02/2012

40 Tonnen Müdigkeit

Eine Nacht auf dem Shell-Autohof

Es gibt ganz sicher nur wenige Situationen, in denen man sein Leben gegen das eines Fernfahrers, eines echten Truckers tauschen möchte. Aber jetzt hier, Sonntagabend, Ende Januar, 2 Grad, strömender Regen, bockiger Wind, da fällt keine einzige ein. Zu ungemütlich die Witterung, zu stark pfeifend der Sturm, der zwischen den 40-Tonnern hindurch in Richtung Autohof donnert.

Einer, der diese Wahl nicht hat, ist Martin. So heißt er eigentlich gar nicht, aber Namen oder gar Fotos sind hier tabu; unterhalten ja – das Du wird gar nicht erst angeboten, sondern gleich ausgesprochen – aber allzu persönlich darf es dann doch nicht werden. Der, den wir Martin nennen, ist hier gestrandet. Pech gehabt, könnte man sagen. Er drückt es mit drastischeren Worten aus, meint aber dasselbe. Bei einer Massenkarambolage hoch im Norden saß er mittendrin, eingeklemmt zwischen PKWs und 40-Tonnern, entkam zwar unverletzt und ohne Schramme am Fahrzeug, der eigene Zeitplan aber war ein ramponierter. Hinten drauf hat er einen Seecontainer, abgeschrammte rote Farbe, übersät von Dellen und Kratzern und doch die beste Wahl, wenn man Fernfahrer ist, weiß Martin. „Wenn du Plane oder Kühlung fährst, dann musst du immer mit anpacken, bist nicht nur Fahrer, sondern auch noch Packesel.“ Beim Container aber darf er nicht einmal Hand anlegen. Denn das, was da tonnenschwer auf seinem Auflieger lastet, gehört nicht dem Spediteur, nur dem Kunden. „Wenn ich da die Türe aufreiße und mir donnert eine Kiste auf den Kopf, bin ich nicht versichert – also lasse ich das lieber“, sagt Martin. Traurigkeit hört sich anders an. Bis nach Bünde hat er sich noch geschleppt, die erlaubte Fahrtzeit immer im Blick, wissend, dass das Wochenende nun keines bei der Familie im fernen Spreewald sein wird. Dabei ist das die Ausnahme. Zwei, drei Mal im Jahr passiere das, dass er irgendwo strande. Und wenn schon unfreiwillig hängenbleiben, dann doch bitte auf einem Autohof. Wo er warm essen, warm duschen, warm schlafen kann.
Dabei sind es weniger Trucker geworden, die hier das Wochenende verbringen. Der Parkplatz ist gut gefüllt, aber viele Führerhäuser bleiben leer. „Unsere Kunden teilen sich auf; die einen lassen nur ihren Wagen hier stehen, die anderen bleiben das gesamte Wochenende", sagt Klaus Dannauer vom Shell-Autohof. Der hat insgesamt rund hundert Parkplätze im Angebot, und ist damit „am oberen Ende des Möglichen angekommen.“ Ein Ausbau kommt aber erst einmal nicht in Frage, so, wie es jetzt ist, sei es eigentlich genau passend. Früher, da sind auch die hierher gekommen, die viele Kilometer auf dem Buckel, aber keinen Cent in der Tasche hatten. Heute kostet jede Nacht auf dem Tankhof zehn Euro, acht davon können gleich wieder im Shop eingelöst werden. 

Sascha hat sich Samstag von seiner Frau abholen lassen, drückt ihr jetzt noch einen Kuss auf die Wange, und dann startet mit dem Ende des Wochenendes die nächste Tour. Sascha fährt Kühlung und international, startet von hier aus rauf nach Schweden und Norwegen. Was das bringt? Viele Kilometer vor allem. Und noch dazu 68 statt 24 Euro Verpflegungspauschale. Und das zählt für die Männer auf den gepolsterten Fahrersitzen. Der von Viktor – unterwegs aus Lettland, Zwischenziel Rotterdam, danach alles noch nicht entschieden – ist gar mit Leopardenfell überzogen. „Weil das so gut wärmt.“ Einen kalten, ungemütlichen Eindruck macht dabei keine der Kabinen, die nach außen mit schwarzen Gardinen abgeschirmt und innen hell erleuchtet sind. Kaffeemaschine, Computer, Internet, Fernseher, Kühlschrank, Kuscheltier – alles an Bord. „Das ist auch das Mindeste, was man erwarten darf“, ist sich Viktor in gebrochenem Deutsch sicher. Bei der Sprache beginnen die Schwierigkeiten auf dem großzügig dimensionierten LKW-Parkplatz, der dann doch manches Mal zu klein wird. Polnische LKW-Fahrer rangieren hier ihre Sattelzüge so lange hin und her, bis sie neben ihren Landsleuten stehen. Letten, Litauer und Weißrussen stehen hier, daran gewöhnt, dass das Wochenende auf der Piste, auf dem Parkplatz verbracht wird. „Das hier, das ist meine zweite Heimat“, sagt Martin, als er die hochgelegene Tür aufschließt und einen Blick ins Innere des Führerhäuschens gewährt. Bei manch einem ausländischen Trucker ist man sich nicht sicher, ob es wirklich die Reserve-Wohnung ist. Oder ob die nicht in der Heimat liegt.
Was genau geladen ist, wissen längst nicht alle. In den Container von Martin schiebt morgen um sechs Uhr in der Früh die Firma Hettich ihre Ware; was genau, weiß er nicht. Und interessiert ihn auch nicht. Hauptsache, er kommt gut durch, erreicht nachmittags Hamburg und lässt sich dann überraschen, wohin die Reise weitergeht. Seit 1991 sitzt er auf dem Bock, wie er sagt; nein, ein Traumjob sei das nicht, aber irgendwie sicher, irgendwie gar nicht so schlecht bezahlt, irgendwie einer, zu dem sich nie eine Alternative geboten habe. Erst ist er regional unterwegs gewesen, dann quer durch Deutschland; jetzt eben, wo er es etwas ruhiger angehen will, mit dem Container durch Deutschland, mal in die Schweiz, mal nach Österreich. Ein russischer Kollege hat da noch eine ganz andere Entfernung vor sich. Hintendrauf hat er tonnenweise Erdnüsse, der Weg soll runter gehen in den Vorderen Orient. Wohin genau? Schulterzucken. Wieso er von Russland über Bünde bis kurz vor den Irak gondelt? Nicht aus ihm herauszubekommen. Und erst beim Blick in die Frachtpapiere auch von ihm zu verstehen. Hier steht, was geladen wurde, was wohin und vor allem wann wo sein muss. Ob der zeitliche Druck das Belastendste sei? „Ach, das ist übertrieben. Mal hat der Chef Stress, mal nicht. So wie Chefs eben sind“, sagt Jens und sieht nicht, dass er heute mehr als noch vor vier, fünf Jahren gehetzt wird. Schnell zugehen tut es auf den Straßen für LKWs sowieso nicht. Und die Fahrzeitregelung tue eh ihr Bestes, um schnelles Vorankommen zu verhindern. 
Dienstag- und Mittwochabend ist hier am Shell-Autohof erfahrungsgemäß am meisten los. Dann rollt der eine an, der andere fährt wieder. Wird der Hänger gewaschen, der Ölstand überprüft, die Liebste per Handy ­an­­­­­ge­rufen, ehe die Fahrer unter die wärmende Daunendecke schlüpfen.
So ein richtiges Gemeinschaftsgefühl kommt trotz der Vielzahl an Fahrern dennoch nicht auf. Vorne in der Reihe parken die Deutschen, hinten die, die von weit her kommen und weit weg fahren. Aber auch hier: Die Monitore und TV-Bildschirme werfen künstliches Licht auf blasse Gesichter, jeder sitzt in seiner Kabine, jeder schlägt die Zeit auf seine ganz eigene Art tot. Auch beim Essen: Die einen schwören nicht zuletzt aus Kostengründen auf Selbstzubereitetes und von daheim Mitgebrachtes. Die anderen gehen essen. Warm, viel und fettig. Es sei kein Vorurteil, es sei die Wahrheit. Sagt Martin, streicht sich über den Bauch und nimmt hin, dass seine Hand dabei einen großen Bogen zieht. Es sei immer das Gleiche. An Mittagessen, an eine gesunde Aufteilung der Nahrungsaufnahme sei nicht zu denken. Also tagsüber Kaffee, Cola, Kekse, abends dann Bratwurst, Bratkartoffeln, Burger. Er würde ja wollen. Also sich gesünder ernähren. Aber in die Tat umsetzen? Ließe sich das einfach nicht.
Kurz vor 22 Uhr dann ein Getöse wie auf dem Flugzeugträger. Dieselaggregate springen an, wärmen donnernd das Führerhaus und sorgen dann für Vortrieb. „Natürlich dürfen wir erst um 22 Uhr auf die Autobahn fahren“, sagt Jens. Und genauso natürlich kümmere sich niemand um die genaue Einhaltung dieser Regelung. Für Martin ist es so noch einmal richtig laut im Führerhaus-Fernsehen läuft gerade der Tatort – die Kollegen, die sich irgendwie doch nicht alle wie solche anfühlen, brummen davon, dann ist es still. Zurück bleiben die, die sich Zeit lassen können. Und eben Martin, der morgen um halb sechs nach Kirchlengern zuckeln wird. Von Bünde? Hat er noch nie etwas gesehen. Er kennt nur die Autobahnabfahrt, den Kreisel, den Autohof. „Eigentlich ist für mich ganz Deutschland nach Autohöfen eingeteilt. Die kennt man, mehr nicht“, sagt Martin, knipst erst den Fernseher, dann das Licht aus und weiß: „Morgen geht die Reise weiter.“ Die irgendwie nie zu enden scheint. Und auch in Bünde, wenn auch unfreiwillig, nur kurz unterbrochen wurde.