April 2013

b.sattelt: Das Rad der Zeit

„Früher haben wir anders restauriert als heute. Da wollten wir, dass es besser aussieht als neu. Heute will man auch ein bisschen das Alter sehen, die Patina.“

Ein altes, restauriertes Fahrrad im Eingangsbereich, eines im Büro. Und unzählige auf dem Dachboden, im Keller und in der Garage. Ein Besuch bei Rüdiger Joppich ist eine Reise in die Geschichte des Rades. Mit einem kundigen Führer, der seinem Hobby viel Platz einräumt. Räumlich wie zeitlich.  

Die Geschichte mit der Geschichte des Fahrrads beginnt auf einem Acker. Bei der Kartoffelernte. Mit Rüdiger Joppich als Schuljungen, der dem Bauern für ein kleines Taschengeld zur Hand geht, mit dem gesparten Geld zum Schrottplatz fährt und sich einen alten Rahmen kauft. Und nach und nach den Rest. Bis das Fahrrad komplett ist. Sein erstes. 

In seiner Lehre, die er 1958 beginnt, repariert er Traktoren, Autos, Mopeds, aber auch Fahrräder, alles was so anfällt. Später bei der Bundeswehr stehen andere Fahrzeuge im Mittelpunkt. Auch die haben einen Kettenantrieb, aber so eine Leidenschaft wie für das Fahrrad entwickelt er für kein anderes Gefährt. Nur, wie das so ist mit der Zeit, wenn man mitten im Arbeitsleben steht: das Hobby muss zurückstecken.

Vor 15 Jahren ist er nach Bünde gezogen. Der Liebe wegen. 

Nicht wegen der Liebe zu den Fahrrädern, nein, wegen seiner Frau. Aber nach dem Umzug und mit Eintritt ins Rentenalter 2006 hat Herr Joppich begonnen, den Fahrrädern, die er seit Jahren restauriert, einen Platz zu geben. Mehr Platz zu geben. Er führt uns durch sein kleines, privates Museum auf dem Dachboden. Wie andere Besucher auch, die ihm eine E-Mail schreiben oder anrufen, um einen Termin zu vereinbaren. Für einen Radausflug der besonderen Art. Eine Tour durch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als weder Dynamos noch Batterien für die Beleuchtung gesorgt haben, sondern Kerzen. Oder Karbidlampen. „Ein einfaches Prinzip. Oben füllen Sie Wasser ein, unten ist das Karbid. Das Wasser tropft herunter und es entwickelt sich Gas, das in der Brennerdüse leuchtet.“ Er braucht nicht viele Worte, man kann es sich vorstellen, wenn man das Leuchten in seinen Augen sieht. 

Es sind die Details, denen er besonders viel Aufmerksamkeit schenkt. Ungewöhnliche Speichen, besondere Ketten oder Designelemente. Auf etwa 35 Quadratmetern finden sich neben kompletten Fahrrädern auch zahlreiche Sättel, Pedale und Zubehör. 

Das älteste Fahrrad seiner Sammlung? Aus dem vorletzten Jahrhundert. 

Ein Rad der Marke Hull aus Madison in den USA. Von 1898 ist es, aber das sieht man ihm nicht an. Zumindest wir nicht. Wie die anderen hier oben ist es von Grund auf restauriert. Für uns könnte es auch eines der Retro-Räder sein, die man in letzter Zeit häufiger sieht. Aber auch nur für uns. Weil wir übersehen haben, dass der Abstand der Zähne des Kettenblattes doppelt so groß ist wie heutzutage. Und dass das hintere Schutzblech und die Radfelgen aus Holz sind. Und die Karbidlampe? Die haben wir ja mittlerweile schon kennengelernt.

Die Fahrräder auf dem Dachboden sind Museumsstücke, aber das heißt nicht, dass man sie nicht noch benutzen könnte. Der Bünder ist jedes Einzelne Probe gefahren nach der Restaurierung im Keller. Also Probe gefahren ist er draußen, aber die Werkstatt, wo abgeschliffen, lackiert und geschraubt wird, die ist im Keller. Und mittendrin? Immer das aktuelle Projekt.

In der Garage stehen etwa 50 PS. 

Verteilt auf 20, 25 Fahrräder mit Hilfsmotoren und Motorroller. Darunter auch eine Simson Schwalbe. Die hat er sich gleich nach der Wende gekauft. Zusammen mit einer weiteren, die als Ersatzteilspender fungieren sollte. Dafür war sie Rüdiger Joppich dann aber doch zu schade. Also hat er beide fertig gemacht. Später dann noch ein paar. Bis er eine ganze Reihe Arbeitskollegen damit versorgen konnte. Dann sind sie gemeinsam mit ihren Schwalben auf Tour gewesen. 

Fahren die wirklich alle noch? Natürlich. Er holt ein Göricke-Rad mit einem Lohmann Diesel-Hilfsmotor aus der Garage. Dazu eine Lötlampe. Um den Motor vorzuwärmen. „Unter 10 Grad wird das sonst nichts!“ Er dreht den Benzinhahn auf. Oder wie es wohl korrekt heißen müsste: den Petroleum-Öl-Hahn. 25:1-Mischungsverhältnis. Das Antreten klappt sofort, der Motor springt an. Dann wird es komplizierter. Am rechten Lenker gibt man Gas und links verändert man die Kompression. Damit der Motor optimal läuft, muss beides aufeinander abgestimmt werden. Nichts für Anfänger. 

Das teuerste Stück? Putins Hochrad. 

Das steht in seinem Arbeitszimmer. Ein Originalnachbau eines Hochrads aus dem Jahr 1880. Putin bekommt das Gleiche, hat ihm der tschechische Produzent verraten. Freunde Putins haben es für ihn bestellt. Ob er es schon bekommen hat, wissen wir nicht. Wenn er den Bündesbürger liest, haben wir jetzt vielleicht eine Überraschung kaputt gemacht. Es ist das einzige Rad, das Herr Joppich noch nicht gefahren ist. Nicht nur weil das Auf- und Absteigen eine Kunst für sich sind – es ist ihm einfach zu schade dafür. Wo er die vielen alten Fahrräder her hat, wollen wir noch von ihm wissen. Er sei Mitglied im historischen Fahrradverein, bei den Fahrradhilfsmotoren-
freunden, und oft genug unterwegs auf Oldtimermärkten, erzählt er. „Man kennt sich halt. Wenn jemand ein altes Rad loswerden will, fragt er mich. Ab und zu suche ich auch aktiv, aber meistens kommen die Fahrräder zu mir.“ Wer ein altes Fahrrad sein eigen nennt und es in guten Händen wissen möchte, könne sich gerne bei ihm melden, sagt er noch, als wir uns verabschieden. 

Die Kontaktdaten finden Sie auf www.schwalbengarage.de