November 2012

Fest gebunden

Vier Hände, eine Aufgabe. Und jede Menge Handarbeit.

Das Ergebnis der eigenen Arbeit konnte Elisabeth Nicklaus sich gerade im Fernsehen bei der Olympiade anschauen. „Da haben wir einige der Spring­hindernisse bei den Reitern mit Seilen ausgerüstet“, erzählt die 61-Jährige, schaut auf und lässt ihre Hände doch weiter­arbeiten. Spleißen nennt sich das, was sie da gerade mit Ehemann Georg macht, doch nicht nur den Begriff kenne heute kaum jemand, auch das sich dahinter verbergende Handwerk sei ein nahezu ausgestorbenes.

Es ist ein fast normales Wohnhaus, das in der Schwartemeierstraße steht und in dem Seile entstehen. Dünne aus Kunststoff, die dem Segler die notwendige Sicherheit bei seinem Hobby geben, dicke Taue, an denen bunte Papageien hochklettern, signalrote Seilnetze, die im Schwimmbad die Schwimmer von den Nichtschwimmern trennen. „Wenn man erst einmal genau hinschaut, dann sieht man, dass das Handwerk der Seilerei immer noch eine Berechtigung hat“, sagt Elisabeth Nicklaus und lacht dieses herzliche Lachen, das die gesamte Werkstatt erfüllt. In ihr türmen sich die Seilgebinde, mal lose zusammengelegt, dann fest verzurrt. Hierher, zur Seilerei Nowotny, kommen die Kunden schon seit 1873. Finden hier das passende Zubehör für das eigene Pferd, für die Schaukel im Garten. Man könnte meinen, dass das hier nicht mehr so wirklich zeitgemäß sei, dass die alte Maschine, viele Jahrzehnte auf dem Buckel, die aus vier bunten Kunststofffäden ein Seil dreht, längst zum alten, zum ungenutzten Eisen zählt. Aber der Kundenstamm, die Nachfrage spricht eine ganz andere Sprache. Ans Aufhören hätten sie nie gedacht, ans Zumachen erst recht nicht. Schließlich hat auch einer der Söhne dieses Handwerk erlernt, hat den Meister gemacht, arbeitet heute als Seiler in der Schweiz. Und trägt sich doch mit dem Gedanken zurückzukommen, einzuziehen in die Werkstatt, in der Handarbeit noch echte Arbeit mit der Hand ist. Man könne das auch alleine machen, das Spleißen, das Aufknöpfen und dann wieder Verflechten eines Seils, sodass am Ende eine Öse, eine Schlaufe entsteht. Der Laie guckt nur staunend hin, wenn flink die Enden auseinandergedreht und dann wieder ineinander verwoben werden. Natürlich stehen hier auch Maschinen, die die zugekauften Garne im immergleichen Takt zusammendrehen, die aus vielen kleinen ein dickes Seil entstehen lassen. Am Ende aber ist es die Handarbeit, die das Ehepaar auszeichnet. 77 Jahre ist der gelernte Bäcker Georg Nicklaus schon alt, könnte längst auf dem Sessel am Fenster sitzen und die Zeit, als er noch in der Bäckerei, später in der Möbelbude arbeitete, an sich vorbeiziehen lassen. „Aber ich muss ja noch ein bisschen – und da kann er ruhig mithelfen“, sagt Elisabeth Nicklaus und lacht wieder – von Traurigkeit ist hier in der Seilerei nichts zu spüren. Natürlich gebe es auch hier, gerade in der kalten Jahreszeit, Phasen, in denen das Auftragsbuch nicht überquelle. Aber dann ruft wieder die Frau an, die in Enger professionell für Papageien Futterplätzchen backt und in ihr Portfolio längst auch die Taue aus Bünde aufgenommen hat, an denen die Papageien so gerne emporklettern. Wichtig sei, dass diese eben nicht aus Fernost kämen, nicht aus Kunststoff hergestellt seien. Hier habe die Naturfaser, meist aus Hanf hergestellt, noch ihre Berechtigung. Wobei man, „doch, das muss man schon sagen“, nicht außer Acht lassen muss, dass das Kunststoffseil doch fester, doch tragkräftiger ist. Wer aber hierherkommt, der will nicht nur maximale Tragkraft bei minimalem Preis. Der will viel eher beraten werden, der will ein Original, keine Meterware. 

20 Berufsjahre hat Elisabeth Nicklaus gebraucht, um sich mit der Idee anzufreunden, doch den elterlichen Betrieb zu übernehmen. 20 Jahre, in denen sie bei Staloton auf dem Büro saß, wie man so sagt, und sich keine ernsthaften Gedanken machte, wie das zu Hause weitergehen sollte. Die Geschwister wollten nicht, der Vater konnte nicht, „da hat es sich einfach so ergeben und plötzlich saß ich hier und habe mich um das gekümmert, was mich meine ganze Kindheit lang schon begleitet hatte“. Ihr Ehemann half mit, so gut er konnte, irgendwann war die Idee geboren, dass sie doch mit der kleinen Seilmaschine auf Handwerkermärkte ziehen und sich und ihre Produkte vorstellen könnten. Springseile für Kinder haben sie so im Minutentakt zusammengedreht, rosa für das Mädchen, schwarz-gelb für den fußballbegeisterten Jungen. Eine bessere Werbung habe es nie gegeben, sei eigentlich auch nicht nötig gewesen. Zu häufig kamen die wieder, die hier einmal gekauft hatten. Die Treibgut hierherbrachten und die so aufgelesenen Schiffsseile repariert haben wollten. Wer im Haus einen rustikalen Handlauf aus Hanfseil wünscht, der ist hier ebenso richtig wie der, der – sicher ist sicher – auf ein echtes Abschleppseil im eigenen Kofferraum setzt. Dabei gibt es rechts- und linksgedrehte Seile, zig Arten, die Enden zu verknüpfen. Aber all das wisse ja niemand mehr, es komme auf das Ergebnis an, das müsse stimmen. Der Weg dahin aber? Eigentlich eher zweitrangig. Selbst Hängematten gibt es hier, Fußball- und Ladungssicherungsnetze, mal dazugekauft vom norddeutschen Großhändler, dann selber zusammengeknüpft. Im Herforder Freizeitbad H2O ist gerade ein Netz erneuert worden, 2.000 Knoten waren nötig, um aus einem sehr langen Seil ein sehr großes Netz zu knüpfen. Alle Knoten, wie könnte es anders sein, natürlich per Hand geknüpft. Verschicken große Maschinenbauer ihre neuen Produkte in alle Welt, dann sichern sie diese nicht mit Industrieware, sondern mit Seilen und Tauen aus dem Hause Nowotny. Wo der Unterschied zwischen Seil und Tau liegt? „In der Dicke“, erklärt Elisabeth Nicklaus und zeigt zum Vergleich ein gut 2,5 Zentimeter großes Stück zwischen Daumen und Zeigefinger, das gerade noch als Seil durchgehe. Eine Norm aber? Gibt es nicht. Alles reine Ansichtssache, nichts, über das sich zu diskutieren lohne. Überhaupt scheint die Welt der Familie Nicklaus keine zu sein, in der es hoch hergeht. Es läuft halt. So sitzen die beiden sich auf den Holzstühlen gegenüber, greifen hier zu, knüpfen da zusammen, nehmen am Ende das Feuerzeug, um die letzten überstehenden Kunststofffasern zu veröden. Sie fahren raus in Turnhallen und ersetzen die dicken Taue, die von der Decke hängen und doch irgendwann in die Jahre kommen, von innen heraus morsch und damit unbrauchbar werden. Ganz ans Ende kommt dann ein dicker, ein ganz einfacher Knoten und das Kletterseil ist wieder perfekt für den nächsten Einsatz. Dabei beherrscht Elisabeth Nicklaus noch ganz andere Knoten. Ein befreundeter Kunde hat ihr mal auf einem Brett in Miniatur alle bekannten und weniger bekannten Schiffsknoten angebracht. „Ich denke, die kann ich alle knoten – mit verbundenen Augen“, sagt die Frau mit den flinken Händen – und es klingt ganz normal, ganz sachlich. Wer sich sein Leben lang dann doch irgendwie immer mit dem Thema Seil beschäftigt hat, für den ist auch der komplizierteste Knoten keine echte Herausforderung. Eine solche ist auch eine feste Strickleiter nicht, die professionelle Öltank-Reiniger nutzen und hier bekommen. Auch sie setzen auf Naturmaterialien, weil die viel hitzebeständiger und damit sicherer sind. Es ist ein Sammelsurium aus Spezialisten, die hierherkommen. Mal die, die wissen, dass das Seil für’s Segeln am Dümmer, am Steinhuder Meer dann doch ein vielfaches mehr als hier kostet. Dann der Pferdeliebhaber, der eben nicht nur sein Tier sicher, sondern irgendwie auch standesgemäß führen möchte. Und eben auch der Erbauer der olympischen Pferdehindernisse, der weiß, dass es hier in Bünde etwas gibt, was im weiten Umkreis nicht mehr zu finden ist. Und wohl auch noch lange zu finden sein wird. „Unser Sohn wird das schon weitermachen. Wäre ja irgendwie dann doch zu schade, wenn es unser Geschäft nicht mehr geben würde“, sagen die beiden, spleißen weiter und wirken eigentlich nicht so, als könnten sie sich selbst ein Leben ohne Seile in den Händen vorstellen.