Juni 2012

Abgetaucht in der Welt der Poster-Kunst

«Wie viel Prozent aller je gedruckten Pearl-Jam-Plakate ich habe? Einhundert.»

Da gibt es also jemanden, der die Arbeit des Lukas-Krankenhauses Bünde und des Rettungsdienstes würdigen möchte und daher überlegt, aus seiner bislang noch nie öffentlich gezeigten Postersammlung eine Auswahl diverser Siebdrucke zu Ausstellungszwecken im Lukas–Krankenhaus zur Verfügung zu stellen. In fast 30 Jahren hat Thomas Clausing eine Sammlung zusammengetragen, die mehrere tausend dieser Kunstwerke beherbergt – und nun dazu dienen soll, das wichtige Thema „Morbus Crohn“ präsenter werden zu lassen.
Die Mischung aus Kunst und Krankheit, das Anliegen als Ganzes macht neugierig. Grund genug, den Leiter des Schulamtes im Bünder Rathaus bei sich zu Hause in Rödinghausen zu besuchen und die Hintergründe zu erfahren.

Ortswechsel. Thomas Clausing sitzt in seinem Wohnzimmer und breitet ein paar seiner schönsten Exemplare aus. Fängt an zu erzählen, wie das anfing mit seiner Musikbegeisterung. Er beschreibt den Einfluss des Radios auf seine und die Hörgewohnheiten gleichaltriger Freunde. Sendungen wie Schlagerrallye mit Wolfgang Neumann oder Mal Sondocks Hitparade sind vielen auch heute noch ein Begriff. Musikzeitschriften galten als Basis für die Ausweitung des Musikgeschmacks, in Bündes Innenstadt lockten Geschäfte wie Radio Pilz, Rund & Bunt, der Plattenladen der City Passage oder Grotemeier mit neuesten Scheiben. 

Es folgten erste Konzertbesuche; Bands, deren Platten im Schrank und vor allem auf dem eigenen Plattenteller lagen, luden und lockten zum Konzertbesuch. So rockten etwa BAP aus Köln in den 80ern kleine Turnhallen in Hiddenhausen und Melle. Ein Spektakel, eine erste Berührung mit der Livemusik, die sich auch Thomas Clausing nicht entgehen ließ. Plötzlich waren die Jugendlichen der Region – unter ihnen auch Clausing – auf den Beinen. Weitere Konzertbesuche folgten, hin zum Forum Enger, weiter ins PC69 nach Bielefeld. 
Musik, das war damals noch eine Lebenseinstellung, kein Berieseln-lassen im mp3-Format.
Es gab Tonträger, die eine ordentliche Aufmachung mit einem zum Teil aufwendig gestalteten Plattencover hatten. Ein Blick auf die Konzertkarten von damals zeigt, dass damals noch Wert auf Gestaltung gelegt wurde. Was heute aus dem Drucker des Dienstleisters als schlichtes Computerticket flattert, war zu jener Zeit die grafische Anlehnung an Bandlogo und aktuellem Plattencover. „Heute ist zwar alles effektiver, aber auch beliebiger“, sagt dann auch Thomas Clausing. Wer heute Musik live erleben will, der klickt im Netz, nutzt einen Link und druckt sich sein Ticket selbst aus. Kein Vergleich also zu den Hardcover-Tickets von damals, auf denen ein Bild des Plattencovers zur Tour der Band oder ein Bandfoto abgebildet war. Schon mit dem Kauf des Tickets und einem Blick darauf begann damals die Vorfreude auf ein Konzert.

Wenn Clausing früher Konzertkarten kaufte, sah er an Litfaßsäulen auf dem Weg zu und danach auch in den Ticket-Vorverkaufsstellen Tourplakate im DIN-­A1-Format, auf denen für Konzerte geworben wurde. Besonders Stratmann Kartenservice, Konticket am Jahnplatz in Bielefeld oder auch Konzertagenturen haben ihren Kunden beim Kauf von Tickets derartige Plakate als besonderen Service zum Teil sogar kostenlos überlassen. Einmal mit der Thematik befasst, war die Sammelleidenschaft schnell geweckt. Kein einziges der an ihn herausgegebenen Tourplakate hat er jemals weggegeben. In einem Zeitraum von fast 30 Jahren häuft sich da eine ganze Menge an Tourplakaten an. Und die nicht nur in Quantität, sondern vor allem in ihrer Ausstrahlung, in ihrer Bedeutung für die Rockgeschichte in beeindruckender Art und Weise.

In den USA war es damals und ist es auch heute nicht unüblich, dass für Konzerte verschiedener Bands Siebdrucke in limitierter Auflage hergestellt wurden und werden, die nur auf den Konzerten, ausnahmsweise aber auch mal im Handel erhältlich sind. Ende der 80er, Anfang der 90er kaufte Clausing solche Siebdrucke erstmals bei einem Versandhandel in Deutschland. Freunde aus Bünde, die 1995 zu Konzerten der US-Band Pearl Jam an die kalifornische Westküste flogen, brachten ihm von dort erste Siebdrucke zu Pearl-Jam-Konzerten mit. Beim Anblick dieser Kunstwerke war das Sammelfieber nun endgültig entfacht.

Während eines Irlandurlaubes besuchte er die beiden Konzerte der amerikanischen Grunge-Band Pearl Jam in Cork und Dublin. Auch hier wurden die vom Grafikbüro Ames Bros entworfenen Siebdrucke als Souvenir zum Konzert angeboten, gedruckt in kleinen Auflagen von rund 400 Stück; grünes Kleeblatt, grüner irischer Kobold, genau auf diesen einen Konzerttag motivmäßig gestalterisch abgestimmt. Um Tauschmaterial für später zu haben, kaufte Clausing hier gleich mehrere dieser Poster. Sicher ist sicher. Denn ein Eselsohr, ein Knick oder eine andere auch noch so winzige Beschädigung macht schnell Zweierlei zunichte: Sammlerglück und Plakatwert.

Was dann begann, war eine langwierige Suche, eine Fleißarbeit, die einem Sammler Freude bereitet. Nach und nach besorgte sich Clausing alle Siebdrucke, die je zu einem Pearl-Jam-Konzert herausgebracht wurden. Per Internet bestellte er so etwa die limitierten Drucke zur 1998er Tour der Band Pearl Jam direkt beim Designerbüro Ames Bros. Der Kontakt zu den Posterkünstlern des Grafikateliers war hergestellt. Ein Kontakt, der bis heute nicht abgebrochen ist. So bekommt Thomas Clausing seitdem jeden Siebdruck, der für ein Pearl-Jam-Konzert gestaltet und gedruckt wird.

Da Mike McCready, einer der Gitarristen von Pearl Jam, an Morbus Crohn, einer chronischen Darmentzündung erkrankte, wurden im Jahr 2006 besondere Pearl-Jam-Siebdrucke zum Kauf angeboten. Der Erlös ging an die Crohn's & Colitis Foundation of Amerika (CCFA = Morbus Crohn & Colitis Stiftung von Amerika), um damit jenen zu helfen, die ebenso unter Morbus Crohn litten. International renommierte Künstler gestalten so Plakate, die jedem Museum in ihrer Farbigkeit ihrer Aussage gut tun würden.

Obwohl Clausing bereits alle offiziellen Ames-Bros-Pearl-Jam-Poster zur 2006er Tour von Ames Bros erhalten und somit seine Pearl-Jam-Sammlung bereits komplettiert hatte, kaufte er daneben auch alle zusätzlichen Plakate mit dem CCFA-Aufdruck, um im Kampf gegen die Krankheit auch seinen finanziellen Beitrag zu leisten.

Es ist auch dieser Benefizgedanke, der Thomas Clausing den Bezug zum Lukas-Krankenhaus herstellen ließ. Hier hat der heute 45-Jährige seinen Zivildienst abgeleistet, wichtige Erfahrungen für sein weiteres Leben gemacht und erlebt, wie wichtig das Krankenhaus inmitten der Stadt für Stadt und Bürger ist. Warum nicht Plakate ausstellen, die sich mit Medizinischem befassen, und auf diese Weise dem wichtigen Thema „Morbus Crohn“ auch einen besonderen Rahmen und eine besondere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen? Könnte das Lukas–Krankenhaus als Darmzentrum OWL nicht den geeigneten Rahmen zu einer CCFA-Plakatausstellung darstellen? Erste Kontakte sind geknüpft, es scheint kein weiter Weg mehr zu sein, dass eine kleine Auswahl der riesigen Plakatsammlung von Thomas Clausing nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Und darum geht es ihm: nicht sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern mit seiner Sammlung anderen zu helfen.

Hat die Sammelleidenschaft damals noch zu einer Zeit begonnen, als wenige sich für diese Kunstdrucke interessierten, so ist heute – auch dank des Internets – längst ein regelrechter Hype ausgebrochen. Die sehr guten Kontakte zu den Künstlern – Bekanntschaften, aus denen längst Freundschaften geworden sind – sorgen aber dafür, dass Thomas Clausing heute immer mit den neusten Motiven versorgt, ihm auch von sehr ­geringen Auflagen mehr als ein Exemplar reserviert wird. Eine Dankbarkeit der Künstler, die wohl darauf beruht, dass Clausing sie früher durch seine Sammelleidenschaft unterstützte. Nur so ist zu erklären, dass er heute immer wieder überrascht ist, wenn den Lieferungen kostenlose weitere, nicht bestellte Drucke oder Testabzüge beiliegen. Was so zusammengekommen ist, lässt sich kaum in Worte, schwer nur in Zahlen ausdrücken. Eine Antwort von Thomas Clausing lässt erahnen, welche Dimensionen seine Sammlung hat. „Wie viel Prozent aller je gedruckten Pearl-Jam-Plakate ich habe? Einhundert.“

Genau diese Kontakte zu den mittlerweile weltweit bekannten Künstlern sind es auch, die dafür sorgen, dass Thomas Clausing seiner Sammelleidenschaft nachgehen kann, ohne dafür einen übertriebenen zeitlichen oder finanziellen Aufwand betreiben zu müssen. Dabei geht das nur wenigen so. „Nicht alle Sammler haben so viel Glück. Die, die heute für sich die Rockmusik, die Plakatkunst entdecken, kommen längst zu spät. Denn vieles ist lange vergriffen und auch Neuerscheinungen sind im Internet oft bereits innerhalb weniger Minuten nach Verkaufsstart ausverkauft“, erklärt Thomas Clausing. Insbesondere in den USA boomt die Posterszene. Dort gibt es mehrmals im Jahr in verschiedenen Städten – meist in Verbindung mit Musikfestivals – größere Messen, bei denen Fans und Künstler aufeinander treffen und sich gegenseitig austauschen. Zusätzlich bietet das Internet auf verschiedenen Websites ein Forum für die, die Poster suchen oder bieten.

Auch in Europa wächst die Zahl derer, die sich für die Posterkunst interessieren, ständig an – kein einfaches Pflaster also, um hier nicht nur mit einer Sammlung zu starten, sondern sie auch annähernd zu komplettieren.

Mit dem Kontakt zum Lukas-Krankenhaus tritt Thomas Clausing nun erstmals mit seiner Sammlung, an deren Veröffentlichung schon eine bundesweit erscheinende Zeitschrift aus dem Gruner & Jahr-Verlag interessiert war, an die Öffentlichkeit. Und kann sich darüber hinaus weitere Ausstellungen zu unterschiedlichsten Themenfeldern vorstellen. Erste Kontakte zu möglichen Ausstellungsorten in Bünde, Kirchlengern und Rödinghausen sind geknüpft, aber noch fragt sich Thomas Clausing, ob die Organisation einer solchen Ausstellung mit dem damit verbundenen Aufwand zu rechtfertigen ist. Ob sich genug Menschen finden, die sich interessieren für ein Hobby, eine Sammelleidenschaft, die nicht alltäglich, deutschlandweit wohl einzigartig ist.

Beantworten lassen sich diese Fragen schon mit einem flüchtigen Blick auf die ersten von Thomas Clausing gezeigten Plakate. Und dem Wissen, dass hier etwas gezeigt würde, das Menschen weit über die regionalen Grenzen hinaus anziehen würde.