01/2011

Auf der Überholspur

Mit dem 50er-Jahre-Schlitten an der Futterwiese

„Nehmt den mal mit, der ist was ganz besonderes“, hatte uns Reinhold geraten. Reinhold, gute 60 Jahre alt, irgendwie aber viel jünger wirkend, besitzt in Bünde ein Geschäft für Dekoratives. Für Film-Requisiten, für Menschen mit Hang zum Design und dem dazu passenden Geldbeutel in der Tasche. Und eben auch einen Schlitten, der schon vor 60 Jahren für Schneevergnügen pur sorgte.

Vorne sitzt ein Holzrad, das gedreht werden will, wenn der Schlitten die Richtung ändern soll. Drei Personen haben auf ihm Platz, schwer ist das Monstrum hergebracht im Kombi, um an der Schlittenfahrstelle Nummer eins in Rödinghausen, an der Straße „Am Berge“, ausprobiert zu werden. Bereits im Vorjahr drängten sich hier die, die sehnsüchtig die Wetterkarten studierten und schon bei den ersten Schneeflocken frohlockten, dass es nun losgehen könne mit der ersten Schussfahrt ins Tal. Schon von weitem sind sie zu sehen, ameisengleich klettern, schieben sich Alt und Jung den schneebedeckten Berg hinauf, kurzer 180-Grad-Dreh, aufgesessen, abgestoßen, weggeschossen. Also geparkt das Auto, Kofferraum auf und schon stehen die ersten Staunenden neben dem Holz-Ungetüm. Mit dem wollt ihr wirklich? Ja, wollen wir. Und kann der denn wirklich? Ja, kann er. Sagen wir mit dem Brustton der Überzeugung. Obwohl wir noch nie auf ihm Platz genommen haben, also bei Schnee, bei Minustemperaturen, oben am (Ab-)Hang stehend. Eine kurze Sitzprobe in Reinholds Laden, okay, aber das war‘s dann auch schon. 

Viele kräftezehrende Schritte später, der schwere Massivholz-Schlitten malt längst schon nicht mehr wie zu Beginn rostfarbene Linien in den Schnee, stehen wir ganz oben. Etwas wackelig die Knie, aber das schieben wir schnell auf die Anstrengung. Und keinesfalls auf die Aufregung. Neben uns jagen die Plastikschlitten gen Tal, Jugendliche werfen sich im knappen Dutzend auf viel zu stark aufgepumpte LKW-Reifen und johlen noch, als sie erst die Bodenhaftung verlieren und dann wieder allzu hart Bodenkontakt aufnehmen.

Drei Mann finden Platz auf dem Rennoldtimer, aber man soll es nicht übertreiben auf die alten Tage und so also fahren wir erst einmal alleine. Vorsichtig Platz genommen, ganz vorne, da, wo sich die Kufen teilen, da, wo sich das Lenkrad irgendwie nach Sicherheit anfühlt. Abstoßen vom Boden, Füße auf die Holz-Kufen, ein letzter kräftiger Schwung von hinten und langsam macht sich das betagte Schneemobil auf seinen Weg. Nimmt Fahrt auf, überholt den ersten Supermarkt-Schlitten, vorbei am Plastik-Wok, vorbei an staunenden Schneebegeisterten, die zusehen, wie gerade am steilsten Stück der 50er-Jahre-Schlitten Meter um Meter auf seinen Vordermann gut macht. Unten dann, da, wo die meisten längst stehen geblieben sind, sich den Schnee aus den umgeschlagenen Hosenenden schlagen, fahren wir immer noch. Zugegeben, nicht mehr in der rasanten Geschwindigkeit wie ganz oben. Da, wo der Hang längst vereist ist, weil sich auch wochentags hier Hunderte herunter stürzen. 

Wenn der diesjährige Winter so weitermacht, wie er Anfang Dezember begonnen hat, dann wird auch der weitsichtigste Kaufmann bald schon mit den Schultern zucken, wenn er nach Schlitten gefragt wird. Auch die größten Lager waren Anfang 2009 leer, „kommt nicht mehr nach“ war das, was man am häufigsten hörte. Wer frühzeitig kaufte, wer trotz der vergangenen grünen Winter dennoch seine Schlitten nicht ausmusterte, der fährt auch heute zuerst an den Hang im Herzen Rödinghausens. Bratwurstbude und Glühweinstand waren im vergangenen Jahr noch Mangelware, werden jetzt aber nicht nur Frierende innerlich aufwärmen. 

Vorsicht ist bei der Anfahrt geboten. Im vergangenen Januar kam auch der  Abschleppdienst, weil ein besonders gemütlicher Auto- und Schlittenfahrer ganz nah an der Piste parken wollte und prompt in den tückisch zugeschneiten Graben rutschte. Genau da unten, da, wo erstaunte Spaziergänger neidisch den Hang hochschauen, steigen wir von unserem Oldtimer wieder ab. Kurze Drehung, die ebenfalls in die Jahre gekommene Kordel fest in die behandschuhte Hand genommen und dann wieder rauf zum Start. Oben dann schon viel mutiger, gleich drei Mann nehmen Platz auf dem Schlitten, der viel zu lange zwischen Antikem im Regal verstaubte. Drei Mann gleich dreifaches Gewicht gleich dreifache Geschwindigkeit. Die Gleichung geht nicht ganz auf, aber noch schneller wird der Antik-Schlitten allemal. So geht es immer weiter, rauf und runter, die Neugierigen rücken näher, erst schüchterne, fragende Blicke, dann die erste Nachfrage. Wo man denn den ausgegraben habe. Und ob man auch mal dürfe, nur einmal. Ganz zum Schluss, die Wintersonne hat sich längst verabschiedet, die LKW-Reifen-Jugendlichen wärmen ihre zart besaiteten Hände schon lange an bunt lackierten Heizkörpern, gönnen wir unserem Schlitten-Schätzchen den Feierabend. Zurück in den Kombi, zurück ins Geschäft. Auf dass es bis zur nächsten Ausfahrt nicht noch einmal 60 Jahre dauern wird.