August 2012

Autor eins

Eine Stadt, ein Thema, zwei ehemalige Bünder. Und dann doch zwei komplett unterschiedliche Geschichten. Die Welt ist verrückt.

Sein Debütroman „Boatpeople“ jagte die Bestsellerlisten bis auf Platz sechs rauf, er sitzt in Talkshows, arbeitet für die Chefredaktion der BILD, schreibt Atze Schröders Comedyprogramme und war Chefautor bei Gottschalk Live im Ersten. Mit Zufall, mit Glück? Hat das alles wenig zu tun, sagt der, der gerade seinen ganz eigenen Berliner Traum lebt. Besser noch: sich erarbeitet hat. Denn die Tage sind lang, die Nächte kurz, die Arbeit schweißtreibend und das Leben an sich eines, das gerade hier schreit – und aufgesogen werden möchte. „Aber bevor ich im Sumpf der C-Prominenz auf den täglich in Berlin stattfindenden Prosecco-Empfängen den roten Teppich platt trete, sitze ich lieber bis spät nachts an meinem Laptop und arbeite an neuen Ideen,“ so Westerbeck. Der sich als letzter Westfale in der „arm aber sexy“-Metropole bezeichnet. 

Treffpunkt Gendarmenmarkt inmitten Berlins. Der Autor, der immer zwischen Bünde und Berlin pendelt, kommt in Flip-Flops, kurzer Hose und Kapuzenjäckchen, bläulich schimmernder Sonnenbrille, iPhone und Marlboropackung in den Händen. Wer sich mit Jens Westerbeck unterhält, der wandelt immer wieder zwischen Realität und Fantasie. „Meine Romane sind Fantasie, Atzes Bühnenshow auch – aber ich nehme immer etwas real Existierendes zur Grundlage und schmücke es dann grenzenlos aus.“ Grenzen mussten kürzlich nicht nur er, sondern auch Thomas Gottschalk erfahren, dessen Vorabendexperiment in der ARD gescheitert ist. „Herrgott, ein Experiment ist nunmal etwas mit ungewissem Ausgang. Das wusste jeder, der auf dem Dampfer angeheuert hat. Wir haben zu einer Zeit Fernsehen gemacht, die sich „Todeszone“ nennt. Und zwar ohne schusssichere Weste.“ Den enormen Mut vom Sender und Moderator wird man erst in ein paar Jahren huldigen, wenn es jemand anderes, durch die Pionierfehler vom Gottschalk-Team belehrt, erfolgreich macht. Gottschalk brachte u.a. die Late-Night nach Deutschland, ebnete mit „Na sowas!“ den Weg für Personality-Shows und baute „Wetten, dass … ?“ zu Europas größter TV-Show aus, erklärt Westerbeck weiter. „Thommy hat mal in einem Interview gesagt, dass er in seiner Kariere immer versucht hat, kein Arschloch zu sein. Wenn er dann daran im Vorabend gescheitert ist, kann man ihn nur beglückwünschen“, schließt Westerbeck das Thema ab. Gibt es denn trotzdem weitere Jobs im Fernsehen für den Mann aus Bünde? „Ja. Und wenn es konkret ist, wird es der BündesBürger als Erstes erfahren!“ Aber nur Fernsehen? Ist auch nicht seins. Also nebenher am zweiten Buch gearbeitet, die Lektoratsphase läuft gerade, dann noch im Herbst einen finalen Blick auf die Druckfahnen werfen, ehe Mitte November der DHL-Bote klingelt und die ersten Exemplare eines Buches bringt, das wieder aus der Ich-Perspektive geschrieben ist. Doof nur, das dieses Mal eine Frau erzählt. „Da hab ich mich am Anfang lange damit beschäftigt, wie eine Frau wohl schreibt, wie man das zu Papier denkt. Irgendwann hab ich mir gedacht: Boatpeople ist so gut angekommen, als Hardcover, als Taschenbuch, jetzt auch als Hörbuch, was soll ich all die Fans verstören? Und hab einfach als Jens Westerbeck weitergeschrieben, nur eben mit Brüsten und Hinsetzen auf die Toilette.“ So ist sie, die Welt des Jens Westerbeck. Immer ein Augenzwinkern, immer ein zotiger Spruch. Löffelchenstellung nennt sich der neue Roman, mittendrin im Szenario die Ehefrau des verstorbenen Pro­tagonisten aus Boatpeople. Wieso Westerbeck die im Roman Nummer eins als Ärztin in ein Krankenhaus steckte? Schwer zu sagen. Manchmal ist auch der, der so gerne redet, über sich selber sprachlos. Aber es passt ja gut, 13 Monate Zivildienst hat Jens Westerbeck im Lukas-Krankenhaus Bünde ­abgeleistet – „eine ­unglaublich schöne Zeit“ -, also kennt er sich ein wenig aus, kann die Welt rund um die Frau kleiden, die doch „sehr, sehr außergewöhnlich sei“. Wie außergewöhnlich genau, werden 29 Stunden zeigen, die sie literarisch begleitet werden. 29 Stunden, in denen es drunter und drüber, vor allem aber von der Vertikalen in die Horizontale gehen wird. Mal angenommen. Also eigentlich auch vorauszusehen. Aber vielleicht überrascht Jens Westerbeck ja doch mit etwas ganz anderem. Zuzutrauen ist es ihm. Was er seinem zweiten Roman selbst zutraut? „Wenn dieses Buch nicht bis nach ganz oben in die Bestsellerlisten geht, schreibe ich halt noch eins. Und noch eins. Und noch eins. Bis es mit Platz eins klappt!“ Und man ahnt, während er das so erzählt, wie er schon Pläne schmiedet, Kontakte knüpft, vielleicht auch Geschichten zurechtfantasiert, die weiterhelfen könnten. So wie die, dass er als Junge ­abgelichtet und millionenfach als Gesicht auf der Kinderschokolade abgedruckt wurde. Gestimmt? Hat die Geschichte nicht. Aber funktioniert. Und das ist doch die Hauptsache. Längst weiß er, wie das so funktioniert, mit den Medien und der Welt drum herum. „Es ist doch alles ein riesiger Steichelzoo. Disneyland. Eine Soap-Opera. Ich kann das alles nicht ernst nehmen und genieße meine Zeit. Wer weiß, wie lange noch. Auch das gehört zu dem Geschäft: es kann jederzeit vorbei sein.“ Aber bitte, ist er der Typ, der mit 50 den nicht ergriffenen Möglichkeiten hinterherheulen möchte? Sicher nicht. Nicht jetzt mit 35, und auch nicht in 15 Jahren. Gefragt, wie das so funktioniere, mit Frau und Kind in Bünde und Arbeit und Einsamkeit in Berlin, ist die Antwort eine Westerbeck-typische: „Entscheidend ist nicht die Summe der verbrachten Zeit. Sondern ihre Intensität.“ Und außerdem habe er in Bünde auch noch ein paar geschäftliche Verbindungen. „Ich bin noch nicht ganz weg. Schau dir den Gottschalk an, der ist 62, jettet um die Welt und ist immer irgendwie mittendrin. Und wird bald schon wieder auf dem Bildschirm zu sehen sein.“ In welchem Format? Weiß der Jens schon längst. Nur erzählen? Darf er es nicht. Wobei er nicht der Typ zu sein scheint, dem man sagt, was er sagen darf. Und was nicht. Aber er behält es für sich, lächelt nur, schiebt die Brille, die er sein Lektoratsmodell nennt, zurück auf die Nasenwurzel und genießt die unsägliche Freundlichkeit des Berliner Obers. Unfreundlicheres Personal? Gibt’s nur in Venedig. „Aber da kacken dir wenigstens die Tauben noch umsonst auf den Kopf.“ Sagt Jens Westerbeck und lehnt sich wieder zurück. Es gibt kaum etwas, über das sich aufzuregen lohnt. Dann lieber nen flotten Spruch draus machen und die Sonne scheint wieder. (Anmerkung der Redaktion: nach dem Treffen mit ­Westerbeck gab RTL ­bekannt, dass ­Thomas Gottschalk mit seiner Michelle Hunziker in die Jury des Supertalents wechselt.) Der BündesBürger erreichte den Wahl-Berliner am Telefon: „Ich habe mein Versprechen gehalten und ihr erfahrt es als erstes: Ich mische beim Supertalent mit! Jetzt muss ich nur noch gucken, ob als Kandidat oder Mitarbeiter … !“ Wieder typisch Westerbeck. Er nimmt sich und die Medienwelt einfach nicht ernst. 

Einen exklusiven Vorab-Auszug aus dem Buch Löffelchenstellung von Jens Westerbeck lesen Sie in der Oktoberausgabe des BündesBürgers. Und die erste Lesung findet, aus alter Dankbarkeit heraus, im Café des Lukas-Krankenhauses statt. Ist fest versprochen. Hat er gesagt. Und hoffentlich keine fixe Idee, eben erdacht, gleich schon wieder vergessen.

Der IC braucht knappe drei Stunden, dann sind Bünde und Berlin miteinander verbunden. Auf der Rückfahrt schrieb Tobias Heyer flugs den Text – der dann aber noch manches Mal zwischen Berlin und Bünde hin- und hergemailt wurde. In der Welt der Fernsehshows? Überlässt niemand gern ­etwas dem Zufall.