11/2011

Tatü-Tata

Eine Nacht im Notarztwagen

Das Essen ist in greifbarer Nähe, es dampft unter der Alufolie, der Magen knurrt, es ist alles angerichtet. „Und es ist immer das gleiche“, sagt Dr. Peter Lorenz, schaut auf seinen Pieper und lässt das Abendessen Abendessen sein und läuft in Richtung Ambulanz. Da steht das Notarzteinsatzfahrzeug, da wartet Rettungssanitäter Florian, von da geht es los. Raus in die Nacht, raus zum nächsten Notfall. „Es ist nach all den Jahren im Beruf nicht mehr so, dass ein 24-Stunden-Dienst einer ist, in dem Du in jeder Sekunde an das Piepen, an den Notfall denkst. Aber er kann eben immer eintreten. Und tut das auch in eher ungünstigen Situationen“, sagt der Oberarzt des Lukas-Krankenhauses, als das Blaulicht die Einfahrt zur Ambulanz in flackernd-blaues Licht taucht. Überhastet, zu flott gelaufen, viel zu schnell gefahren wird hier nicht. 

Es ist nicht dieses Emergency-Room-Gefühl, das bei dem aufkommt, der die beiden Retter begleitet. Der mit ihnen fährt, mit ihnen vor dem Fernseher, vorm Essen sitzt. Und nicht genau weiß, wann das nächste Mal der grelle Piepton ertönt. Kurzer Blick auf das Display des Piepers, der direkt von der Leitzentrale in Hiddenhausen mit Informationen gefüttert wird. Verkehrsunfall, Person angefahren, steht da. Und kann eigentlich alles bedeuten. Es sind nur ein paar Fahrminuten, dann trifft der orange-rote VW Touareg an der Unfallstelle ein. Es sieht – für den Laien – alles eher harmlos aus, ein Fahrzeug, eine Fußgängerin, die auf dem Zebrastreifen angefahren wurde, die ansprechbar ist. Jetzt beginnt die Spurensuche, jetzt zeigt sich, was in Jahren an Erfahrungen gesammelt wurde. Dr. Peter Lorenz fragt ab und aus, streicht gedanklich weg, forscht weiter und entscheidet dann: „Ich habe sofort an eine mögliche Lendenwirbelfraktur gedacht – dabei kann die Querschnittslähmung drohen“. Also wird die Patientin aufwendig mit Schaufeltrage und Vakuummatratze gelagert, ehe es ins Lukas-Krankenhaus geht. Auch hier soll der Mediziner richtig liegen, denn das spätere Röntgen bringt einen gebrochenen Wirbel an der Wirbelsäule der Patientin zum Vorschein. Vorweg also der Rettungswagen, Patientin und Arzt an Bord, hinter der Notarzteinsatzfahrzeug, kurz NEF genannt und nun ohne Rettungssignale unterwegs. In der Ambulanz geht es in den Schockraum, Ärzte, Pfleger stehen bereit. Während der Unfallchirurg den Ultraschallkopf ansetzt, ist Dr. Lorenz wieder alarmbereit. Automatisch wird er bei der Leitstelle wieder angemeldet, erscheint das Bünder NEF wieder auf der Liste der Fahrzeuge, die sofort losgeschickt werden können. Ein ausgeklügeltes Konstrukt aus Rettungskräften spannt sich da über den Kreis und weit darüber hinaus. Ein NEF, eines am Klinikum in Herford und noch eins, auch am Klinikum stationiert, aber nur tagsüber fahrend. Richtig hoch frequentiert werden die Notarztfahrzeuge aber in den Abendstunden. Sagt die Statistik. Und weiß auch Dr. Peter Lorenz. An Essen ist da kaum zu denken, meist geht es von einem zum nächsten Einsatzort, ohne an den Standort zurückzukehren. Meist sind es auch nicht die spektakulären Alarmierungen, die auf dem Pieper eintreten. Verkehrsunfälle, Arbeitsunfälle, Straftaten? Eher selten. Viel häufiger sind es internistische Fälle, die nach dem Fachmann rufen. So auch bei Notruf Nummer zwei. Frau mit starken Bauchschmerzen, „das kann eigentlich alles sein“, sagt Dr. Lorenz, der sich vor Ort fragt, wie die Lage richtig einzuschätzen und bewerten ist. Gleiches gilt für den Kollegen, der in der Leitstelle den Anruf entgegen nimmt, muss möglichst schnell und am Telefon herausfinden, was es denn nun ist. Notfall oder Normalfall. In diesem Fall liegt die Frau im Schlafzimmer, die Beine angewinkelt, über Bauchschmerzen klagend. Es ist ein unklares Krankheitsbild. Es kann ein normaler Magen-Darm-Infekt sein. Es kann viel mehr sein. Also auch diese Patientin mitgenommen, angemeldet in der Ambulanz. Und immer noch nicht wissend, ob hier nicht auch der niedergelassene Arzt hätte weiterhelfen können. Zwei Stunden später, in tiefer Nacht, liegt die Patientin auf dem OP-Tisch. Der Blinddarm ist es, akut entzündet, zu platzen drohend. „Und das zeigt dann doch, dass es immer besser ist, doch anzurufen. Auch wenn uns das arbeitsreiche Einsätze beschert“, sagt Dr. Lorenz. Der übernimmt zwei, drei Mal pro Monat eine Notarzt-Schicht. Besteigt das Fahrzeug, das mehr als 3.000 Einsatzorte pro Jahr anfährt, jeden Tag, jede Nacht im Jahr. 
Es soll eine ruhige Nacht werden. Eine, in der die Pommes, der Döner dann doch nicht zu kalt geworden ist unter wärmendem Alu. So bleibt Zeit, sich zu unterhalten über die Einsätze, die im Gedächtnis geblieben sind. Und die Alarmierungen, die niemand auf dem Pieperdisplay lesen möchte. „Wenn Kinder betroffen sind, wenn Personen nicht ansprechbar sind, dann steigt die Anspannung“, sagt Dr. Peter Lorenz. Dann wird der Schritt dann doch ein schnellerer, wobei im Rettungswagen eigentlich niemand rennt, niemand spurtet. „Denn dann verlierst du die Konzentration, wenn du außer Atem bist, wenn du dich schon auf dem Weg verausgabst“, weiß der Oberarzt. Eine Minute darf vergehen, von der Alarmierung bis zur Losfahrt. Zehn weitere, und das NEF muss am Einsatzort stehen. „Wenn man bedenkt, dass nach drei Minuten Atemstillstand die ersten Gehirnzellen absterben, dann weiß man, dass nicht viel Zeit bleibt. Und doch ein Hetzen nichts bringt“, rechnet Dr. Peter Lorenz vor. Notfall Nummer drei in dieser Nacht ist auch einer, der vieles sein kann. Alte Person, Verdacht auf Schlaganfall. Also wieder die rote Jacke mit den Reflektoren übergeworfen, hin zum Auto, rein in die Nacht. Eine 94-jährige Frau sitzt im Ohrensessel, etwas gebrechlich, sicher, „aber wenn man das Alter in Beziehung zum gesundheitlichen Zustand setzt, dann sieht es eigentlich ganz gut aus“. Die Angehörigen sitzen daneben, das EKG-Gerät piept, Reflexe checken, beruhigend auf die Patientin einreden, raushören, wo es schmerzt, ermitteln, was es sein könnte. Es ist immer dasselbe. Und die Diagnose häufig eine wie diese: Nichts schlimmes passiert. Kein Grund, sich aufzuregen. Ein Grund aber, den Notarzt anzufordern? Schwer zu sagen. Sicher ist sicher, das denken nicht nur die, die anrufen. Sondern auch die, die weiter alarmieren. Die alte Frau aber kann zuhause bleiben, ein leichter Schwächeanfall vielleicht, die Werte aber, die Gesamteindrücke, machen eine Mitnahme nicht sinnvoll. Und so fährt das NEF wieder zurück zum Krankenhaus. Schreibarbeit erledigen, ein Blick in den Fernseher, einer ins Internet, dann sich langmachen, hinlegen in einem Bett, das auch in einer Minute getauscht werden muss gegen den Beifahrersitz im Touareg. Es wird eine ruhige Nacht. Eine, in der auch geschlafen werden kann. Und damit eigentlich eine untypische. Für die NEF-Besatzung.