Luxus

Nervennahrung

Nein, hier wird nicht im Minutentakt Schokolade in den Mund geschoben. Die Möglichkeit dazu wäre da, sicher.

Überall stehen große Teller mit ebensolchen Schokoladenbergen, aber Angebot und Nachfrage stehen hier halt doch in umgekehrtem Verhältnis zueinander. Selbst als Besucher des Unternehmens Weinrich traut man sich kaum, zuzugreifen. Zu hoch die Berge, zu groß die Auswahl, zu klein augenscheinlich der Appetit unseres Gegenübers. Da sitzt Andreas N. Meyer, verantwortlich für die Vivani-Linie und gerne zugebend, dass er dann doch reinbeiße in Schokoladenstückchen – und das täglich. 

Das aber natürlich nur professionell, von Berufs, des Überprüfens der Qualität wegen. Und kann man einen, der Geschäftsführer einer Unternehmenstochter ist, mehr langweilen als mit der Frage nach dem täglichen, dem stündlichen Schokoladenkonsum? Kann man ebenso wenig wie Annette Wessel, Künstlerin aus Castrop-Rauxel, zuständig für die malerischen Verpackungen der Vivani-Schokoladen und eben auch nicht in der einen Hand den Pinsel über das Papier, in der anderen die Schokolade gen Mund führend. Also besser: nicht fragen. Oder noch besser: was anderes fragen. Die Lieblingsschokolade vielleicht. Da sind sich beide einig, Vollmilch mit Nuss. Nun, nicht gerade individuell und ausgefallen, aber sicherlich mehrheitsfähig. Hauptsache, die Schokolade trägt das Bio-Siegel. Und trägt vor allem in sich, was dieses Siegel verspricht. Für Andreas Meyer beginnt die Geschichte mit ökologischer Schokolade im Jahr 2000. Da begann er, sich damit zu beschäftigen, etwas Anderes, etwas Neues auf den Markt zu bringen. Erstmals ausgestellt auf einer Biomesse, an abseits gelegenem Stand, ostwestfälisch-zurückhaltend präsentiert eben. Und doch – oder gerade deshalb? – erfolgreich. Dabei war die Grundidee eine einfache. Kommt der Großteil der weltweiten Kakaomasse von der Elfenbeinküste und den drumherumliegenden Staaten, kaufte und kauft Weinrich in der Dominikanischen Republik ein. Zum einen, weil Kinderversklavung dort kein Thema ist. Zum anderen, weil es hier keine Kakaokrankheiten gibt, das belastende Spritzen also entfällt. Und so möglich ist, was Vivani eben ausmacht, eine Schokolade aus biologischem Anbau zu sein, als weitere Geschmackskomponente nur Bourbonvanille, alle Zutaten aus kontrolliert biologischem Anbau, keine Gentechnik, dafür ein hoher Kakaoanteil. Zu wenig berücksichtigt aber habe man bei der Entwicklung, bei der Markteinführung etwas ganz Anderes. Den Genussaspekt. Also den, der nicht über die Zunge transportiert wird. Also wurde überlegt, was sich mit solch einer Schokolade verbinden ließe. Italienische Lebensart? Sicher. Kunstvolles, nicht Künstliches? Ganz klar. Eine Geschenkidee etwa? Auch das. Da war es dann, auch geographisch gesehen, kein weiter Weg mehr von Andreas Meyer hin zu Annette Wessel. Die hatte anfangs so ihre Probleme mit der Vorstellung, dass sie für die Werbung, für Schokoladeneinpackpapier künstlerisch tätig werden sollte. Vielleicht hat dann doch der Gedanke gereizt, etwas zu gestalten, das bio ist. Und gleichzeitig richtig gut schmeckt. Acrylfarbe, Kreide und Buntstifte kreieren heute, was maschinell um die Tafel gelegt wird. Und was schon von weitem zeigt, dass hier Besonderes auf Schokoladenliebhaber wartet. Es gebe Motive, die ergäben sich ganz von allein. Mandel etwa, oder Nuss. Aber wie Vollmilch umsetzen, künstlerisch, nicht platt, nicht in lila, nicht mit Milchkannen im Vordergrund. Dabei ist gerade die Vollmilch-Variante ein sehr gut verkaufte. Doch es gibt auch echte Exoten, längst auch künstlerisch umgesetzt. Edel Bitter Chili etwa, rau zu Beginn, scharf im Abgang. Oder die Weiße Vanille, alles andere als süß, auch nicht herb, genau passend also. So sind im Laufe der Zeit viele Varianten entstanden, immer nach dem gleichen Prinzip. Zuerst die Schokolade, dann die Verpackung. Riegel haben sich dazu gesellt, Minis, Trink-Schokolade, Geschenkdosen, all das also, was der Markt fordert. Immer dann, wenn eine solche Forderung umgesetzt wird, soll die Qualität auch sichtbar gemacht werden. Erhält also Annette Wessel per Mail eine erste Idee davon, was da Süßes auf sie zukommt. Und dann eben auch ein, im wahrsten Sinne des Wortes, Geschmacksmuster. Sicher ist sicher. Was dann entsteht, folgt keinem Titel, versteht sich als Übersetzer, Geschmacksnuancen werden sichtbar. Ohne wortwörtlich, eins zu eins also, umgesetzt zu werden. Wer vor einem Vivani-Verkaufsstand steht, der fühlt sich wie in einer Ausstellung. Mehr als 25 Motive, farblich aufeinander abgestimmt, zum Teil erdige Farben, eingerahmt von Anthrazit. Und bei diesem Anblick, beim Schweifenlassen über die unterschiedlichen Motive rückt die Schokolade dann doch in weite Ferne. Wer denkt da noch ans Zugreifen. Wer daran, das gleich hier nebenan ein weiterer großer Teller mit Schokostückchen liegt, schon häppchenweise portioniert, fertig also, um in den Mund geschoben zu werden. Aber, auch wenn es die Geschäftsidee, die Basis von Vivani ist. Es dreht sich eben doch nicht alles um Schokolade. Sondern um mehr. Um das, was sich mit Bio-Schokolade verbinden lässt. Und eben nicht nur den Geschmackssinn betrifft.