Nachfolge

An der Spitze?

Muss einer stehen, der sich kümmert.

Man kennt das Gesicht aus dem Fernsehen. Kräftezehrendes Zerren am Verhandlungstisch, dann das Vor-die-Kamera-Treten zu später Stunde und immer sympathisch aussehen, gut gelaunt verkünden, dass es doch noch geklappt hat, mit der Kurve, der scharfen, die zwar am arbeitskämpferischen Abgrund entlang führte. Aber eben doch nicht abstürzen ließ.

Ebenso gut gelaunt kommt Martin Kannegiesser an diesem Februartag­ auch in den Besprechungsraum. Fünfter Stock, Panoramablick auf eine Vlothoer Landschaft, die doch „so viel Abwechslung bietet, so viele schon fasziniert und begeistert hat, die hier oben standen“, erzählt der Firmeninhaber. Dabei erwarte das der Besucher ja gar nicht. Denn das hier, das ist ja eigentlich ein Industrieunternehmen, unten schlendern gerade Blaumannträger dem Feierabend entgegen, oben weiter wird verwaltet und organisiert, gerechnet und vertrieben. Ganz oben aber, Stockwerk fünf, Spitze des Unternehmenskomplexes, herrscht Ruhe. 

Wer sich mit Martin Kannegiesser unterhält, der erwartet, dass beiden die Zeit im Nacken sitzt. Dem Interviewten, weil sein Terminplan bestimmt ein übervoller ist. Dem Interviewer, weil es für einen, der in dieser unternehmerischen Liga spielt, sicherlich Wichtigeres gibt, als Auskunft zu geben über das, was einmal war. Und das, was vielleicht mal kommen wird.

Aber Martin Kannegiesser hat Zeit. Erzählt erst einmal ganz in Ruhe, den Löffel im Kaffee rührend, wie hier alles angefangen hat. Wie der Vater 1948 die Firma gründete, Bügelmaschinen für die Bekleidungsindustrie herstellte. Damals, da war OWL noch eine echte Hochburg der Bekleidungsindustrie, da wurde gebraucht, was Vater Kanne­giesser vertrieb. Glänzend auch die Idee, sich an die Führenden in der Nähmaschinenbranche, an Pfaff und Dürkopp zu hängen, deren weltweites Vertriebsnetz mit zu nutzen. So wächst das Unternehmen, passiert, was so häufig dazu führt, dass aus einer guten unternehmerischen Idee auch ein florierendes Geschäft wird: Herbert Kannegiesser konzentriert sich auf ­seine technischen Fähigkeiten und findet jemanden, der ihm das Betriebswirtschaftliche abnimmt, die weltweite Kommunikation führt: seine Frau.

Speziell sei diese Aufteilung gewesen, und doch (folge)richtig. „Sehr schnell ging es damals aufwärts“, erzählt Martin Kannegiesser heute, wäre da nicht das plötzliche Aufkommen der bügelfreien Hemden gewesen. Die das Unternehmen, doch, das dürfe man so sagen, in „eine sehr ernste und schwere Krise stürzte.“ Kurz vor dem Abgrund habe eben nicht nur die Firma, sondern die gesamte Familie gestanden. Und während Martin Kannegiesser das erzählt, ahnt der Zuhörer, dass es eng, wirklich sehr eng gewesen sein muss. Und so etwas irgendwie auch zusammenschweißt, einen familiären Zusammenhalt schafft, den es bei Sonnenschein und schwächstem Wellengang vielleicht gar nicht gegeben hätte. Vielleicht lässt sich so erklären, dass es nur einen Besuch, ein Gespräch in Köln bedurfte, wo Martin Kannegiesser BWL studierte und sich doch mit dem Gedanken trug, in die Verlagswelt, in den Journalismus zu wechseln. Krank war der Vater schon damals, als er nach Köln reiste und fragte, wie die Perspektiven so seien. Nicht nur vom Sohn, nicht nur von ihm. Sondern auch vom Unternehmen. 

Lange überlegt? Hat der Sohn nicht. Sondern hat seine Sachen gepackt und ist nach Vlotho gezogen. Stieg als Vertriebsleiter ein, 150 Mitarbeiter zählte damals die Firma, kümmerte sich vor allem um Marketing und Verkaufsförderung, sorgte dafür, dass die Vertriebspartner in aller Welt zu Freunden wurden. Als sein Vater einen Schlaganfall erlitt, übernahm Martin Kannegiesser die 200 Mitarbeiter starke Firma, lange überlegen musste er auch da nicht. Seine Eltern waren froh, dass er da war. Es passte gut, er bewältigte seine Aufgaben nicht nur, sondern machte sie richtig gut. Warum also lange überlegen, auf beiden Seiten? 

Wie er das so erzählt, an diesem Februarnachmittag, da kommt nicht einmal der Gedanke auf, dass es doch Einfacheres gibt, als gerade einmal in so eine Firma einzusteigen. Und sie in so jungen Jahren zu übernehmen. Es muss doch eigentlich geknirscht haben, zwischen den beiden. Es muss doch schwierig gewesen sein, für den einen so viel abzugeben, für den anderen so viel, vor allem Verantwortung, anzunehmen. Von alledem aber? Keine Spur. Es sei einfach gut und richtig gewesen. Für alle. Auch für die Mitarbeiter. 

Wer Martin Kannegiesser nach seinen Hobbys, damals wie heute, fragt, der erntet erst einen erstaunten Blick und dann ein Lächeln. Hobbys? Haben ihn nie gereizt. Er hat sich ganz auf die Arbeit, die Aufgaben, den Beruf konzentriert. Erst viel später sei ihm bewusst geworden, dass er eine Phase im Berufs- und wohl auch im gesamten Leben übersprungen habe. Dass er vom Absolventen gleich zum leitenden Angestellten, dann zum Unternehmer geworden ist. Aber schlecht? War das ganz sicher nicht. 

Aber ein wenig Wehmut schwingt dann doch mit. Sein Vater, doch, das sei „ein sehr warmherziger Mensch gewesen“, einer, der wusste, dass es nicht nur auf Zahlen und Leistung ankomme. Sondern auf weit mehr. „Das“, sagt Martin Kannegiesser, „musste ich selber erst lernen.“ Und ist sich sicher: Wunderbar ergänzt hätten sie sich, hätten sie noch länger Seite an Seite arbeiten können. Sonst aber? Sei er froh gewesen, alleine an der Spitze zu sein. Und die Verantwortung? Habe ihn nicht belastet. Sondern eher angespornt. 

So spricht einer, der sich auf sein Bauchgefühl in Kombination mit seinem Wissen schon früh verlassen hat. Der weiß, dass das Leben eines ­Unternehmers auch mal ein einsames ist, eines, in dem es einfach ist, eine einsame Entscheidung zu treffen und nur vor sich selbst rechtfertigen zu müssen. Er ist mal vom Managermagazin gefragt worden, was seine drei größten Fehler waren. „Die kommen noch“, hat er geantwortet. Und das genauso gemeint. Fehler? Sind wirklich ärgerlich. Falsche Entscheidungen? Ganz normal. Und dazu da, daraus zu lernen, ihre Folgen in den Griff zu bekommen, sie eben nicht sich ärgernd hinzunehmen.

Dass Martin Kannegiesser fast nebenbei eine sehr steile Karriere in der Politik hinlegte, will man anfangs nicht so recht glauben. „Aber bitte, für die Posten, die ich bekleidete, für die bewirbt man sich doch nicht. Da wird man gefragt, da gerät man so rein.“ In ganz schön viel ist er da reingeraten, ist erst aktiv 1969 in die CDU eingetreten, hat sich von Anfang an – natürlich – für die Mittelstandspolitik engagiert und ist so in die Arbeitgeberverbände gewechselt, erst auf kleiner, später als Vorsitzender auf bundes- und europaweiter Ebene. Ein doppelter Beruf sei das gewesen, als Vorsitzender Gesamtmetall mal hierhin, dann dorthin gefahren, geflogen zu sein. Immer wissend, dass gerade der zweite, der ­andere Beruf auch den eigenen Einsatz benötigt. Und gleichzeitig auch wahrnehmend, dass er in beiden Berufen viel bewegen kann. „Als Unternehmer musst du die Kunden gewinnen, in der Politik geht es um Mehrheiten. Vergleichbar sei beides sehr gut miteinander“, erzählt Martin Kannegiesser, nimmt einen kleinen Schluck Kaffee und dann wird es noch ein wenig stiller in dem großen Besprechungsraum mit dem wunderbaren Ausblick. „Meine Familie ist in dieser Zeit zu kurz gekommen. Das ist sicher. Und eigentlich war ich auch nie in der Lage, Freundschaften richtig zu pflegen, so, wie es viele verdient gehabt hätten.“

In der Doppelfunktion sei einfach viel zu viel viel zu wichtig gewesen. Ein Spagat allemal, einer, bei dem er spielend die Themenfelder Verband/Unternehmen wechseln konnte. Und das schlechte Gewissen doch eines war, das im Laufe der Zeit eher schlechter denn besser wurde. 

Jetzt aber ist Schluss damit. Im September gab er seine Ämter in den riesigen Verbänden ab, ließ sich in Berlin noch einmal herzlich Danke für all die Zeit, das Engagement sagen und könnte nun, 71-jährig, doch so langsam auf die Bremse treten, sich zurücklehnen, Zeit mit der Familie aufholen, sich um eine Übergabe in der Firma kümmern. Aber warum eigentlich? „Ich fühle mich prächtig, weiß, dass ich das hier immer noch sehr gut kann“, sagt Martin Kannegiesser und weiß auch, dass er das nicht ewig machen wird. Jetzt aber, wo die Doppelbelastung Geschichte ist, scheint er es noch mehr zu genießen, Unternehmer zu sein. Um die wirklich großen Aufgaben im mittlerweile weltweit 1.300 Mitarbeiter starken Unternehmen? „Kümmere ich mich gerne selber“, sagt der, der jetzt seine Partner und Kunden überall auf der Welt besucht. Der erst einmal nur zuhört, leise nachfragt, sich erst ein Bild, dann Gedanken macht. Es gebe Felder in seinem Unternehmen, die seien ein wenig zu kurz gekommen. Früher. Und holten wieder auf. Heute. „An der Spitze eines Unternehmens? Muss einer stehen, der sich kümmert. Der sich reinkniet, der dahin geht, wo Sand im Getriebe ist“, sagt Martin Kannegiesser und hat genau das für sich beherzigt. 

Viel Zeit darüber nachzudenken, wie es mal weitergeht, wenn es mit dem Reinknien nicht mehr wie gewünscht klappt, bleibt da nicht. Vielleicht wird es eine Stiftung geben, die strukturell das Ruder übernimmt. Vielleicht ist es ja auch die Tochter, die in Cambridge studiert, die zurück nach Vlotho kommt. Am Ende geht es Martin Kannegiesser so wie vielen seiner Mitarbeiter. Beim Blick auf den Kalender, auf das Geburtsjahr könnte man meinen, dass es doch Zeit wäre. Für den Ruhestand. Aber beim Blick tief in sich fragt sich der Vlothoer Unternehmer auch: Warum ist das eigentlich so? Ist Arbeit wirklich immer Mühe und Last? Sicher, es gibt Berufsfelder, da ist schon das Erreichen der Altersgrenze schwer vorstellbar. Aber ist es nicht auch ein Jammer, dass die, die eigentlich noch können, und vor allem wollen, plötzlich nicht mehr da seien? Viele Mitarbeiter hat er, die unter Ruhestand vor allem Stillstand verstehen. Und genau den nicht wollen, weiter herkommen, auch wenn das, um das Martin Kannegiesser früher am Verhandlungstisch gerungen hat, längst eingetreten ist.

Für ihn selbst? Fühlt sich das hier gerade nach allem an, nur nicht nach Ruhestand. Es scheint eher so – wie er da sitzt und erzählt, was ihn gerade alles umtreibt –, dass sich da gerade ein zweiter unternehmerischer Frühling vor ihm auftut. Die Branche ist eine sehr spezielle, die Kontakte solche, die ruhig noch ein wenig intensiviert werden könnten. Und ab September auch werden. „Freude macht es“, sagt er. Und mehr muss Martin Kannegiesser eigentlich auch gar nicht sagen. Man merkt es ihm einfach an.

Wie viel Urlaub sich so jemand gönnt? Zwei Wochen im Sommer, eine im Winter. Wobei, „eigentlich ist man doch immer mit dem Unternehmen befasst. Im Urlaub aber tut es ganz gut, die Dinge mal in Ruhe, aus einer gewissen Entfernung intensiv zu betrachten.“ Scheint fast so, als sei er am Ende gerade jetzt doch länger im Urlaub. Auch wenn sich das nicht so anfühlt.