Februar 2013

Hier bei uns? Da wird man sich doch mit diesen milden Wintern arrangieren können.

Winterdienst

Früher, da kannte Ralf Becker das gar nicht. Im Winter zu arbeiten, im Schnee zu stehen, den Wind im Gesicht, die Hände kalt gefroren. Früher, da war er noch in der Baubranche tätig, Winter, das bedeutete damals Schlechtwetter, Urlaub, Kreuzfahrt. Nach Kreuzfahrt sieht es in diesen Tagen aber nicht aus. Zu plötzlich hat sich das Wetter in diesem Winter von feuchtwarm in noch feuchter und deutlich kälter gewandelt. Nicht nur an solchen Tagen liegt das Handy des Technischen Leiters des Baubetriebshofes auf seinem Nachttisch. Pünktlich um 4.35 Uhr wird Becker schon automatisch wach – der Körper gewöhnt sich an alles – und dann stellen sich die ewig gleichen Fragen. Anruf oder nicht? Aufstehen oder nicht? Das Team zusammentrommeln, mit 40 Mann losziehen, um dem Winter die kalte Stirn zu bieten? 

Meist klappt es – mit dem Wiederumdrehen, dem Weiterschlafen. 2011 waren es gerade mal drei Tage, an denen sie alle raus mussten. Und eigentlich sah es jetzt, im Übergang von 2012 zu 2013 auch ganz gut aus. Dann kam er aber, der Winter. Und mit ihm die Anrufe. Von dem, der, reihum gehend, sieben Tage Dienst schiebt. Morgens ins Auto springt und dahin fährt, wo der Winter als erstes zu entdecken ist. In Dünne etwa, wo die Temperaturen immer ein, zwei Grad unter denen in Bündes Innenstadt liegen. Wenn es da schon glatt oder weiß ist, dann läuft die Telefonkette wie eine aus Dominosteinen. Eine halbe Stunde treffen sich die, die die orangeroten und nebenbei auch kräftig wärmenden Reflektorjacken über die breiten Schultern werfen. Einsteigen in drei Streufahrzeuge, die kurz davor sind, das H auf dem Nummernschild tragen zu dürfen. Mit 18, 20 und 25 Jahren sind sie halt schon fast im besten Oldtimeralter. Neu investieren aber? Will aus der Politik doch niemand. Zu selten ist das Thema Winterdienst ein wirklich akutes, eines, über das es zu diskutieren gelte. Dabei gibt es viele, die hier anrufen. Die früh morgens erst aus dem Fenster, dann auf die Straße schauen. Spätestens dann lassen sich in ihren Stirnfurchen Bohnen pflanzen, ärgern sie sich, dass niemand kommt, der all den Schnee zur Seite räumt, die gefährliche Glätte in ungefährliches Nass verwandelt. 110 Kilometer gelten in Bünde als sogenannte Streukilometer. Nach festem Plan ausgerechnet, festgelegt, nicht diskutabel. Und 100 Kilometer, die wollen erst einmal abgestreut werden. Hinten aus dem Fahrzeug spritzt das Gemisch aus trockenem Salz und feuchter Sole, wird der Boden so erst angetaut, ehe sich das Salz daraufsetzt. Kommt Schnee hinzu, senkt sich vorne am Wagen der Schneeschieber – und verdoppelt sich damit die Wegstrecke. Einmal hin, einmal zurück heißt es dann für die Wagenbesatzungen, die sich manches Mal nur wundern können. 

Etwa wie vor ein paar Tagen, als auf dem Habighorster Weg morgens um fünf ein Unimog – winterbereift und über alle vier Räder angetrieben – von einem Sprinter überholt wurde. Es gibt Dinge, die verstehst du einfach nicht. Sagt Ralf Becker und schüttelt ungläubig den Kopf. Dabei wohnten wir doch in einer Gegend, in der man sich mit dem Winter gut arrangieren könne. Man solle das nicht falsch verstehen, er habe nichts gegen den Winter. Auch nicht morgens um 4.30 Uhr. Aber können nicht alle Autofahrer ein wenig rücksichtsvoller unterwegs sein, wenn es draußen schneit? Die Zeit ein wenig aus dem Nacken schieben, akzeptieren, dass ein Unimog nun mal nicht mit Tempo 120 die Tempo 30 Zone räumen kann?

Drei Streubezirke gilt es, in kürzester Zeit zu räumen und zu streuen. Sieben sogenannte Handkolonnen sind zusätzlich unterwegs, um an Brücken und Friedhöfen, Kindergärten und Parkplätzen für rutschfreie Sicherheit zu sorgen. Alle liegen sie morgens im Bett, 40 Mann, das Handy neben sich, die wärmende Kleidung griffbereit. Dabei hätten sie jetzt eigentlich tagsüber auch jede Menge zu tun. Die Bäume und Sträucher müssten geschnitten werden, ist ja nur noch bis Ende Februar Zeit, dann greift der Vogelschutz und ist das Betätigen der Motorsäge untersagt. So aber? Stapeln sich die Arbeitsstunden. Denn wenn die ersten Flocken nachmittags fallen, wenn aus eisigem Regen tückische Glätte wird, dann rücken sie wieder aus. Bis 20 Uhr sind sie verpflichtet, die Straßen zu räumen. Und tun das nicht alleine, sondern arrangieren sich mit den Streutrupps von Kreis und Land. Irgendwann, vor einigen Jahren, haben sich ein paar kluge Leute zusammengesetzt und das Gewirr aus Stadt-, Land- und Kreisstraßen entwirrt, einen Plan entworfen, bei dem jeder möglichst wenig fährt und möglichst viel streut. Ein Agreement auf dem Faltplan sozusagen. Und eines, das funktioniert. Überhaupt funktioniert vieles, auch wenn es schneit, glatt ist. Nur eben etwas langsamer. Aber ist das wirklich so verwunderlich? 

»Können Sie sich vorstellen, wie deprimierend das ist? Wenn man sich vorbereitet, organisiert, eingekauft hat? Und dann kommt gar keine Flocke, gar kein Winter?«