Perspektive

Ein Diplomat auf Reisen

Eigentlich müssten die Koffer, müsste der 40-Zoll-Container längst gepackt sein. Vier Jahre, das ist der Turnus, der Achim Künsebeck und seine Familie weiterziehen lässt.

Erst New York, dann Lissabon, vier Jahre später Moskau. Zwischendurch noch eine mehrwöchige Abordnung in Kiew, eine Schwangerschafts­vertretung in Rio de Janeiro. Eine kurz­zeitige Unterbrech­ung in Berlin und jetzt eben HongKong. 

Der Sohn aber, gerade seine Ausbildung auf Hongkong Island im Business College der German Swiss International School absolvierend, bringt den von offizieller Seite festgelegten Zeitplan aus dem Rhythmus. Achim Künsebeck beantragt einen zweijährigen Aufschub – und erhält, eigentlich fast unerwartet, eine Zusage. Also zwei weitere Jahre in der Stadt, die ihm ans Herz gewachsen ist. Den Diplomatenpass in der Tasche, auf der Arbeit, im Deutschen Konsulat, nicht nur Pässe für andere ausstellend, sich um die kümmernd, die sich scheiden lassen, die heiraten wollen. Sondern und vor allem für all die jungen Familien da sein, die hier ihre Kinder bekommen. Kurzum: eine konsularische Rundumbetreuung für alle hier anwesenden Deutschen und die Personen, die in irgendeiner Form etwas mit Deutschland zu tun haben. Oder eben gerne hätten. 

Angefangen hat die Odyssee des Bünders in der Kreisverwaltung. Das hier kann nicht alles sein. War sich der Beamte nach einigen Berufsjahren sicher. Und beschloss: Ich bewerbe mich beim Auswärtigen Amt, bilde mich fort, ziehe in die weite Welt. Vom Sesshaftsein im Kreis also gewechselt hin zum Maximum an Nomadentum. Dabei war es nicht einfach, als Seiteneinsteiger, als einer, der zum ersten Vorstellungsgespräch gleich seine Verlobte mitbringen musste. Tropentauglichkeitstest stand auf dem Programm und Englischprüfung. Nach der zweiten persönlichen Vorsprache – dieses Mal alleine - dann die Zusage, 1998 war das und dem Umzug nach Bonn, dem Wechsel in den diplomatischen Dienst stand nun nichts mehr im Wege.

22 Jahre später sitzt Achim Künsebeck mit seiner Frau Dorothee in einem Restaurant auf Discovery Bay, einer Nachbarinsel von Hongkong. Der Taifun bläst mit milder Stärke eins warme Luft herüber, Kinder lachen, ein paar Meter weiter spielt eine Band Jazziges. Es ließe sich gut, sehr gut – mit Ausnahme der extrem hohen klimatischen Bedingungen und der teils hohen Luftverschmutzung - hier leben. Ist sich das Ehepaar sicher. Hongkong, das sicherlich ein hohes Maß an physischer Anstrengung erfordert, sei nach wie vor der Traum vieler Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes. Die Sicherheit in der Stadt ist nicht hoch genug einzuschätzen, das Leben ein spannendes und oft hektisches auf Hongkong Island, jedoch ein ruhiges daheim auf der autofreien Halbinsel. Ein gutes halbes Jahr noch, dann flattert die neue Liste ins Haus. Die, auf der all die Stellen aufgezählt sind, für die sich nun beworben werden kann. Und muss. Was drauf stehen mag? Noch ungewiss. Und damit nicht lohnenswert, sich damit, allein mit dem Gedanken, weiter zu beschäftigen. Südamerika vielleicht? Achim Künsebeck nickt, seine Frau schüttelt den Kopf. Es sei wohl noch Überzeugungsarbeit zu leisten, sagt der Mann, der tagsüber denen hinter schusssicherer Glasscheibe gegenüber sitzt, die sich Hals über Kopf in ausländische Partner verliebt haben. Die nun von Heirat und Zusammensein erzählen und ein deutsches Visum beantragen. Es scheint, so aufgezählt, auf den ersten, den flüchtigen Blick kein wirklich aufregender Beruf an sich zu sein, der sich hinter den Begriffen Hongkong und Diplomatenstatus verbirgt. Aber er ist es. Route spielt auch hier eine Rolle, sicher. Aber sich immer wieder auf andere Erdteile, neue Länder neue Sitten, neue Kollegen und Länder einzustellen, reizt und strengt an zugleich. Da gibt es natürlich auch spannende Geschichten zu erzählen. Wie die von dem Deutschen, der in Hongkong gestrandet ist, zurück in die Heimat will, aber all sein Hab und Gut verloren hat. Kein Flugticket, kein Geld, kein Pass. Nichts mehr also in Tasche oder Händen. Für einen Anruf beim Bereitschaftsdienst des Konsulates reicht es aber doch noch. Ob er helfen könne, sofort. So die Bitte zu nächtlicher Stunde. Achim Künsebeck kann, am nächsten Morgen. Erst einmal den Mann mit 25 Euro Startkapital ausstatten. Dann die Personalien per Fax und über das betreffende Einwohnermeldeamt klären. Später dann erläutern, wie das geht, mit dem Geldüberweisen per Express ins Ausland. Und dann noch einen vorläufigen Pass ausstellen, damit er dann doch zurück nach Deutschland gehen, sprich fliegen kann.

Jeden Morgen setzt sich Achim Künsebeck in Bewegung, fährt oder läuft von der eigenen Wohnung runter zum Fähranleger. Eine knappe halbe Stunde rollt das Schiff zwischen Containerriesen, Militärbooten, Ausflugsdampfern, Ozeanriesen und winzigen Fischer-Nussschalen gen Hongkong Island. Immer pünktlich, nie haben es die Künsebecks erlebt, dass ein öffentliches Verkehrsmittel mal verspätet gekommen ist. An Pier 3 in Hongkong Island angekommen geht es weiter zu Fuß, dann noch eine Station mit der U-Bahn und der 49-Jährige erreicht das Konsulat. 5 Millionen Menschen wechseln Tag für Tag mit U-Bahn oder Fähre rüber auf die pulsierende Insel. 2.500, vielleicht auch 3.000 Deutsche befinden sich dabei unter ihnen.

Einmal im Jahr geht es auf Heimaturlaub zurück nach Deutschland. Wobei sich Familie Künsebeck gar nicht mehr so sicher ist, wo die eigentlich liegt. Ein Sohn ist zwischenzeitlich in Moskau hängen geblieben, nun wohnt er in Köln. Der jüngste wird wohl in Hongkong bleiben, wenn aus der Ausbildung eine Festanstellung wird. Freunde? Haben Sie viele gefunden und viele wieder verloren. Es sei schwierig, über die Distanz den nahen Kontakt zu halten. Auch im Zeitalter von E-Mail und Internet. Die aber, die geblieben sind, sind zu echten Freunden geworden. So wie die Menschen, die sie in Lissabon kennenlernten. Menschen, zu denen sie sich vorstellen könnten, zurückzugehen, wenn die Pensionierung naht. Noch aber ist daran nicht zu denken. Einmal im Jahr also geht es zurück nach Deutschland, alle zwei Jahre steht der Gesundheitscheck in Berlin an. Dann rückt nicht nur Achim Künsebeck, sondern die gesamte Familie vor den Amtsarzt, wird wiederum festgestellt, ob die Tropentauglichkeit noch besteht. Zehn oder mehr Städte – eingeteilt in Kategorie A (gut) – C (schlechter, schwieriger oder gar Härteposten) darf sich die Familie dann aus der Liste aussuchen, dann fällt irgendwo eine Entscheidung und die Koffer werden gepackt. Als das das erste Mal der Fall war, boten sie erst Amsterdam an. Aber von Bünde über damals noch Bonn nach Amsterdam wechseln? War nun wirklich nicht das, was sich Achim Künsebeck unter der weiten Welt vorgestellt hat. Da kann ich ja in Bünde wohnen bleiben und jeden Morgen mit der Bahn fahren. Hat er scherzhaft dem Verantwortlichen erzählt. Zweite Option: Paris. Auch abgelehnt. Am Ende die Entscheidung: Beirut. Doch der damals herrschende Bürgerkrieg machte einen Strich durch die Rechnung von dem, der als Einstellungsvoraussetzung eine weltweite Versetzungsbereitschaft mitbringen musste. Die Beiruter Botschaft wurde geschlossen. Also hieß es weiter warten auf den ersten Auslandsposten für Achim Künsebeck. Am Ende hat er sich dann New York gewünscht. Und New York bekommen. Ist erst alleine über den großen Teich gezogen, hinein in eine Stadt, die kaum aufregender sein kann. Hinein also in ein pulsierendes Manhattan. Das kulturelle Angebot sei ein berauschendes gewesen, erzählt das Ehepaar, als im Restaurant der Discovery Bay der Hauptgang serviert wird. Galerien an jeder Ecke, Aufführungen, Konzerte. Spätestens hier haben sie ihre Liebe für die Kunst entdeckt. Heute malt der Konsulats-Mitarbeiter selber, kauft er Leinwände im nahegelegenen chinesischen Festland. Seine Frau hat eine Kunstagentur eröffnet, hat sich als Ziel gesetzt, deutsche Kunst und Künstler nach Hongkong zu holen. Und der Ehemann? Steht dabei beratend zur Seite, die Kontakte zu bekannten und befreundeten Künstlern nutzend, die er seit Jahren aufgebaut hat. All das steckt noch in den Kinderschuhen. Aber das könne sich ändern, sind sich beide sicher. Kunst, die Kontakte zu Künstlern, die sie knüpfen und pflegen, lassen sich schließlich mitnehmen. Wohin? Ist nicht geklärt. Und eigentlich auch nicht wichtig. Brasilien, Rio wäre eine Option, beide sprechen fließend Portugiesisch. Bei der WM, bei Olympia würde hier sicherlich viel spannende Arbeit anfallen. Aber die Kriminalitätsrate schreckt dann doch ab. Vielleicht noch einmal Moskau? Auch hier: die russische Sprache ist längst erlernt. Und auch ein Zurückkommen in eine Stadt ist im Auswärtigen Amt möglich.

Vielleicht wird es aber auch etwas ganz anderes. Gehen Koffer und Container ganz woanders hin. Diese Rastlosigkeit, diese Neugierde auf die Welt sei in den Jahren keine wachsende, eher eine langsam einschlafende gewesen, sind sich beide sicher. Aber was sie in den vergangenen zwanzig Jahren erlebt haben, sei doch kaum zu übertreffen. An kulturellen Erlebnissen, an Abwechslung. Die Zeit in Hongkong noch genießen, die Liste abwarten. Dann geht es weiter. Wohin auch immer. Wird schon etwas schönes dabei sein.

Wenn es nur nicht Deutschland ist. Da war erschon vor ein paar Jahren. Für Achim Künsebeck hieß es damals zurück nach Berlin, auf ins Protokoll. Dahin, wo die wichtigen Staatsbesuche vorbereitet und begleitet werden. Beim G8-Gipfel in Heiligendamm nahm er direkt am protokollarischen Hauptgeschehen teil. Zuständig für die Verabschiedung der ausländischen Delegationen schüttelte er an diesem Tag die Hände der mächtigsten Leute der Welt. Zweifellos einer der Höhepunkte seiner bisherigen beruflichen Karriere. 

Froh war er, als es danach wieder weiter ging. Denn ein Leben in Deutschland, in Berlin? Nicht wirklich vorstellbar. Obwohl? Was ist die wirkliche, die richtig Perspektive? Wie sieht die Zukunft aus? Vielleicht bewerbe ich mich beim Marketing der Stadt Bünde? Mache nebenbei eine Galerie auf? Oder kandidiere als Bürgermeister für die Gemeinde Rödinghausen? Alles denkbar. Und alles irgendwie dann doch nicht so richtig ernst gemeint. Sagt Achim Künsebeck. Und lacht.

Dann als Pensionär doch lieber pendelnd. Zwischen Bünde und Lissabon vielleicht, sich der Kunst, den übrig gebliebenen Freunden widmend? Auch vorstellbar. Wie so vieles. Aber eben nicht planbar. Was doch den Reiz ausmache.