Grenzenlos

Mit dem Fahrrad durch die Anden

Spendenprojekt für das internationale Hilfswerk Misereor

Eigentlich müsste er jetzt in die Pedale treten. Müsste die Berge nur so hoch hetzen, an seiner Ausdauer arbeiten, die Kraft in den Oberschenkelmuskeln stärken. Christian Pries lässt es lieber langsam angehen, steigert sich dann aber ganz gewaltig.

Am 1. September hebt der Flieger in Richtung Lima ab. An Board der Kirchlengeraner, sein Fahrrad, rund 30 Kilogramm Gepäck und sein Radfahrkumpel Matthias Rieps aus Freiburg. In Peru gelandet geht es mit dem Bus weiter gen Norden, irgendwo wird das Reiserad schon seinen Platz darin finden, dann aussteigen, draufschwingen auf den Sattel und gestartet in ein Vergnügen, das wohl nur für wenige ein solches wäre. Rund 4.000 Kilometer liegen dann vor dem 32-Jährigen. Aber die alleine bereiten ihm kein Magendrücken. Wer schon von Alaska nach Las Vegas geradelt ist, wer von Vegas nach Seattle mit dem Zweirad fuhr, hoch oben in Lappland im Winter ebenfalls per Fahrrad unterwegs war und Island umrundete, der schreckt vor solch einer Distanz nicht zurück. „Ehrlich gesagt ist das doch für vier Monate alles andere als viel“, räumt er dann auch ein – wären da nicht die Anden, die sich mit knapp 5.000 Höhenmetern den beiden Radfahrern in den Weg stellen. Sehr steil wird es werden, steinig auch, unwirtlich nicht nur wegen Höhe, Steigungen und dünner Luft. „In einem Gebiet, in dem auch Armut herrscht, bin ich noch nie geradelt“, erzählt der Weitgeradelte. Dabei kommt Christian Pries nicht nur als radfahrender Tourist, sondern auch als Helfer. Er hat sich dazu entschieden, für seine Fahrt Sponsoren zu suchen. „Allerdings nicht, um meinen Trip zu finanzieren, den bezahle ich komplett aus eigener Tasche. Ich will durch meine Reise Spendengelder für das internationale Hilfswerk Misereor sammeln und so ein wenig helfen, die Situation in Peru für die Menschen zu verbessern“, so Pries, der auf zahlreiche Personen und Unternehmen hofft, die für diesen guten Zweck bereit sind, Geld zu spenden.

Er selber hat sich sein Geld durch Investmentgeschäfte erarbeitet, als studierter BWLer schaut er tagtäglich nach den Aktienkursen, kauft und verkauft und hat so eine Summe zur Seite legen können, die diese viermonatige Reise erst möglich macht. Dabei ist sie keinesfalls eine Luxusreise. Im Gepäck der beiden Radfahrer finden sich Zelt, Schlafsäcke und Kocher; Reis und Nudeln, in der Packung schön klein, im Topf richtig groß, werden die Hauptmahlzeiten von Christian und Matthias sein. Doch es wird nicht jede Nacht möglich sein, in das eigene Zelt zu kriechen. „An einigen Orten und vor allem in den Städten ist das Aufschlagen eines Zeltes sicherlich zu gefährlich. Da ziehen wir lieber in eine Pension, ehe wir uns am nächsten Morgen wieder auf den Sattel schwingen.“ Probleme mit dem Sitzfleisch befürchtet der 32-Jährige in solchen Momenten nicht. Eine echte Radfahrhose mit Einsatz helfe hier schon gut weiter, daneben sind es seine Sitzhöcker gewohnt, auf dem Reiserad Platz zu nehmen. Bei seiner Radausrüstung vertraut er immer auf das Räderwerk aus Hüllhorst, von dem schon verschiedenste Modelle bei seinen Touren zum Einsatz kamen. Wie stark sein Rad in den Anden in Anspruch genommen wird, kann Christian Pries derzeit nur erahnen. „Wir gehen davon aus, dass wir manches Mal einen ganzen Tag lang auf einer Schotterpiste vielleicht 2.000 Höhenmeter bewältigen müssen. Mal fahrend, mal schiebend. Da kommt man dann an einem Tag nur rund 20 Kilometer weiter. Andere Tage wird es geben, da legen wir sicherlich mehr als 100 Kilometer zurück“, so der Radler, der sich nicht als Radsportler sieht. Hier zu Hause in Kirchlengern fährt er gerade einmal zum Tennistraining des VfL Herford mit dem Fahrrad, für größere Ausfahrten fehlt es an Zeit und Motivation. „Für mich ist das Fahrrad kein Sportgerät, sondern ein Fortbewegungsmittel, das mich an entlegene Orte der Welt bringt“, so Christian Pries. Die sind auch schon mal so entlegen, dass er gar keinen Mitfahrer mehr findet, obwohl er eigentlich viel lieber zu zweit fährt. „Als ich mich dazu entschlossen habe, im Winter durch Lappland zu fahren, da gab es nur Menschen, die den Kopf geschüttelt haben. Also bin ich alleine los – und habe jeden Augenblick genossen“, sagt Christian Pries heute. Fehlt doch eigentlich nur noch ein ganzes Jahr auf dem Zweirad, oder die Weltumrundung, das Aufgeben des Sesshaftseins. Aber all das kommt für den Kirchlengeraner nicht in Frage. Sicher, so eine einjährige Auszeit auf zwei Rädern reize schon. Aber dann doch lieber einen kürzeren Trip in den Himalaja, nach Feuerland oder noch einmal in die USA, das reiche eigentlich. Es sind einfach zu viele Freunde, die hier auf ihn warten, es ist die Familie, die ein komplettes Davonfahren unmöglich macht.

Erst einmal geht es am 1. September los, mit einem festen Startpunkt, einem Ziel. Und vielen Unbekannten während der vier Monate dazwischen. Eine echte Reiseroute haben die beiden noch nicht ausgearbeitet, zu häufig haben die beiden schon auf vergangenen Reisen erlebt, dass sich das Geplante doch allzu schnell überholt. „Fest steht nur, dass Matthias am 20.12. in Ecuador sein und ich am gleichen Tag in Brasilien landen muss. Um da dann einen kurzen Trip, drei Wochen nur, mit einem anderen Freund runter nach Rio de Janeiro radeln zu können.“ Wie sie beide ihre Reiseziele erreichen werden? „Das wird sich schon finden, irgendwann kommen wir schon an einem Flughafen vorbei und dann wird es auch den passenden Flieger geben. Viele können sich so eine Art des Reisens, des Sich-treiben-Lassens nicht vorstellen. Aber für uns macht das gerade den Reiz aus, einfach nicht zu wissen, wo man morgen Abend schläft, wie es weitergeht. Ankommen tut man schon. Das ist ganz sicher.“ 

 

Weitere Informationen zur Reise und zum Spendenprojekt von Christian Pries finden sich unter: 

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http://priesi.com