Oktober 2012

Abgehoben

Fliegen

Kopf zur Seite, direkt in den Wind. Keine Scheibe behütet, keine Mütze schützt. Der Kopf steht direkt im Wind, die Haare reißt es nach hinten, die Luft pumpt via Mund und Nase die Lunge auf. Wer im rot-weißen Doppeldecker mitfliegen will, der vergisst am besten alles, was er über moderne Luftfahrt weiß.

Auf den ersten Blick sieht der Kiebitz, wie dieses Ultraleichtflugzeug genannt wird, aus, als sei es ein fliegender Oldtimer, ein Fluggerät, das die vergangenen 50 Jahre nicht mehr hergestellt wurde. Doch es ist ganz anders. Es ist vielmehr ein Flugzeug für jedermann. Man kauft sich für knappe 2.000 Euro eine Lizenz zum Bauen, bekommt vom Konstrukteur Bauplan und eine Beschreibung der Materialien zugeschickt und das Abenteuer Flugzeugbau kann beginnen. Wer allein einen Nagel treffsicher in der Wand versenken kann, hat damit vielleicht noch nicht genug Talent bewiesen, um auch einen Kiebitz bauen zu können. Ein technisches Hexenwerk aber soll es auch nicht sein. Ist der Rohbau abgeschlossen, schaut der Konstrukteur zum ersten Mal vorbei, ehe er auch den Jungfernflug übernimmt – in der Luftfahrt scheint wirklich noch vieles reine Vertrauenssache zu sein.

Einer, der sich gemeinsam mit zwei Freunden diesen Traum vom Fliegen erfüllte, ist Reinhold Gerner. Der kaufte den Kiebitz halb fertig, baute hier an, feilte dort, setze vorne drauf eine Aluminiumhaube und spannte einen tschechischen Vier-Zylinder-Flugzeugmotor ein. Rund 600 Flugstunden hat der jetzt auf dem Buckel, ist damit gut eingeflogen und sorgt dafür, dass der Bünder dann doch mal eine Ausnahme, eine sehr seltene, macht. Normalerweise nimmt er niemanden mit. Mit auf die Rollbahn, rüber auf die Startbahn, ab in die Luft. Hier oben? Ist es ganz alleine am schönsten. Wenn die Luft warm und still ist, der Motor sonor vor sich hinbrummt, der Geschwindigkeitsmesser 100 Stundenkilometer über Grund zeigt und das Gefühl eines ist, das gerade die Bodenhaftung verliert. Genau darum geht es. Nach getaner Arbeit rüber zum Flugplatz, Hangartür auf, hinten am Rad die gebogene Stange eingehakt und dann raus mit dem Kiebitz. Erst auf die Straße, dann zum Startplatz. Vorne den Holzpropeller ein paar Mal gedreht, dann die Lederkappe, die Brille aufgesetzt und los gehts. Es ist die urtümliche Art des Fliegens, die den Piloten des Kiebitzes erwartet. Stahlleitungen laufen direkt durch den schmalen Innenraum, lackierter Stoff spannt sich über den Flügelkonstruktionen. Schwarze Flächen weisen die sehr rar gesäten Flächen aus, auf die beim Einsteigen getreten werden darf. Erst ein großer, hoher Schritt, dann eine Felge über den Rumpf rein ins Innere, wo die Füße während des gesamten Fluges auf zwei Stahlrohren ruhen. Der Pilot nimmt hinten Platz, weiße Kopfhörermuscheln versorgen den Passagier mit den nötigsten Informationen, während seine Augen über Instrumente huschen, deren Bedeutung er nicht einmal erahnt. Dabei ist dieser Platz hier einer, der meist unbesetzt bleibt. Denn wenn der Ausflug (!) ein begeisternder, gleichzeitig ein beruhigender werden soll, dann braucht es vor einem keine Videokamera, die sich gen Boden richtet, niemanden, der sich nicht an schönen Wolkenformationen, sondern an vollen Parkplätzen unter ihm erfreuen kann. Hier oben? Ist‘s am schönsten ganz alleine. Sagt Reinhold Gerner, der am ehemaligen Bünder Güterbahnhof Ausgefallenes verkauft und sich genau hier entspannt. 600 Meter über der Erde, 100 Kilometer schnell über Grund. Eigentlich also nur ein paar Meter, die zwischen Alltag und Freizeit liegen. Und doch eine andere Welt, eine ruhigere, entspannendere Welt draus machen. Vier Stunden dauert es, dann ist der kleine Metallstift vorne auf dem Rumpf angelangt, weiß der Pilot, dass der Sprit und damit auch die Reise zu Ende geht. Es gibt Kiebitz-Flieger, die haben es bis runter nach Spanien gebracht, sind zum Zwischentanken kurz gelandet, ehe es gehetzt weiterging. Für den 66-jährigen Bünder ist all das nichts. Das Weserbergland reicht voll und ganz aus, einmal über Bünde geglitten, rüber zum Weserbogen, ein wenig am Fluss entlang und dann wieder ein paar Kilometer weiter nördlich zurück nach Melle. Braucht es mehr? Braucht es nicht. 

Wer mitfliegt, der spürt von der Entspannung erst einmal nichts. Bei dem schlägt das Herz höher, wenn Motor und Propeller am Startplatz die Frequenz erhöhen. Wenn der rot-weiße Flieger erst losfährt, dann rast, sich erst das Heck sanft hebt, ehe der ganze Flieger abhebt. Damit der Pilot von hinten den perfekten Blick nach vorne genießt, biegt sich der Passagier vorne in den Wind, füllt seine Lungenflügel für das kommende Jahrzehnt mit frischem Sauerstoff auf und – Kaltschnäuzigkeit und Mut vorausgesetzt – winkt zu denen runter, die neidisch hinterherschauen. Erst dann, wenn der Arm vom Flugwind nach hinten gerissen wird, der Boden langsam unter einem verschwindet, wird das Tempo bewusst, wird deutlich, dass das Hier und das Unter einem gerade nur durch eine dünne Stoffbahn und schwarz lackierte, zeigefingerdicke Stahlrohre getrennt ist. 

Hier oben aber sind solche Gedanken unangebracht. Zumindest für den, der sich nicht in die Seitenruder stemmt, der nicht die Balance hält, den leichten Flieger gegen den Wind Kurs halten lässt. Hier zählt nur der Ausblick, der Wind, die ­Geschwindigkeit, die ­eigentlich gar keine ist. Denn Schnelligkeit, Reichweite und Spurtstärke sind keine Attribute, die den Kiebitz und seinen Piloten wirklich faszinieren. Es ist viele eher die pure Fliegerei, die Auseinandersetzen mit Wind und Wetter, mit Auftrieb und Thermik, das den rot-weißen Flieger an diesem Samstagabend im August wieder in Richtung Boden zu ziehen scheinen. Es geht nicht so recht aufwärts, der Motor gibt sein Bestes, der Gegenwind zerrt am Kopfhörer, pfeift über das Mikrofon, lässt den Kiebitz mal rasant schnell steigen, ehe er wieder mehrere Meter absackt. Dem versierten Piloten? Entlockt das nur ein Lächeln. Wobei er eigentlich keiner ist, der die Herausforderung in der Luft sucht. Vielmehr freut er sich, wenn der rot-weiß gestreifte Luftsack am Flugplatz schlapp runterhängt. Solche Tage gibt es auch im Winter, dann, wenn die eiskalte Luft besonders gut trägt, die Heizung aber gerade einmal den freien Passagierplatz vorne wärmt, während hinten beim Pilot nichts Erwärmendes ankommt. 

Nach einer knappen halben Stunde legt sich der Kiebitz über dem Hücker Moor in eine sanfte Kurve, kämpft ab da mit dem Gegenwind, ehe er wieder zur Landung ansetzt. Neugierige Blicke folgen ihm dabei überallhin. Die einen staunen, dass es solche Oldtimer, die keine sind, immer noch gibt. Andere wünschten sich rein in den Flieger, der fast schon zum Stadtbild Bündes gehört. Der schon von weitem wegen seines charakteristischen Klangs zu erkennen ist, der an ruhigen Abenden ein, zwei Schleifen über der Innenstadt dreht, ehe er weiterfliegt. 

Abwechslung? Mal rauf zur Nordsee, mal runter in Richtung Sauerland? Brauche ich nicht. Hier? Ist’s doch am schönsten. Sagt Reinhold Gerner. Und man will nicht widersprechen.