12/2011

Gaumen-Freunde

Seit 42 Jahren auf dem Wochenmarkt

Irgendwann packt sie dann doch der Ehrgeiz. Her mit dem Messer, reingestochen in die Apfelsinenhaut, schneiden, pellen, austeilen. Und dann reinbeißen in das, was gleich in den überdimensionalen Einkaufskorb wandert. Oder eben nicht. Denn die, die hier probieren, die auf ihren Zungen mehr als nur eine Ahnung von Geschmack und Saftigkeit, von Fruchtfleischkonsistenz und Süße entstehen lassen, gelten bei anderen, bei den Großhändlern, als extrem wählerisch. „Und genau das muss ich ja auch sein, will ich meine Kunden nicht enttäuschen und mich von den Supermärkten absetzen“, sagt Reinhard Westerbeck. 

Der kommt hierher, auf den Großmarkt in Bielefeld, immer montags und donnerstags. Also aufgesessen bei einem, der den LKW behutsam auf die Brunnenallee und dann weiter in Richtung Bielefeld rollen lässt. Der sie, angekommen auf dem Großmarkt, alle kennt. Und doch nicht immer deren Sprache spricht. Hinten auf dem Wagen hat er deshalb auch sechs Stiegen Clementinen mit dabei, vergangenen Donnerstag blind per Telefon bestellt, einen Tag später geliefert bekommen und die Bestellung schon bereut. Zu schrumpelig die Schale, zu langweilig der Geschmack. Der Großhändler winkt nur ab. „Ja, weiß ich, taugt nichts, habe ich nicht gesehen, gib schon her“, heißt es. Und die Ware wechselt dahin, wo sie vor ein paar Tagen schon einmal war. Was dann folgt, ist ein suchender Blick. Einer, der sich über Stunden hinziehen kann. Denn Reinhard Westerbeck, mit seinem Gemüse- und Obststand in zweiter Generation schon seit 42 Jahren auf dem Bünder Wochenmarkt anzutreffen, sucht gerne. Und findet dann doch eher selten. Er sei einer, der, nun, etwas sehr wählerisch sei, raunen die Großhändler dem zu, der den Bünder Fruchthändler begleitet. Dabei meint er es nur gut. Mit der Ware, mit den Verkäufern. Und vor allem mit seinen Kunden. Die sind wählerisch und qualitätsbewusst zugleich. Da darf die Apfelsine nicht zu groß und nicht zu klein, die Petersilie nicht zu grob, die Porreestange nicht zu dick sein. Dabei findet sich hier auf dem Großmarkt alles. Karotten, so groß und dick wie Männerunterarme, Äpfel, die mit ihrem riesigen Umfang an Wassermelonen erinnern. Es ist immer das Gleiche. Reinhard Westerbeck schaut erst in die eine, dann in die nächste Angebotskiste. Greift rein, nimmt heraus und beißt rein. Verlassen? Könne man sich in diesem Geschäft nur auf eins, nur auf seinen Gaumen. Denn auch was vergangene Woche noch Premiumqualität war, kann morgen schon zu dem gehören, was nicht in den Wagen von Reinhard Westerbeck wandert. Wer mit ihm durch die Kühlhallen wandert, wer ihm über die Schulter schaut, der lernt viel über Lebensmittel. Erfährt, dass die besten Steckrüben aus Schottland kommen. Dass die Marokko-Clementine längst der spanischen weichen musste. Und dass  jetzt, Ende November, eben noch nicht die perfekte Apfelsinenzeit ist. Die selbst Weihnachten nicht erreicht ist. Es werden Orangenspalten von einem zum anderen gereicht, es wird reingebissen, seltener runtergeschluckt. Denn wenn das Fruchtfleisch eines ist, das an Kaugummi erinnert, dann wendet sich Reinhard Westerbeck lieber kurz hustend ab. Sucht weiter nach einer Frucht, die das ist, was er feinfleischig nennt. Die saftig und süß ist, sich gut pellen lässt und keinesfalls Kerne in sich birgt. Wer als Laie Apfelsinen kauft, der schaut sich die Haut an und greift zu. Treffen sich Kenner am Hochregallager für Zitrusfrüchte, dann sieht das anders aus. Der eine schwört auf diese, der andere auf jene Sorte und Marke. So richtig zufriedenstellend, begeisternd gar aber ist noch keine. „Die Hochzeit der Apfelsine kommt halt noch, da kann jeder Tag des Wartens, jede neue Lieferung schon weiterhelfen“, so Westerbeck. Der entschied sich schon mit 14 Jahren, in den elterlichen Betrieb einzutreten. Dabei ist der Beruf des Marktverkäufers einer, der hohe Ansprüche stellt.  Aufstehen zu Zeiten, in denen Nachtschwärmer zu Bett gehen. Und immer wieder Kisten stapeln, Körbe schleppen. Sechs Tage in der Woche, mal auf dem Bünder, dann auf dem Engeraner Wochenmarkt. Im Kühlhaus, hinten auf dem Lastwagen oder früh morgens auf dem Bünder Marktplatz. Raureif lässt hier das in die Jahre gekommene Pflaster weißlich glitzern. Wer die Marktbeschicker anspricht, auf die unebenen Steinflächen an manchen Stellen, der trifft einen sensiblen Punkt. Gefragt worden seien sie nicht, als die aktuellen Überlegungen zur Neugestaltung des Marktplatzes begannen. „Wer braucht so etwas? Und vor allem: Wer soll das – bei geschätzten Kosten von rund 1,8 Millionen Euro – bezahlen?“, fragt sich Westerbeck. Und sollen wirklich alle Parkplätze geopfert werden? „Natürlich wäre es schöner, wenn jeder mit dem Fahrrad käme.  Aber es tun nun mal nicht viele, die meisten kommen mit dem Auto her. Und das muss man doch auch hinnehmen, dem muss man doch bei der Parkplatzplanung Rechnung tragen“, sagt Westerbeck schon auf der Hinfahrt zum Großmarkt. Aufregen kann er sich, wenn er über teure Architektenwettbewerbe spricht, über das Geld, das an den fließt, der hier seiner Meinung nach an den Bedürfnissen vorbei plant. Der marode kleine Parkplatz? Sei doch schnell neu gepflastert. Ein Baum vielleicht hier, einer da und vor allem mehr städtische Pflege, nicht nur ein Fegen zum Zwiebelmarkt, und die Welt aus Marktverkäufersicht sei schon wieder in Ordnung. Was dabei auch mitschwingt: die Angst, dass die, die hier früh morgens ihre Verkaufswagen aufstellen, später noch stärker zur Kasse gebeten werden. Man solle einfach gute, ganz normale Rahmenbedingungen schaffen für die, die hier arbeiten. Weniger nicht, mehr aber auch nicht. Sagt der, der montags und donnerstags immer zum Großmarkt fährt. Der hier schaut, da vergleicht, überall probiert. Und abends dann von den Besuchern angerufen wird, die auf Bestellungen warten. Die in großen Mengen einkaufen, was Westerbeck in kleinen, in wohldosierten abnimmt. „Kühlen, lange lagern? Das sollen mal die anderen machen. Bei uns ist Frische das oberste Gebot“, sagt der 60-Jährige auch dem Großhändler. Eingekauft hat er am Ende dann doch. Einige Säcke Steckrüben, „es sind halt viele Senioren, die bei uns einkaufen und mit Steckrüben noch etwas anfangen können“, Karotten, Gurken und eben auch Apfelsinen. Da sind die besten die, die der Kunde wiederverlangt. „Wenn der mir sagt, dass die vergangene Woche besonders gut geschmeckt haben, wenn er die noch einmal kaufen und verzehren möchte, dann habe ich alles richtig gemacht“, weiß Reinhard Westerbeck. Und dies muss ihm immer wieder gelingen, sonst wäre er nicht schon so lange im Geschäft. Würde sich nicht gegen abendliches Feiern und für das frühe Zubettgehen entscheiden. Wie lange das noch so weitergehen kann? „So lange es geht, so lange ich laufen kann“, sagt der, der sich am Sonntag dann doch ganz gerne noch mal im Bett umdreht. Der sich vor allem beim Thema Kartoffeln einen Namen gemacht hat. Gerade schaut er sich eine Ladung Kartoffeln aus Frankreich an. 2,40 Euro kalkuliert er das Kilo im Verkauf. Und weiß gleich: viel zu teuer. Und was soll das überhaupt auf dem Schildchen da heißen? Butterkartoffeln? Sowas gibt es doch gar nicht. Jede Kartoffel lässt sich mit Butter zur Butterkartoffel machen. Diese hier, die sei einfach sehr gut gewaschen. Mehr aber auch nicht. Solch ein Wissen will er weitergeben, will denen, die bislang nur im Supermarkt eingekauft haben, zeigen, wie eine perfekte Kartoffel aussieht. Und schmeckt. Ans Aufhören? Also nicht zu denken. Zu viele persönliche Verbindungen sind da im Laufe der Jahre gewachsen. Am Kartoffelstand, da wo Westerbeck auch gerne für Singles vier, fünf Kartoffeln auswählt, einpackt und im Centbereich abrechnet. „Kann es denn eine bessere Werbung für mich, für mein Geschäft geben, als dass ich auch junge Leute, die vor allem samstags kommen, mit der gleichen Selbstverständlichkeit auch bei kleinsten Mengen bediene?“, fragt er sich und wartet die Antwort erst gar nicht ab. Besser, anders als die Supermarktketten zu sein, das ist Anspruch und Existenzgrundlage gleichermaßen. Und gelingt häufig. Weil eine Apfelsine eben doch mehr ist als eine irgendwie süß schmeckende Frucht. Wer am Ende, bei dem groß­marktinternen Geschmackstest gewonnen hat? Die Apfelsine, die Reinhard Westerbeck längst schon in seinem Einkaufswagen kistenweise gestapelt hat. Ein verschmitztes Lächeln, das so viel heißen soll wie: hab ich’s doch gesagt. Und dann ab zum LKW, kurz noch das Eingekaufte aufschreiben lassen und zurück nach Bünde. Morgen ist ein neuer, ein früh startender Tag. Und einer, an dem abends einige Bünder in Orangenspalten beißen, die eben nicht nach kulinarischem Einerlei, sondern nach winterlicher Erfrischung schmecken.