03/2012

Angebissen

Oliver Fuckert und seine Fische

Furcht einflößend sind die Zähne. Bereit, sich den nächstbesten Leckerbissen zu schnappen und ihn hastig, der Meute entkommend, runterzuschlucken. Dann ein kräftiger Schlag mit der Schwanzflosse, und der Barrakuda schießt wieder zurück in dunkle Tiefen. Ein letztes Aufblitzen der silbrigen Flanke, jede Schuppe reflektiert das schräg einfallende Licht. Dann ist wieder Ruhe. Nichts zu sehen von einem Fisch, der den Überraschungseffekt liebt. So wie Oliver Fuckert, der diesen Barrakuda hier gerade in den Händen hält.


Hier, das ist ein Keller in Holsen. Ein paar Treppenstufen runter ins Kellergeschoss, da, wo Skalpell neben Skalpell liegt. Fein säuberlich aufgeräumt, nach Größe geordnet. Daneben Farbpigmente in kleinen Glastöpfchen, aus den USA geliefert, jetzt dazu benutzt, um Schuppen und Schattierungen auf fischiger Haut perfekt zu imitieren. Oliver Fuckert ist Angler. Und Chirurg. Aus beidem zusammen entsteht ein Hobby, das deutschlandweit nur sehr wenige beherrschen: Er präpariert Fische. Was sich zunächst einmal nüchtern betrachtet auch ebenso liest, entfaltet seine Wirkung erst, wenn der Blick auf Barrakuda und Hecht, Lachsforelle und Aal fällt. Wenn an der Wand hängt, was so echt wirkt, als gehöre es sofort ins nasse Element zurück. Klarer Lack gibt den Tieren den feuchten Glanz, Farbschattierungen, perfekt ausgearbeitete Augen und Flossen zeigen, wie der Fisch aussieht, den der Angler gern an der Rute, der Genießer gerne in der Pfanne hätte.
Angefangen hat alles mit der Idee, die selbst gefangenen kapitalen Fische irgendwie zu konservieren. Nur ein Foto war dann doch zu wenig. Also stellte sich die Frage: Fisch weggeben oder selber machen? Wer tagsüber im Lukas-Krankenhaus als Allgemeinchirurg arbeitet, wer millimetergenau mit dem minimal-invasiven Besteck in der Bauchhöhle hantiert, der stellt sich diese Frage nicht lange. Der macht einfach. Schaut im Internet, steckt seine neugierige Nase in Fachliteratur und beginnt dann. Probiert aus, lackiert hier, modelliert da und bringt am Ende den ersten Fisch schon zur Perfektion. 
Schnell spricht sich unter Anglern herum, dass hier eine die Fingerfertigkeit, die Geduld, die Präzision besitzt, um aus kapitalen Fängen ebensolche Abbilder zu formen. Was dann geschieht, übersteigt die Vorstellungskraft der Nichtangler. Der UPS-Mann klingelt an der Haustür in Holsen, unter dem Arm ein Paket, das ausgestopft ist mit alten Zeitungen. Mittendrin ein Handtuch, das sich um einen gefrorenen Fischleib legt. Gepackt und abgeschickt in Irland, in Skandinavien, in Spanien. Mit der Hoffnung, dass hier einer die Verwesung aufhalten, vor allem aber die Erinnerung konservieren kann. Fotos werden mitgeschickt, Wünsche formuliert, auf welchem Untergrund denn das Modell angebracht werden soll, ehe es in die eigenen vier Wände gehängt wird. So drängen sich in der Kühltruhe von Oliver Fuckert Lachs und Hecht, allesamt Raubfische, die dem Chirurg auf den Tisch und gleichzeitig an den Haken kommen. Lang dasitzen, den Blick auf die ruhig dahinwippende Pose gerichtet, am Haken zwei Körner Mais und jede Menge Geduld und Sitzfleisch am Ufer des Tümpels mitbringend? Ist nicht die Sache des Raubfischpräparators. Dann lieber hüfthoch in glasklarem Wasser stehend, durch die Wathose geschützt vor Nässe und Kälte. Die winzige, selbstgebundene Fliege umspielt den Haken und wird vom Angler ganz sacht auf die Wasseroberfläche gesetzt, während dieser darauf wartet, dass die Forelle steigt, der Haken sitzt und die Schnur hält. Fliegenfischen, das ist für den Zuschauer die ästhetischste Art der Anglerei. Und für den Angler die fairste. Denn hier geht das Duell häufig zugunsten des Schuppenträgers aus, hier ist jeder gehakte Fisch noch lange kein gelandeter. Schiebt sich aber der ovale Kescher unter ein kapitales Exemplar, dann beginnt erst die Arbeit. Dann entsteht in Kleinstarbeit ein GFK-Körper, der weißlich schimmernd die Formen des Fangs kopiert. Mehrere solcher Körper lagern im Keller von Oliver Fuckert. Mal selber gegossen, dann aus den USA importiert. So kam ein riesiger Marlin, gute 3,5 Meter lang, gleich in drei Teilen über den großen Teich geflogen, um Porto zu sparen und von Oliver Fuckert wieder zusammengesetzt zu werden. Auch er schneeweiß, auch er noch sehr viel Raum lassend, um aus einem unecht wirkenden Körper ein Abbild der Natur zu erstellen. Wie das geht, zeigt Oliver Fuckert an diesem Abend. Durch die winzige Öffnung der Lackpistole spritzt es mal silbrig, dann marineblau auf die Fischflanke. Immer wieder trägt er weitere Schichten auf, tupft mit dem Finger Pigmente an die Seitenlinie, lackiert und pinselt, ehe am Ende entsteht, was nicht nur Angler entzückt, die viele hundert Kilometer mit dem Auto herkommen, um aus ihren Prachtexemplaren auch Prachtpräparationen machen zu lassen. Heute sind es auch Museen, die Oliver Fuckert und seine Arbeit längst für sich entdeckt haben. So wie das Hessische Landesmuseum zu Darmstadt, Abteilung Zoologie, das Barrakuda, Doktorfisch, Aal und Äsche bestellte. Das Auftragsbuch ist ein prall gefülltes und längst nicht abgearbeitetes. Dabei soll es so wie bezeichnet gar nicht verstanden werden. Denn das hier, das ist keine Arbeit. Das ist Erholung von der Arbeit. Hier sitzt nicht wie im OP die Uhr im Nacken, hier dient das Ansetzen der Klinge der Entspannung. Die Zeit verfliege wie im Nu, erzählt Oliver Fuckert. Am Ende, nach unzähligen Stunden, schmiegt sich isolierende Noppenfolie um den Fischkörper, wird für den Versand vorbereitet, was bald schon im Museum Neugierigen die Fischwelt näherbringt. An Weltmeisterschaften hat Oliver Fuckert schon teilgenommen und Medaillen und beste Platzierungen gewonnen. Unter Anglern ist er eine feste Größe, Museumsleiter haben ihn längst auf der Liste, wenn es um die Neuausstattung von Ausstellungen geht. Und selbst Angler, die den Fang ihres Lebens schon an der Wand hängen haben, kommen nach Holsen. So wie der Zahnarzt, der in den vergangenen Tagen 600 Kilometer hinter sich legt, um Lachs und Forelle in den Keller von Oliver Fuckert zu schleppen. Beides Echtpräparate, also nicht abgegossen, sondern die echte Haut, die echten Flossen verarbeitend. Aber wie? Oliver Fuckert mag nicht hinschauen, der Angler blickt auch betreten zur Seite. Wie kann aus einer Bachforelle, 70 Zentimeter lang, zehn Pfund schwer, ein außergewöhnlicher, ein Spitzenfang also, ein solches Trauerspiel werden? Die Flossen an der falschen Stelle sitzend, die Farbe mit dem Pinsel, die markanten roten Punkte mit dem Filzstift aufgetragen. Es wird einige Zeit dauern, ehe aus dem ramponierten Fisch eine echte Trophäe wird. Ehe erkennbar, vorstellbar ist, was da für ein Brocken an winzigem Haken hing, der kämpfte, der sich sträubte, der am Ende doch im Kescher und dann eben an der Trophäenwand landete.
Das Erlebnis des Angelns hat Oliver Fuckert immer seltener. Zu wenig Zeit lässt der Beruf, zu wenig Freiraum des Kellerhobby. Man muss sich halt entscheiden. Lachsfleisch gibt es dafür immer noch bei Familie Fuckert. Aus der Truhe, nicht vom eintönig mundenden Zuchtlachs, sondern von seiner wilden, schmackhaften Variante. An die Werre aber ist er mit seiner Fliegenrute schon im gesamten vergangenen Jahr nicht mehr gekommen, nur im Urlaub wirft er die Kunstfliege aus. Was dann an den Haken geht, wandert nur selten in die überfüllte Kühltruhe. Sondern meist zurück in den Fluss. Zurück in die Tiefe, da, wo die Fische unter sich sind.