September 2012

Strecken für die Bundesliga

Bünder Turnerinnen

Sich strecken. Bis dahin, wo es wehtut. Und noch ein wenig weiter. Und dabei: Immer lächeln. Geniessen. Jede gelungene Bewegung, jede Drehung, jeden Sprung. Mit einem Lächeln.

Es sind Sommerferien. Kein Schule, keine Hausaufgaben, kein Training. Fast. Wir fangen jetzt so langsam wieder an. Mit dem Aufbautraining, mit längeren Läufen. Mit dem Einstudieren von Bewegungsabläufen. Sagt Marion Bohlmeier und muss nicht lange zum Training bitten. Die Haare fest zusammengebunden, die Knie durchgestreckt, das Turndress mal glitzernd, dann wieder einfarbig stehen sie da. Und haben ein großes Ziel vor Augen: den Start in die dritte Turnbundesliga. Und das Heimspiel am 10. und 11. November.

Natürlich sei das etwas Besonderes, so ein Event nach Bünde zu holen, sagt die, deren Name in Bünde für den Turnsport steht. Wie lange sie das hier schon nicht nur begleitet, sondern maßgeblich voranbringt? Schwer zu sagen. Ebenso schwer einzuschätzen, wie häufig die Motivation schon sank, wie viele Male sie knapp davor war, alles hinzuwerfen. Wenn wieder einmal die Pubertät ein Mädchen erfasst und mit einem Mal, fast über Nacht, Schluss war mit der Faszination Turnen. Das könne demoralisieren. Und sei dann doch der natürliche Gang, weiß die Turntrainerin des BTW Bünde.

Die reist mit ihren Kollegen durch Kindergärten und Grundschulen, schaut sich die genauer an, bei denen der Handstand, die Rolle, das Rad dann doch ein wenig runder, ein wenig geschmeidiger, vielleicht sogar schon ein wenig eleganter gelingt. Lädt zum Probetraining, alles noch rein spielerisch, einmal die Woche, ein Reinschnuppern in eine Welt, die wenige, dann aber so richtig fesselt. Es ist ein knappes Dutzend, was in Frage kommt, was sich durch den Bewegungsablauf, durch die Körperbeherrschung dazu anbietet, hier tief in den Sport einzutauchen. Dann wird der Trainingsablauf langsam gesteigert, erst zwei-, dann drei-, am Ende fünfmal die Woche geht es in die Backsteinturnhalle an der Holser Straße.

In der ist an diesem Donnerstagmorgen die Grundstimmung eine fröhliche. Es wird sich gedehnt bis runter in den Spagat und die Gesichter der Turnerinnen verraten, dass die Position fast schon eine gewohnte, längst keine wirklich anstrengende ist. Drill, blaue Flecken, rüder Ton? Entstammen meist eher der Vergangenheit. Früher, da sei die Atmosphäre selbst bei den Wettkämpfen eine gewesen, die von zusammengebissenen Zähnen, aufeinandergepressten Lippen gekennzeichnet gewesen sei – und das auch im Zuschauerbereich. Aber die Zeiten seien längst vorbei. 

Grund dafür sind vor allem die amerikanischen Turnerinnen und ihr Publikum. Letzteres feierte schon frenetisch, als auf der anderen Seite des Atlantiks noch beängstigende Stille auf der Tribüne herrschte. Als die deutsche Turn-Equipe das erste Mal rüberreiste, wurde tatsächlich geübt, wie das so ist, zu turnen, wenn die Halle tobt. Gut und richtig sei das, der etwas lockere Umgang, das Anfeuern der eigenen Turner, das Klatschen, das Toben. Sagt Marion Bohlmeier und unterstreicht doch, dass Turnen kein Sport für den ist, der sich nur ein wenig austoben, sich bewegen möchte. Ich bin für Disziplin. Sagt sie. Und meint das genauso. Denn wer sich zu Höchstleistung im wahrsten Sinne des Wortes hochschrauben möchte, wer weiß, dass schon bei den Zwölfjährigen ein Rückwärtssalto die niedrigste Grundwertung bringt, auch der Doppelsalto häufig längst Standard ist, der ahnt auch: zufliegen tut all dies niemandem. Davor, vor dem Erfolg, der Berufung in eine Mannschaft, dem Aufstieg in die dritte Liga, stehen Fleiß und Schweiß. Und der möglichst fünfmal die Woche, ohne, dass die Musikschule ruft, die Freundin drängelt, der Reitunterricht den freien Kalenderplatz okkupiert. Wenn ein Geburtstag der Freundin ansteht, dann geht ruhig hin. Rät Marion Bohlmeier. Denn du kommst später umso fröhlicher zum Training. Wenn sich aber die Geburtstage ballen, wenn die besten Freundinnen gleich massenweise auftauchen und nach Freizeit fragen, die keine freie Zeit mehr ist, dann gilt es sich zu entscheiden. So hart und so einfach ist das.

Die Mädchen in der Turnhalle haben sich entschieden. Ziehen den Zopf noch eine Spur enger, biegen die Zehen noch ein kleines Stückchen weiter. Es werden Tipps gegeben, es wird noch einmal gezeigt, wie das Bein noch besser gestreckt, der Pomuskel noch kräftiger angespannt werden kann. Es ist ja so, erzählt Marion Bohlmeier in einer Pause, dass der Besucher solcher Wettkämpfe, also der Laie, eben nicht wisse, worauf es dann im Detail bei der Beurteilung durch das Kampfgericht ankomme. Und will und soll er das überhaupt? Soll er nicht. Er soll sich erfreuen an der grazilen Bewegung, an der Eleganz, mit der sich die Mädchen zu Höchstleistungen hochturnen. Dabei solle man bitte nicht glauben, dass nur die herkämen, die eh wüssten, wo die Punkte drei Stellen hinter dem Komma denn herkommen. Oder eben auch nicht. Es sei eine treue, eine große Anhängerschaft, die mal im roten Pulloveroutfit als Förderverein der BTW Turnerinnen mit zu den Auswärtsspielen reise. Oder eben als Laie, als Zaungast in der Zeitung verfolge, was sich so tue bei den heimischen Turnerinnen. 

Die haben sich längst mit denen aus Detmold zusammengetan, um eine Mannschaft auf die Beine stellen zu wollen. Zu rar sind die Mädchen geworden, die für das Training alles stehen- und liegenlassen, die oben drauf am Wochenende nicht durch die Diskotheken, sondern durch die Republik reisen wollen, um sich im Wettkampf mit ihresgleichen zu messen. In diesem Jahr setzt an einem Wochenende diese Reiserei aus. Dann geht es in die Siegfried-Moning-Halle, wird selbst geturnt und dann den Turnerinnen der zweiten und ersten Bundesliga zugeschaut. 600 Plätze sind dafür vorgesehen für die, die von weit herkommen. Die selbst ihren eigenen Turnwettkampf verschoben haben, um hier der nationalen Spitze zusehen zu können. Auch sie sind fest eingeplant und fragen längst neugierig nach, die noch nie bei einem solchen Event dabei waren. Und doch kommen werden.

Unter ihnen auch die Freunde, die Bekannten von Marion Bohlmeier. Die sich manches Mal fragen, was denn das für eine Sportart sein muss, die eine solche Anziehungskraft auf die Trainerin ausübe. Auch darin liege die Herausforderung dieses Wettbewerbs vor heimischer Kulisse. Zu zeigen, um was es geht beim Kunstturnen. Dass das von Jahr zu Jahr immer besser gelingt, zeigt sich an den vielen Aufstiegen, der nach oben verlaufenden Erfolgskurve der jungen Sportlerinnen. Dass es nicht immer so weitergehen kann, wird nicht nur dem Realisten schnell klar. Unser Ziel kann es nur sein, die Klasse zu halten, alles dafür zu tun, drinzubleiben in der dritten Liga. Sagt Marion Bohlmeier und fügt dann – fast ungewöhnlich für das, was der Turnsport früher an Vorurteilen mit sich herumschleppen musste – hinten an: Und wenn wir absteigen sollten, dann ist auch das kein Beinbruch.

Irgendwann stagniere halt auch mal die Leistungskurve, das sei normal. So wie sie es auch bei einigen der Mädchen tut. Wenn die Pubertät erreicht ist, dann verändert sich der Körper, sinkt damit manches Mal die turnerische Leistung. Auch das: normal. Aber eben nicht von jeder Turnerin so zu akzeptieren. Wer schielt da nicht schnell auf andere Sportarten, wo weniger Training dennoch zu großen Erfolgen verhelfe?

Wer sich so mit Marion Bohlmeier unterhält, der gewinnt irgendwann den Eindruck, dass der doppelte Salto, die Riesenfelge nicht aussterben, aber doch seltener werden. In einer Zeit, in der Kinder erst vier, fünf Sportarten ausprobieren, ehe sie sich doch für das virtuelle Spiel auf dem Bildschirm entscheiden, ist Kunstturnen nicht wirklich populär. Kein Wunder also, dass es Kunstturner hier beim BTW Bünde gar nicht mehr gibt, die wenigen Jungen, die sich dafür interessieren, bei der TG Ennigloh unterkommen. 

Dabei geht es auch ganz anders. Gibt es beim BTW Bünde auch die, die sich nur so zum Spaß in der speziell ausgestatteten Turnhalle einfinden. Die nicht um Punkte, nicht der Wertung wegen turnen. Sondern, weil es schlicht Spaß macht.

Für Marion Bohlmeier ist all das kein Grund, sich abzuwenden. Ganz im Gegenteil. Es gibt keinen schöneren Sport als das Kunstturnen. Und ein Leben ohne Turnen? Ist für sie längst und wohl auch noch für sehr lange nicht vorstellbar. Warum das so ist? Zeigt sich am 10. und 11. November. In einem Wettkampf, der vor allem eins bietet: Die Chance, Vorurteile loszuwerden. Und elegante Bewegung in höchster Präzision zu bewundern. 

Bundesliga 
10.+11. Nov. 2012
Tagesticket: Erwachsene 10 €, Kinder 5 €
Wochenendticket: Erwachsene 15 €, Kinder 8 €
Kartenvorverkauf: info@btw-kunstturnen.de 


1. Bundesliga | Sa. 10.11. | 17.00 Uhr
2. Bundesliga | Sa. 10.11. | 12.00 Uhr
3. Bundesliga | So. 11.11. | 11.00 Uhr