Juli 2012

Bernt Meyer dreht den Schlüssel um

Der Blick ist ein Skeptischer; schon seit vielen Jahren. Passt die ­Farbe, stimmt das ­Raster, kann ich den Termin halten?

Den Weg hierher kennen viele. Die, die sich trauen ließen und hier einen Ort fanden, die passende Einladungskarte in Auftrag zu geben. Auch die, die Trauer trugen. Und dies in gedruckter Form verschicken wollten. Vor allem aber kommen die her, die Feingedrucktes in kleiner Auflage für das eigene Unternehmen benötigen. Und das im Zeitalter von Riesendruckerei in der Nachbarschaft und Onlinedruckerei in der weiten Welt. Das Druckstudio von Bernt Meyer, versteckt hinter der Eisdiele inmitten der Eschstraße in zweiter Reihe gelegen, hat sich gegen beide wehren können. Fand immer die Nische, die es zu bewirtschaften lohnte. Doch jetzt ist Schluss, der Schlüssel wird Ende Juni umgedreht, unwiderruflich, zum letzten Mal. Doch, es schwinge Wehmut mit, sagt Bernt Meyer, wie er da so zwischen seinen beiden Druckmaschinen steht, die einem anderen Jahrhundert zu entstammen scheinen. 

8.000 Drucke schaffen die in der Stunde – einerseits ein längst nicht mehr konkurrenzfähiger, dann auch nur ein theoretischer Wert, denn immer wieder muss nachjustiert, muss angehalten und prüfend auf den Druck geschaut werden. Dafür aber sind die beiden Heidelberger Maschinen, die jetzt wohl nach Griechenland oder Rumänien verkauft werden, nie kaputt gewesen. Einmal den Zahnriemen gewechselt, das war es. Und so geht es ihnen wie dem, der gebückt vor ihnen stand, oben mit dem Spachtel auch Farbe einfüllte, mit dem rot ummantelten Schraubenschlüssel den Trommelandruck justierte. Auch er: nie ernsthaft krank gewesen. Schwein gehabt, sagt er. Immer am Wochenende krank gewesen. Sonst kam er jeden Werktag hierher. Hat die bunten Gardinen zur Seite gezogen, hat die Messingglocken längst nicht mehr gehört, die klingeln, wenn die schwere Tür zur Zwei-Zimmer-, oder besser: Zwei-Garagen-Druckerei geöffnet wird. Ende 1974 eröffnete Bernt Meyer hier sein Druckstudio, war zuvor als angestellter Drucker beschäftigt, widmete sich im eigenen Keller dem Siebdruck, ehe er hier die beiden leer stehenden Garagen und damit das optimale Umfeld für den Start in die Selbstständigkeit vorfand. 33 mal 46 Zentimeter ist seitdem das Format, auf dem er sich, dann auch noch einfarbig, bewegt. Und doch ging das Geschäftsprinzip auf. Denn die, die hierher kamen, lechzten nicht nach dem letzten Rabatt. Gierten nicht nach der schnellsten Lieferzeit. Sondern schätzen das, was alle versprechen und keiner hält. Die persönliche Beratung, das Durchblättern von Papierproben, ehe geordert wird. Auch dann: Ein Anruf, und das alte, beigefarbene Telefon stellt den schnellen Draht zwischen Kunde und Bernt Meyer her. Der hatte im Laufe der letzten 38 Jahre drei Mitarbeiter beschäftigt. Die überwiegende Zeit aber stand er hier alleine zwischen den beiden donnernden, nicht gerade duftenden Maschinen. Hat Papierbögen auf wackeligen Rollwagen von links nach rechts geschoben – mangelnder Platz war eigentlich immer das größte Problem, so der Drucker in der Rückschau. Zeiten hat es gegeben, gleich vom Start weg bis hin zum Jahr 1984, da brummte der Laden bis zum Anschlag. Da lag die Post noch fast nebenan, kamen die, die zur Post fuhren, fast zwangsläufig bei Bernt Meyer vorbei. Gemeindebriefe hat er hier gedruckt, erst für sehr viele, später für immer weniger Gemeinden, ehe vor ein paar Wochen auch die letzte auf den Onlinedruck umstellte – es ist halt doch das Geld, das am Ende entscheidet. Eng ist es zwischenzeitlich auch in der Kasse von Bernt Meyer geworden. Weil seine Kunden sparen mussten, immer mehr Großdruckereien aus dem Boden sprießen, die schneller, billiger drucken konnten. Und irgendwann dann doch den Kopf schüttelten, wenn Einladungs- und Visitenkarten gedruckt werden sollten. Da war sie dann wieder, die Nische von Bernt Meyer. Akquise? Hat er nie betreiben müssen. Es sei immer fast wie von alleine weitergegangen. Mundpropaganda habe immer weitergeholfen, wer gute Arbeit bietet, wird auch weiterempfohlen. Also druckten und ratterten die beiden Maschinen vor sich hin, wurde hinten in einer Nische die Druckvorlage hergestellt, die wenige Augenblicke später  vorne in die Maschine gespannt wurde. Langweilig, einsam gar? Sei es nie geworden. Ist ja immer jemand vorbeigekommen. Mal der Mann von der Papierfirma, die immer gerne lieferte – selten genug, dass ein Abnehmer pünktlich die wenn auch kleinen Mengen bezahlte. Apropos Zahlung, die sei meist pünktlich von seinen Kunden auf Meyers Konto eingegangen. Allesamt Stammkunden, alle solche, die zu schätzen wissen und wussten, was sie hier bekamen. Einmal nur, da war es richtig knapp. Nicht mit dem Geld, sondern dem versprochenen Liefertermin. Denn Panasonic hatte angefragt und geordert. Und das in so rauen Mengen, dass der ganze rührige Freundeskreis mit anfassten musste, um den Auftrag schultern zu können. Ein anderes Mal bestellte eine Firma Beipackzettel für Saudi Arabien, was einige Nachtschichten zur Folge hatte. Sonst aber: ein Firmenalltag mit ganz normalen Höhen und Tiefen. Ein ausgefülltes Arbeitsleben also, eines, das es noch mal zu wählen gelte? Schwer zu sagen. Sagt Bernt Meyer, und die Pausen, die er zwischen den Worten lässt, sind lang. Er habe Glück gehabt, als er alles in eine Waagschale geworfen, er auf Urlaub, auf die Absicherung, die Freizeit verzichtet habe. Ob das noch mal funktionieren würde? Eher nicht. Und so schließt er ab, ohne dass ein anderer diese kleine Druckerei wieder aufschließen wird. Dann? Geht es erst einmal ins Krankenhaus. Die Hüfte schmerzt, immer zwei Schritte laufen, dann wieder an einer Maschine abbremsen, wieder losgehen, wieder bremsen, und all das auf hartem Betonboden, da sind die Hüftbeschwerden schon vorprogrammiert. Danach durchatmen. Sich dem Garten widmen, nicht mehr wie sonst mit Zeit und Faust im Nacken, sondern ohne auf die Uhr schauen, auf Termine achten zu müssen. Wo all die Heiratenden, die Trauernden, die Möbelkunden, die Ärzte und Kleinunternehmen zukünftig drucken lassen werden? Schwer zu sagen. Sowas hier, das findest du nicht wieder. Sagt Bernt Meyer nicht. Aber er weiß es. Da schaut er lieber raus aus dem Fenster, rüber zu den Doppelgaragen, auf denen 38 Jahre lang sein Blick ruhte. Und jetzt wird es doch ein wenig melancholisch, ein wenig zu still. 38 Jahre alleine im Wind als Unternehmen? Sind eine verdammt lange Zeit. Die dann am Ende doch ein wenig zu plötzlich zu Ende geht.

Seine allererste Visitenkarte hat Tobias Heyer bei Bernt Meyer in Auftrag geben. So schwang ein wenig Wehmut mit, als er mit der ­Kamera und Stift Bernt Meyer besuchte.