März 2013

b.handelt: Michael Boenisch im Portrait

Ganz am Ende des Gesprächs fällt Michael Boenisch dann doch noch etwas ein. Etwas, das er vermisst. Hier in Hongkong, vor allem in seinem Wohnort, in Nantong, in der Provinz Jiangsu.

Das Spaziergehen im Wald, klare Luft, die Weite genießen. Irgendwo im weiten China gäbe es das sicherlich. Hier aber, an der Ostküste, dem Speckgürtel, ist beides Mangelware. Klare Luft und Wald gleichermaßen. Sonst aber ließe es sich hier gut leben. Und arbeiten. Erzählt der ehemalige Bünder, der sich 2003 aufmachte, um sein Glück in Asien zu suchen. 

Erst für einen Bielefelder Textilhersteller nach Singapur, aber das, das war eigentlich nur Asien light, zum Aufwärmen quasi. Als er das erste Mal in die Provinz gereist ist, stand fest: Hier willst du, hier kannst du nie leben. Und ein Jahr später ist er doch hergezogen. Hat zunächst die Niederlassung für seinen ehemaligen Arbeitgeber eingerichtet und schließlich im Januar 2005 die Asia Recon gegründet, ein Unternehmen, das fünf weitere Unternehmer in China vertritt, in dem sein Vater daheim in Deutschland nach Firmen sucht, die ihre Lieferanten in China suchen. Es ist das Portfolio an solchen Lieferfirmen, die das Kapital von Michael Boenisch heute bilden. Denn die Kleinen, die Unscheinbaren einer jeden Branche, die versteckt arbeiten und doch zeitnah und qualitativ hochwertig liefern, die findest du nicht auf der Messe. Und nicht im Internet. Sondern nur dann, wenn du im Land unterwegs bist. Wenn du vor dem ersten Auftrag da vorbeischaust, wenn du die Qualitätskontrolle selber übernimmst. Wenn du auch dabei bist, wenn der erste, der zweite Container gepackt wird. 

Wenn es z.B. um das Thema Bekleidung geht, wenn hohe Stückzahlen und viel Handarbeit gefragt und die Anforderungen anspruchsvollere sind, dann kommst du auch heute nicht an China vorbei. Weiß der 41-Jährige. Sicher, in Bangladesch nähen sie ein einfaches T-Shirt, drei Nähte, keine Tasche, keine Knöpfe schneller und kostengünstiger. Aber wenn es doch einmal komplizierter wird? Oder der Taifun einsetzt? In Bangladesch gibt es genau einen Hafen. Ist der dicht, geht nichts mehr rein, nichts mehr raus. Bleibt nur die Alternative Luftfracht. Schnell und teuer. Und sicherlich nicht vorab einkalkuliert. Klingt abwegig? Ist auch ihm schon passiert. Die blutige Nase, die holen sich hier anfangs ganz viele. Weil sie hierherkommen, um mit und in China Geschäfte zu machen, um sich gesundzustoßen, um die finanzielle Misere abzuwenden. Aber das klappt nicht. Wenn du herkommst, dann brauchst du gleich mehrere Dinge. Zuerst eine ganz klare und vor allem realistische Vorstellung. Von dem, was du willst. Und von dem, wie du willst. Deine Kriegskasse sollte gut gefüllt sein. Und vergiss, dass du hier einfach billig einkaufst und teuer verkaufst. Die Zeiten sind längst vorbei. An Michael Boenisch ist mal ein Kunde herangetreten, der wollte 100.000 Golfbälle kaufen, schnell zu liefern, 20% billiger im Preis als der des Marktführers. Da kannst du nur abwinken. Das schaffst du bei gleichbleibender, bei vergleichbarer Qualität nie. Weiß der Kenner. Wichtig auch zu wissen, dass der Verhandlungspartner immer erst einmal nickt. Unmöglicher Preis? Kein Problem. Nicht zu haltender Liefertermin? Gerne zugesagt. Aber eben nur auf den schnellen, den flüchtigen Blick. Der Chinese will sein Gesicht nicht verlieren – und sagt erst einmal prompt zu. Die Misere, das böse Erwachen kommt dann später. Dann muss man Fingerspitzengefühl beweisen und versuchen, das vom Kunden Geforderte und vom chinesischen Lieferanten Gebotene unter einen Hut zu kriegen. Was nicht immer einfach ist, da hier zwei völlig verschiedene Mentalitäten aufeinandertreffen. Und diese kann man nicht aus Büchern erlesen oder auf Messen kennenlernen, man muss sie fühlen, schmecken, riechen, man muss sie erleben. Wenn nichts anderes mehr hilft, nimmt Michael Boenisch keine große Rücksicht auf sein Gegenüber, denn schließlich vertritt er die Interessen seiner Kunden. Und die wollen 100% Qualität, genauso wie die chinesischen Lieferanten 100% Vergütung wollen. Sagt der, der mit dieser Taktik gut gefahren ist. Der, der manch einem heimischen Unternehmen Starthilfe gibt, wenn gen Osten expandiert wird. Seine Firma liegt in Hongkong, der Steuer wegen. Der Aktionsradius ist ein großer, Lebensmittelpunkt aber ist Nantong. Nicht nur, weil er da seine Frau kennenlernte, heute hier mit ihr und seinem zweijährigen Sohn lebt. Sondern auch, weil er hier gute Verkehrsanbindung an Shanghai hat, um all die Lieferanten schnell zu erreichen, die ihm zuarbeiten, die aus Geschäften gute werden lassen. Es geht um Ankauf und Verkauf, um Consulting, um das Bewältigen großer Stückzahlen, die per Container auf die Reise gen Ostwestfalen geschickt werden. 800.000 Einwohner zählt Nantong, 8 Millionen die gesamte Region. Und auch hier lässt sich beobachten, was überall im Osten zur Realität wird: Die Autos werden dicker, die Kleidung teurer, die Armbanduhren protziger. Und: Die Löhne steigen. Und damit auch die Kosten für den, der hier im Auftrag produzieren lässt. Längst ziehen die ersten Firmen weiter gen Westen, tiefer rein in ein Land, in dem der schnelle Euro, der schnelle Dollar dann doch nicht so einfach zu machen ist. Willst du hier eine Produktionsfirma hochziehen, dann steht dem anfangs wenig entgegen. Die Behörden sagen Steuervergünstigungen zu, verzichten auf die Erfüllung von Auflagen. Steht die Halle, fährt die Produktion an, dann kann es vorkommen, dass all die Zusagen vergessen sind. Ärgerlich. Und mehrfach schon vorgekommen. Ob denn da das hilft, von dem hier in Deutschland überall erzählt wird? Von Handgeld, Bestechungen, die zum Alltag gehören. Doch, das gibt es. Ist nicht zu leugnen. Erzählt Michael Boenisch, als wir ihn in Hongkong treffen. Und vor allem: sei nicht zu ändern. Man müsse schauen, dass es sich am Ende rechnet. Dass das übrig bleibt, was man sich selber vorab errechnet hat. Und ganz ehrlich? ­Eigentlich sei das doch menschlich. Da nimmt die Anzahl der neuen Autos immer mehr zu, Barcodes an der Seite vom Lieferanten, die nicht abgezogen werden, Folien auf den Sitzen, die nicht entfernt werden, beweisen das. 

Und man selber soll als normaler ­Arbeiter mit 200 Euro netto im Monat klarkommen. Der Druck wächst. Auf die, die zu wenig haben. Und gerne viel mehr hätten. Wer will es da verdenken, dass die Hand geöffnet und gerne länger aufgehalten wird? 

Wer sich mit Michael Boenisch unterhält, der taucht tief ein ins chinesische Leben. Selber hat es bei ihm einige Zeit gedauert. Zuerst kannte er jede Filiale amerikanischer Imbissketten auswendig, spielte abends mit Freunden Billard in der Stammkneipe. Immer dabei: ein Chinese, ein verdammt guter Billardspieler. Der fragte irgendwann, wie das eigentlich aussehe, mit einer Freundin, jetzt, wo er schon drei Jahre hier sei. Schulterzucken, Blättern im Adressbuch der Frau des Chinesen und das erste Date war perfekt. Und endete im Glück. Und endete auch in 18 Abendessen, die das verliebte Paar dem, der sie zusammenbrachte, spendieren musste. Hurra geschrien haben die Eltern seiner zukünftigen Frau nicht, als sie von Hochzeit sprachen. Erzählt Michael Boenisch und zwischen den Worten, in den Pausen lässt sich erahnen, dass eine Langnase eben nur eine Langnase – und nicht gerade der Lieblingsschwiegersohn ist. Als dann ein Sohn zur Welt kam, glätteten sich die Wogen. Nur die Namensfindung bot Stolpersteine. Moritz sollte er heißen. Nur der zukünftige Opa konnte vor allem eins nicht: den Namen irgendwie aussprechen. Also wurde es ein Emil, das geht, auf Deutsch, auf Englisch, auf Chinesisch. Emil ist jetzt zwei Jahre alt. Und hat noch kein Wort gesprochen. Kein Wunder und hier alles andere als ungewöhnlich, wächst er doch in einer Welt auf, die zumindest sprachlich kaum komplizierter sein könnte. Sein Vater spricht mit ihm deutsch, seine Mutter chinesisch, seine Großeltern chinesisches Platt. Mit seiner Frau unterhält sich Michael Boenisch englisch, beide fluchen deutsch, mit seiner Schwiegermutter muss die Körpersprache herhalten. Was manches Mal gut klappt. Und es durchaus Situationen gäbe, in denen es wunderbar ist, dass es nicht funktioniere. Es ist eine multikulturelle Welt, in die Michael Boenisch da eingetaucht ist. 

Die Wohnung eingerichtet mit IKEA, hier in Asien stark boomend und immer noch verlässlich, wenn es um Qualität und Sicherheit fernab der Heimat gehe. Die roten Ampeln an Kreuzungen dienen als Hinweise, mehr nicht. Wenn der Chinese eins nicht kann, dann Auto fahren. Was den in Bünde aufgewachsenen Michael Boenisch schon in Erwägung ziehen ließ, hier eine Fahrschule zu gründen. Und beizubringen, dass die Hupe nicht der Teil des Autos ist, der am häufigsten beansprucht werden sollte. Vor allem aber ist es ein Land, in dem du Klartext reden solltest. Auch wenn das der Etikette nicht entspricht. Am Ende aber doch weiterhilft. Er hat sich dran gehalten, hat für den Fall der Fälle ein Netzwerk an Anwälten und Steuerberatern hinter sich, die auch denen helfen können, die hier unternehmerisch sesshaft werden wollen. Was er noch empfehle? Chinesisch zu erlernen. Lange hat er sich damit herumgequält, hat jeden Morgen für anderthalb Stunden dem Sprachlehrer im eigenen Büro zugehört. Und nach sechs Monaten doch die Flinte ins Korn geworfen. Zu schwierig die Sprache, zu rar die Zeit, um abends noch Vokabeln zu büffeln. Ärgerlich, ja. Aber nicht zu ändern. Wobei die Freizeit eher eine gering bemessene ist. Abends? Geht es vor den Fernseher, zu selten zum Sport, manchmal noch raus in die Kneipe. 

Gerade wird das erste Großkino gebaut, sogar Starbucks kam her. Und er hält den großen Pott Kaffee hier bei Starbucks in Hongkong noch ein wenig fester, als sei das etwas, an dem man sich festhalten könnte, in einer Welt, die fremd ist, auch wenn sie eine gewohnte ist. Wie lange bleibt man hier, mutet man dem eigenen Sohn zu, später zwölf Stunden pro Tag in die Schule zu gehen und abends und am Wochenende noch durch Klavier-, Trompetenund Reitunterricht sich abzusetzen von der ebenfalls lernenden Masse? Schwer zu sagen. Erst einmal: hierbleiben. Und später vielleicht: doch zurückgehen. Auch Ostwestfalen wäre eine Alternative, zurück nach Bünde. Ist doch ein herrliches Plätzchen, um zu leben. Und wer weiß, vielleicht wollen sie ihn ja irgendwann gar nicht mehr hier haben. Vergangenes Jahr noch, da ging er einfach zur Polizei, brachte einen Stapel Dokumente mit und ließ sich seine Aufenthaltsgenehmigung ein Jahr verlängern. In diesem Jahr? Musste er schon ausreisen, um mit neuem Visum bedacht wieder einzureisen. Einem Kollegen ist es schon passiert: Der musste sich von alkoholisierten Jungreichen anpöbeln lassen. Dass es Zeit sei, dass die Zugereisten, die sogenannten Expats (von expatriate = ständig im Ausland lebende Person) nicht mehr erwünscht seien. Freundlich wiedergegeben. Alles offen also. In einer eigenen Welt, in der die schnelle Mark, der flotte Euro eben nicht mehr einfach so, an jeder Ecke zu machen sei. Und es ihn doch noch gebe. Wenn man genau hinschaut, vorher abschätzt, auf was man sich bei der Suche einlässt. Und vor allem eins weiß: Die Preise werden steigen, auch hier. Wenn du aufwändige Massenware suchst, dann bist du hier immer noch richtig. Noch. Und wenn nicht mehr? Dann gibt es bald keine Plätze mehr auf der Erde, wo es noch günstiger, noch schneller, noch besser geht. 

Vielleicht ist das dann ja der Zeitpunkt, wo Michael Boenisch mit seiner Familie den Flieger besteigt. Zurückkehrt in eine Welt, die ihm auch nach so langer Zeit nicht fremd erscheinen wird, zu seinem ältesten Sohn Paul, der bei seiner Mutter in Deutschland lebt. Und ein Spaziergang im Wald wirklich nur einen Spaziergang weit entfernt ist.

 

Längst sind die Zeiten vorbei, in denen man in China für kleines Geld Großes produzieren und vor allem riesige Renditen erwirtschaften konnte. So einfach ist es dann doch nicht. Und verlangt vor allem nach einem, der sich hier auskennt. Der weiß, wann man nach Indien, nach Vietnam ausweichen sollte. Nach einem wie Michael Boenisch also.