04/2012

Kreuz & Quer

Gibt es einen männlicheren Beruf? Einen, den Frauen nicht nur nicht haben wollen? Sondern ihn nicht einmal ausüben dürfen? Thomas Thiele hatte so einen.

Bewegende Worte sind das Metier von Thomas Thiele. Aus Berufung. Aber auch, weil sie viele Jahre lang den Großteil seines Berufs ausmachten. Thomas Thiele war katholischer Pfarrer in einer Bünder Gemeinde. Und das mit Herz und Seele, das könne man ruhig so nennen. 

Obwohl, als er sich für den Weg entschied, als er den zuvor erlernten Beruf des Gärtners hinter sich ließ, da „war mir schon damals bewusst, dass es die Möglichkeit gibt, dass das Zölibat von mir nicht unbedingt und ohne Zweifel einzuhalten sei“, erinnert sich der heute 50-Jährige. Man solle halt nie Nie sagen, das sehe der Volksmund schon ganz richtig. Es kam, was er damals schon, nun, zumindest nicht für komplett unmöglich gehalten hatte. Es kam also die Liebe. Und ging der Beruf. Wobei das nicht so einfach ist, wie sich das jetzt hier liest. Denn wer das Zölibat bricht, der gehört weiterhin den Priestern des Erzbistums Paderborn an. Und ist gleichzeitig suspendiert von seinen Aufgaben. All das ist Vergangenheit. Die, die anfangs Probleme hatten, ihren ehemaligen Gemeindepfarrer immer noch in Bünde anzutreffen, haben sich dran gewöhnt. Und der, der damals gehen musste, hat die steinige Anfangszeit seiner Selbstständigkeit längst hinter sich gelassen. Dabei sei das eine echte Herausforderung gewesen. Einfach nur dazusitzen. Und auf das Telefon zu starren. Sicher, es sei finanziell eine kritische Lage gewesen. Aber noch schwerer habe gewogen, die Zeit mit Inhalt zu füllen. Als Pfarrer bist du ständig unterwegs, der Terminkalender ist ein prall gefülltes Buch. Plötzlich dann, von einem Tag auf den anderen: komplette Leere. Im Kalender, im Leben. Dabei wusste Thomas Thiele schon damals, was er machen wollte. Trauerreden halten, das sollte es sein. Was damals die unternehmerische Idee war, ist heute gelebte Wirklichkeit. Wenn er davon erzählt, dass er nun echte Typen, Künstler, Musiker, Charakterköpfe in den Worten der Angehörigen kennenlernt und dann vor der Trauergemeinde über sie spricht, dann merkt der Zuhörende, wie sehr ihn diese Aufgabe packt, selbst bewegt. Da hat er gerade letzte Woche die Trauerrede gehalten über oder besser: für eine Frau, die alt, sehr alt war. Und seit 67 Jahren mit einer anderen Frau zusammenlebte. Kann man sich vorstellen, wie da getuschelt wurde, in der Nachbarschaft? Und kann man sich nicht noch schwerer vorstellen, welchen Mut es erforderte, diesen einmal eingeschlagenen Weg fortzuführen? Respekt und Bewunderung sind, was Thomas Thiele für diesen Menschen empfindet. Und gibt es dann Erfüllenderes, als für einen solchen Menschen eine Trauerrede zu schreiben, zu halten? Sicher, häufig gebe es nur wenig Zeit, um sich ein Bild zu machen. Nicht nur im übertragenen, gerne auch im echten Sinne. Also schaut sich Thomas Thiele Fotos der Verstorbenen an. Damit sich in seinem Kopf die so gesammelten Puzzleteile zu einem Ganzen zusammen fügen. Er fragt nach, lässt sich berichten. Und erträgt auch die Stille, das Schweigen. Tränen? Die muss man in solchen Situationen auch fließen lassen können, weiß der ehemalige Priester. Herausfordernd seien auch die Suizide. Und hat er in seinem früheren Beruf geahnt, wie viele es davon gibt? Hat er nicht. Und hat auch heute keine Antwort auf die Frage, die viele still zu stellen scheinen, die zu solchen Beerdigungen kommen. „Ich kann keine Antworten geben“, sagt Thomas Thiele dann. Das sei nicht seine Aufgabe. Er ist dazu da, ein Bild aufzuzeigen, den mit schlichten, sachlichen, dann wieder bewegenden Worten zu charakterisieren, der da gerade gegangen ist. Es sei ganz sicher nicht so, dass eine Trauerfeier nur gut sei, wenn viel geweint würde. Herr Gott, die Trauer ist doch eh da, die muss man mit seinen Worten doch nicht noch verstärken. Dann lieber das Leben anhand starker Leitworte noch einmal Revue passieren lassen. Nicht die Daten aneinanderreihen, bloß nicht. Auch nicht Esoterisches bemühen. Sondern sachlich bleiben, die Schlüsselwörter, die das Leben des Verstorbenen charakterisieren, erklären, mit ihnen der Rede starke Stützen geben. Es gibt eine große Konkurrenz heutzutage bei den Trauerrednern. Lehrer, Journalisten, selbst ein Feuerwehrmann bemüht sich hier in der Umgebung um Aufträge. Was Thomas Thiele aber auszeichnet und abhebt, ist sein theologischer Hintergrund. Den haben viele seiner Auftraggeber nicht. Ganz im Gegenteil. Viele haben den Kirchen bewusst den Rücken zugekehrt. Andere haben sich geärgert. Über den Gemeindepfarrer, der Namen auf vorherigen Beerdigungen vertauschte, der für das gemeinsame Gespräch zu wenig Zeit einkalkulierte, der gar nicht genau hinhörte, weil er Trauerreden nach dem Baukastenprinzip zusammensetzte. Dann wird Thomas Thiele gerufen. Auch von denen, die dann doch christliche Lieder singen wollen, denen das Vaterunser nicht nur ein Begriff ist, sondern sie begleitete, ein Leben lang. Vielleicht wählen diese Menschen gerade ihn, weil er über diese besondere Vergangenheit verfügt, weil er sich nicht als Tränenredner versteht, weil er kein Ersatzpastor ist. Es gehe vielmehr darum, in dem Angehörigengespräch Nuancen rauszuhören. Und die dann sprachlich, inhaltlich umzusetzen.
So hat er das früher als katholischer Pfarrer gemacht, so macht er das heute als Ein-Mann-Unternehmer. Längst sind die Hürden des Startes in die Selbstständigkeit überwunden. Der Kalender ist wieder richtig voll, das berufliche Leben ein ausgefülltes. Er macht einen glücklichen Eindruck, wie er da mit dem Hund spielt, am Esstisch sitzt und davon erzählt, wie der Bruch mit der katholischen Kirche ein tiefer, ein intensiver, ein einschneidender wurde. Denn als gläubiger Christ sieht er sich noch immer. Ist aus der römisch-katholischen Kirche aber ausgetreten und in die alt-katholische eingetreten. Die kenne heute kaum jemand, was eigentlich schade sei. Sie spaltete sich nach der Unfehlbarkeitsfeststellung des Papstes 1874 ab und zählt heute im gesamten deutschsprachigen Raum 30.000 Mitglieder. Hier gibt es kein Zölibat, Frauen können die Priesterweihe entgegennehmen, wer zum zweiten Mal verheiratet ist, darf das Abendmahl empfangen. Es scheint eine sehr liberale Variante der römisch-katholischen Kirche zu sein. 
Der Austritt Thieles rief noch einmal ein Donnerwetter aus Paderborn hervor, ein erboster Brief des Bischofs, der nun von Exkommunikation sprach. „Aber damit befinde ich mich eigent­lich in bester Gesellschaft“, sagt Thomas Thiele heute. Galileo Galilei, Martin Luther, Eugen Drewermann – allesamt exkommuniziert. Der Bischof also drohte in seinem Schreiben; mit angstmachenden Drohungen, den Verlust des ewigen Heiles bei Gott betreffend. Thomas Thiele schrieb freundlich und höflich, seine Situation erklärend zurück und was dann per Post kam, nennt Thiele heute ein versöhnliches Schreiben des Bischofs. Auch hier also: ein ganz gutes, ein zufriedenstel­lendes Ende. 
Heute ist der ehemalige Priester wieder zu einem solchen ohne Zusatz geworden. Seine Priesterkleidung hatte er damals, vor Jahren einem Bielefelder Freund geschenkt. Und was hat der sich gefreut, als Thomas Thiele plötzlich wieder vor der Tür steht und fragt, ob er das Geschenk zurückhaben könne. Er ist jetzt wieder Priester, allerdings mit Zivilberuf. In Osnabrück, bei der alt-katholischen Kirche, ein Priester im Ehrenamt quasi. Sein Zivilberuf ist dabei einer, der diesen Zusatz eigentlich gar nicht benötigt. Er lehrt heute Ethik im Gesundheitswesen, arbeitet in der Senioreneinrichtung Ravensberger Residenz 15 Stunden die Woche im Sozialdienst. „Und ist es nicht herrlich, das zu tun, was ich früher auch gemacht habe? Wieder ganz nah bei den Menschen zu sein?“, fragt er sich. Und eigentlich auch nicht, denn er kennt die Antwort. Vor allem aber ist er einer, der Worte jonglieren, mit Worten fesseln kann. Einer, der bewegt.