haben Sie auch viel Kontakt zu denen, die hierhergezogen sind, die nur zu Besuch kommen. Wie nehmen die den Kreis Herford wahr?

Wenn wir einmal Besuch haben und mit ihm durch das schöne Ravensberger Hügelland fahren – was wir ja übrigens gar nicht mehr wahrnehmen –, dann sagen die immer: Ist das bei euch schön. Das muss doch eine Ermutigung für uns sein.

Unternehmen klagen heute zunehmend ­darüber, nicht mehr genügend Fachkräfte zu finden. Was entgegnen Sie denen?

Wir haben ein unwahrscheinliches Potenzial an jungen Leuten, einen breiten Sockel. Wir machen Übergangsmanagement für den Bereich Schule/Beruf, auch unsere Unternehmen engagieren sich unwahrscheinlich, um Werbung für sich zu machen. Der junge Mensch muss einfach auch mal bereit sein, tradierte Vorstellungen über Bord zu werfen. Auch das gehört zu einer modernen Gesellschaft. Maßnahmen gibt es sehr viele – und diese werden wir noch intensivieren.

Wie fällt also Ihr Fazit für den Kreis Herford aus?

Man kann hier sehr gut leben. Aber darauf wollen wir uns nicht ausruhen. Wir sehen uns in einigen Projekten als Mittler zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern und wollen das noch ausweiten. Unternehmen haben ein Recht darauf, dass man sie stärkt, dass man ihnen optimale Bedingungen schafft und bietet. Das gilt übrigens auch für die Verwaltung, auch da werden wir viele Fachkräfte benötigen, auch da müssen wir hart arbeiten, um diese auch in den kommenden fünf, sechs Jahren zu finden und für uns zu begeistern.