Dezember 2012

Es isst angerichtet

Mahlzeit

Hier? Bin ich so richtig nah dran. Am Leben. Sicherlich nicht unbedingt immer an der schönen Seite des Lebens, aber das hier, das ist doch echte Gemeindearbeit. Das hier? Das ist eigentlich eine meiner Gemeinden. Doch, das darf man ruhig so nennen. Und zu Weihnachten? Da erlebe ich mit diesen Menschen doch das, was in der Bibel geschrieben steht, das hier, das ist echte christliche Arbeit.

So richtig nach Bibel und Christentum sieht es hier, im ersten Stock des DRK-Zentrums, nicht aus. Noch sind die Tische leer, draußen wird es langsam voller, aber hier oben herrscht noch das, was auch Ulrich Martinschledde die Ruhe vor dem Sturm nennt. Martinschledde ist Gemeindereferent in der katholischen Kirche, jetzt gerade ist er irgendwie auch in christlicher Mission, irgendwie auch im Rahmen eines Ehrenamtes unterwegs, so genau könne er das gar nicht sagen. Mahlzeit? Ist wohl eher eine Lebensaufgabe. Eine, die vor sieben Jahren begann, als „wir uns irgendwie gedacht haben, dass wir so etwas, einen Mittagstisch für Bedürftige, starten wollen“, erklärt Ulrich Martinschledde. Und weiß heute, dass sie damals gar nicht ahnten, was da eigentlich alles auf sie zukommen würde. Heute kommen rund 60 Personen auf Mahlzeit zu. Noch stehen sie draußen vor der Tür, im Treppenaufgang, unten auf dem DRK-Gelände. Gleich geht es rein in den Raum, in dem es plötzlich eng, sehr eng wird. „Ich will nicht sagen, dass wir an unsere Grenzen stoßen. Das sicherlich nicht. Aber wer sich hier umschaut, der sieht, wie wichtig unser Verein, unsere Mahlzeit ist“, sagt Ulrich Martinschledde. Der steht um Punkt 13 Uhr auf und begibt sich hinter die Tische, die zu einer Art Tresen zusammengeschoben wurde. Wer hier essen und trinken will, der drückte dem Gemeindereferenten einen, zwei, manchmal auch drei Euro in die Hand, je nach Dicke des Portemonnaies. „Wir waren uns schnell einig, dass wir das Essen nicht verschenken wollten – das ist glaube ich der falsche Weg, man soll sich hier als Gast fühlen, nicht als Bittsteller“, hat Martinschledde eben noch erzählt, ehe er jetzt Kreuze auf den sogenannten Elferkar­ten macht. Elferkarten deshalb, weil man hier zehnmal bezahlt – und elfmal isst. Ein Euro also zahlen die, die sonst zu Hause sitzen und nichts essen würden. Und natürlich gebe es auch die, die gar nichts haben, nicht mal den Euro. Und ja, auch die gingen hier nicht leer aus, „wir schicken doch niemanden nach Hause, lassen doch keinen Teller leer“, sagt Ulrich Martinschledde und weiß, dass sich eigentlich längst herumgesprochen hat, dass hier die Gleichung ein Euro = eine Mahlzeit lautet. Dabei sei das natürlich nicht kostendeckend, drei Euro wären ungefähr die Summe, die zu bezahlen sei, um das Essen, das aus der Großküche des Lukas-Krankenhauses hierherkommt, zu finanzieren. Drei Säulen gebe es, die genau das ermöglichten: Zum einen die Einnahmen, dann die Mitgliedsbeiträge des Vereins und dann die Spenden, die im Laufe der Jahre nicht gerade mehr geworden sind. Gerade Unternehmen, die früher noch zur Weihnachtszeit großzügig unterstützen, sind – warum auch immer – zurückhaltend in der Förderung geworden. Dabei gibt es natürlich auch die, die immer weiter unterstützen. Nicht nur mit Geld, auch mit ganz profanen und doch helfenden Mitteln. Eben gerade brachte einer all die vom Vortag liegengebliebenen Martinssingen-Süßigkeiten vorbei, ein anderer hat in seinem Garten große Apfelbäume stehen, die eigene Gesundheit des 80-Jährigen machte aber eine Ernte nicht möglich. Also steigt Ulrich Martinschledde selber auf die Leiter, pflückt Apfel und Apfel und sorgt damit für einen Nachtisch, der gerne angenommen wird. Dabei sei es eigentlich fast selbstverständlich, dass das Lukas-Krankenhaus nicht nur die Hauptspeise, sondern auch das Dessert liefere, aber heute ist ein besonderes Essen, fast schon mit Festtagscharakter, da bleiben keine Mittel, um auch noch den Nachtisch in die festgeschriebene Summe packen zu können. Schweinsroulade mit Kartoffelpüree und Kohlrabi steht auf dem Speiseplan – vielleicht das ein Grund, warum heute weit mehr als die durchschnittlich 45 Esser hergekommen sind. Es scheint da einen sehr kurzen Weg zwischen Ulrich Martinschledde und der Großküche zu geben; eine Woche im Voraus bestellt der Mann hinter dem Tresen die Essensportionen, spricht durch, was besonders gut ankomme, was nicht so wirklich Beifall gefunden hat. Bei Eintopf etwa bleiben die Sitzreihen manches Mal leer, es „gibt aber auch die, die extra deshalb herkommen – all das menschlich, nicht zu bewerten, ich bin Mitarbeiter einer Kirche, nicht Richter“, sagt Ulrich Martinschledde fast zu sich selbst. Der diakonische Auftrag treibt nicht nur ihn an, sondern auch Ulrike Farthmann, die neben ihm steht und heute dafür zuständig ist, dass die Schweinsrouladen auf die bereitgehaltenen Teller wandern. Seit einem Jahr macht sie hier mit, kommt einmal im Monat, bindet sich die rote Schürze um und fügt sich so ein in ein Team von rund 50 Ehrenamtlichen, die mal beim evangelischen Abendkreis, mal einfach im Bekanntenkreis gefragt worden sind. „Ich war gerade nach Bünde gezogen und wollte einfach Kontakte durch diese Arbeit hier knüpfen – und das hat ganz wunderbar geklappt“, sagt die Frau, die neben sich zwei Kolleginnen hat, die schon von der ersten Stunde an mit von der Partie sind. Bis heute hängengeblieben? Nein, so dürfe man das auf keinen Fall nennen. Das hier, das sei wichtig und ernst zu nehmen – und bereite jede Menge Spaß. Erzählen die beiden, lassen auch mal die Schweinsroulade weg und greifen für den Moslem vor ihnen zum Rindfleisch. Es ist an alles gedacht hier, auch wenn immer wieder improvisiert wird. In ausrangierte Eispackungen wandern ganze Gerichte für die Bedürftigen, die nicht herkommen konnten. Fast alle namentlich bekannt, so wie all diejenigen, die erst in der Reihe stehen, sich dann mit dem Teller hinsetzen und darauf warten, ob Ulrich Martinschledde und sein Team eine zweite, manchmal auch eine dritte Runde ausrufen. „Viele scharren schon mit den Hufen, wenn es um das Thema Nachschlag geht – aber wir bestellen natürlich immer möglichst genau, müssen mit unseren Finanzen ja auch sehr gut haushalten“, sagt der, der an Feiertagen den Mahlzeitenraum verschlossen lässt. „Dann haben meine Mitarbeiter Feiertag, dann sollte das auch für unser Angebot gelten.“ Anders ist das zu Weihnachten, da gilt ein besonderes Angebot. Eines, für das sich Ulrich Martinschledde erst einmal grünes Licht in der eigenen Familie holen musste. „Das Geschenkeauspacken hatten wir schon lange verschoben, fand bei uns mal am dritten Advent, mal erst nach Weihnachten statt“, erzählt er. Zu konsumorientiert sei das Weihnachtsfest einfach gewesen. Am Ende blieb nur eine Frage der Kinder. „Wenn du Heiligabend nicht da bist, gibt es dann kein Fondue?“ Martinschledde konnte beruhigen, das Festessen wurde auf den ersten Weihnachtstag verschoben, Weg frei also für ein Weihnachtsessen für viele derer, die eben noch Schlange gestanden haben. Schnitzel und Salate stehen dann auf dem Programm, vor allem aber das gemeinsame Singen, Sich-Treffen, Sich-Unterhalten. Und vor allem: das Nicht-alleine-Sein. Dieses Prinzip erfüllt der als mildtätig eingestufte Verein eigentlich tagtäglich. „Wir sind hier schon mit unseren Gästen durch viele Höhen und Tiefen gegangen“, sagt Ulrich Martinschledde und man kann in seinem Gesicht ablesen, dass es mal schöne, mal eher erschreckende Ereignisse in den vergangenen sieben Jahren gegeben haben muss. Am Ende aber steht eine klare Bilanz: Das Engagement von damals lohnt sich noch heute. Dabei ist für die, die zum ersten Mal herkommen, die Hemmschwelle immer noch genauso hoch wie am ersten Tag. „Viele erzählen uns noch Jahre später, wie schrecklich sie sich gefühlt haben, als sie hierherkamen, als sie dachten, dass sie nun sehr weit unten angekommen sind.“ Dabei seien sie doch genau für diese Fälle da. Auch sie sind hier richtig. Sehr sogar. Und wenn sie sich erst einmal daran gewöhnt haben, dass es keine Schande ist zuzugeben, dass das Geld nun einmal knapp ist, dass es gerade so zum (Über-)Leben reicht, dann ließe es sich hier gut aushalten. Sagt Ulrich Martinschledde, lässt sich weiter die Ein-Euro-Stücke in die Hand drücken und winkt durch zur Essensausgabe. Ist ja noch genug da. Für die, für die eigentlich viel zu wenig da ist.

Hilfe zur Hilfe

Was lange besteht, was anfangs kräftig mit Spenden unterstützt wurde, entschwindet zwar nicht gänzlich aus der Öffentlichkeit, entrückt aber doch ein wenig dem Fokus. Es dürfte also ruhig mal wieder etwas mehr sein, wenn es um die Spenden für „Mahlzeit“ geht. 

Grund genug also, denen, die hier montags, mittwochs und freitags Bedürftigen Essen ausgeben, unter die Arme zu greifen. Das können Sie tun, indem Sie Fördermitglied werden, indem Sie mit einer Einmalspende dafür sorgen, dass Menschen nicht nur eine warme Mahlzeit, sondern auch Gesellschaft erhalten.

Und das können wir tun. Also haben wir uns dazu entschlossen, dem Verein Mahlzeit eine neue Webseite zu konzipieren und zu programmieren. Daneben Anzeigenraum in den kommenden Ausgaben kostenlos bereitzustellen, um immer wieder darauf hinzuweisen, dass die vergangenen sieben Jahre Mahlzeit kein Selbstläufer waren. Und die kommenden sieben Jahre nicht werden.

Und jetzt? 
Jetzt kommen Sie!
Spendenkonto „Mahlzeit“
Konto: 210 060 711
BLZ: 494 501 20
Sparkasse Herford