06/2013

Alles andere als eine Sektlaune

Es gibt diese Geschichten, die haben einen normalen Anfang und ein überraschendes Ende. Mittendrin dreht es sich ein wenig, es geht rauf und runter, etwas Dramatik und fertig ist die Reportage.

Und es gibt die Geschichte von Hanjo Nehl. 88er Abijahrgang am Gymnasium am Markt, am Nachnamen ist zu erkennen, dass seine Familie der Möbelindustrie entstammt. Wir treffen den Mann in Hamburg, in einem dieser Stadtteile, die nicht nach Großstadt aussehen, sondern den Charme einer Kleinstadt versprühen. Es geht ein paar Treppenstufen runter und voilà, man steht im Golfclub St. Pauli. Mittendrin Hanjo Nehl, hier besser bekannt als Kiez-Kapitän Hanjo, aber all das spielt nicht im Hafen, nicht auf einem Golfplatz, nicht mal auf St. Pauli.

Also lieber alles der Reihe nach. Als Jugendlicher betrat Hanjo zum ersten Mal das kurz geschorene Grün rund um ein Golfloch – sein Onkel hatte ihn „nur mal so zum Schnuppern“ mitgenommen. Und sollte Recht behalten bei der Vermutung, dass da etwas sein könnte, zwischen Golf und Hanjo. Der spielte fortan eine Sportart, die damals noch elitär war, auch wenn er sie und vor allem sich nicht so empfand. Dann doch lieber hauptberuflich was Seriöses machen, erst die Ausbildung bei der Sparkasse Herford, dann das Jurastudium in Bonn. Ab nach Spanien, des Studiums wegen, das Referendariat in Hamburg und irgendwie war dann schon klar, „dass eigentlich alle Menschen am Meer, zumindest am Hafen, am allerliebsten in Hamburg wohnen wollten – so wie ich.“ Aber erst einmal ging die Reise weiter, erst nach Barcelona, dann nach Mallorca und auch hier hätte er bleiben, sesshaft werden können. Aber seine Frau Andrea, Journalistin, erst bei einem Opernmagazin, später bei der Welt, dem Abendblatt, der Gala, zog es nach Hamburg und da zog Hanjo gerne mit. 

Also wieder die Hansestadt, erst einmal orientieren, erst einmal schauen, ob es was werden könne mit der juristischen Karriere hier im Norden. Wäre da nicht plötzlich ein Bekannter gekommen und hätte gefragt, ob Hanjo nicht jemanden kennen würde, der eine Golf-Trophy ausrichten könne. „Ich“, hat er geantwortet. Und dann zwei Wochen Zeit bekommen, um dem einen Wort Taten folgen zu lassen. Und siehe da, die Zeit reichte, die Trophy wurde zum vollen Erfolg und so schien sich da ein wunderbares Hobby zu ­eröffnen, ganz zwanglos, ohne Erfolgsdruck. Aber wie das dann so ist, mit dem Erfolg und der Leidenschaft: Der Beruf wurde uninteressanter, das Hobby immer spannender, die Aufgaben reizvoller. „Wenn ich all das, was ich heute mache, damals geplant hätte, hätte ich es gleich gelassen“, sagt der 44-Jährige in der Rückschau und amüsiert sich ein wenig. Es lässt sich halt nicht alles planen. Nicht, dass er plötzlich einen Versand für die ausgefallenen Dinge rund um das Thema Golfspielen ins Leben rief. Nicht, dass er plötzlich jemanden kennenlernte, der für PlatinumCard-Besitzer der Sparkasse Golfevents organisieren sollte. Und nicht wusste, wie.

Auch heute noch, 8 Jahre später, arbeitet er hier als Berater, zeigt denen, die sich für Golf interessieren, wie aus Sport ein Erlebnis wird. Den Anwaltsberuf hat er längst an den Haken gehängt, das Thema Event aber noch weiter in den Fokus geschoben. Wieso nicht – wenn schon das Thema Golf längst kein elitäres mehr ist – eine Plattform für das etwas andere Golfspiel schaffen? Geboren war der Golfclub St. Pauli. Einfach so, eher aus einer Sektlaune heraus. Drei Monate dauerte es, dann rief der FC St. Pauli an, mal so nachfragend, was denn da entstehe und ob die Jungs vom Golfclub nicht gleich die Marketingabteilung der Fußballer auf Vordermann bringen wollten. Ne Großstadt ist dann manches Mal doch nen Dorf. Also haben sie den neuen Rasen in St. Paulis Stadion per Golfball und Schläger eingespielt, haben sich vorgestellt, ohne lange zu bleiben – die Freiheit und Unbekümmertheit wollten sie dann doch nicht verlieren. Also haben sie einfach weiter die etwas anderen Golfevents organisiert – und die eigene Anhängerschaft erweitert. Plötzlich hatte der Golfclub 2.000 Mitglieder, selbst Alice Cooper ist darunter. 

Was man dafür bekommt, wenn man für 55€ im Jahr Mitglied ist? „Eigentlich nichts“, sagt Hanjo und weiß, dass diese Antwort denen, die sonst 1.000 € zahlen, um andernorts aufgenommen zu werden, schon reicht. Aber natürlich ist da mehr. Wer Mitglied ist, der wird eingeladen zu Events, die es sonst nirgends zu buchen gibt. Der Club, der selber gar keinen Golfplatz hat, knüpfte längst Verbindungen zu Golfplätzen überall in der Republik. Wenn die St. Paulianer anreisen, dann gleich mit dem 40-Tonner, mit lauter Musik, mit dem unverzichtbaren Astra-Pils, mit einer Stimmung, die dann vielleicht doch eher den Fußballern denn Golfspielern gleichkommt. Wobei – es wird hier sportlich und regelgerecht gegolft. „Aber bitte, vergiss das mit dem Handicap, spiel einfach“, erklärt Hanjo, ehe es losgehen kann. Dabei verfügt er selber immer noch über ein Elfer-Handicap, aber das sei eigentlich nicht wichtig. Es wird also erst gespielt, dann gefeiert. Oder andersherum, je nachdem. Längst füllt der Club eine Kolumne in einem renommierten Golfmagazin, reist er zu Messen bis runter nach Österreich, gilt er als, wenn auch exotische, feste Größe in der Welt des Golfspiels. Immer wieder fallen die Hamburger Jungs mit ungewöhnlichen Eventmodellen auf, mal kostet etwa die Golfrunde 69 Cent, die Übernachtung 69 Euro, das Essen 6,90 Euro. Es soll halt alles bezahlbar und vom Spaß erfüllt sein. 

Wo all das hinführen wird? Wer das Hanjo Nehl fragt, erntet ein Schulterzucken. 70 Golfanlagen in Deutschland freuen sich mittlerweile darauf, wenn die Mitglieder des Golfclubs St. Pauli einfallen – der Golfclub in Pödinghausen inklusive. Die Mitgliederzahl steigt stetig, es scheint Kult zu sein, zu den Jungs mit dem Totenkopf zum Fußball – und eben auch zum Golfen zu gehen. Längst sind Sponsoren aufgestiegen auf den etwas anderen Zug. Sorgen dafür, dass bis zu 100 Mitglieder zu den Events reisen, spielen, feiern, für Erstaunen sorgen, wieder abreisen und eine staunende Golferwelt zurücklassen, die sich die Augen reibt.

Jugendliche, die in eine soziale Schieflage geraten sind, werden durch den Club gefördert, auch hier kein Zwang, „wir sind keine Sozialpädagogen, sondern machen das einfach so.“ Ein Shop mit Golfutensilien, natürlich mit dem Logo des Golfclubs St. Pauli versehen, entwickelt sich prächtig, selbst die eigenen beiden Kinder haben schon die Schläger in den Händen. 

Zeit also, sich um einen eigenen Platz zu kümmern? ­Wenigstens das Büro nach St. Pauli zu verlegen? Ach was. Wäre doch irgendwie zu einfach. Und klappt doch auch so ganz wunderbar. Mit einer Geschichte, die zumindest in einem Punkt eine gewöhnliche ist. 

Eben eine mit Happy End.