03/2011

Die mit den Huskys tanzt

Birgit Homburg lebt mit 70 Hunden in Lappland

Ein Leben in der Kälte. Meint man. Aber die Herzlichkeit, die hier zu erfahren ist, ist eine sehr warme.

Einmal im Jahr, wenn es gut läuft, schafft es Birgit Homburg, ihre Eltern, ihre Schwester in Rödinghausen zu besuchen. Kein Wunder, lebt sie doch 2.500 Kilometer entfernt von der Wiehengemeinde. Und das nicht im sonnigen Süden, sondern hoch oben im Norden, 200 Kilometer nördlich des Polarkreises. Wer sie hier besuchen möchte, der steigt ins Flugzeug, landet zwischen in Stockholm und entsteigt dem Flieger dann in der Bergbaustadt Kiruna. Hier liegt Ende Januar der Schnee selbst auf dem Rollfeld, die Luft ist klar, der Himmel blau und das Thermometer zeigt 5 Grad minus. „Eigentlich“, sagt Birgit Homburg, „ist das viel zu warm für uns. Letzte Woche hatten wir noch 28 Grad minus – das ist eigentlich unsere passende Wintertemperatur.“ Passend auch deshalb, weil ihre Huskys erst bei Temperaturen unter 10 Grad minus zur Höchstform auflaufen. Sie lieben die Kälte, schlafen meist nicht in, sondern auf ihren Hütten, wälzen sich im Schnee. Ehe das Jaulen und Heulen der Hunde zu hören, ehe das Haus, die Besucherhütte von Birgit Homburg und ihrem Partner Bruno Spett erreicht ist, sind noch einmal rund zwei Stunden mit dem Mietwagen zurückzulegen. Vorbei an Rentieren, die am Wegesrand dösend in die tief stehende Sonne blicken. Die Straße schneebedeckt, die Reifen mit Spikes bestückt, geht es zügig weiter gen Norden. Weiter in das Dorf Merasjärvi, in dem Birgit mit Bruno und Tochter Kia wohnt. Und noch drei weiteren Schweden, ein Sechs-Seelen-Dorf also. Dafür ist die Hundezahl eine überwältigende. Allein in den Zwingern von Birgit Homburg toben und springen, jaulen und kläffen 70 Huskys. Die nur darauf warten, rausgeholt, angespannt zu werden. Doch ehe das so weit ist, müssen die Holzschlitten in Position, sicherheitshalber mit einer Leine am nächstbesten Baum festgebunden werden. Dann wählt die, die einst eine Lehre in der Küchenindustrie begann und doch nicht beendete, die Tiere aus, die vorne als Leithunde agieren, hinten im Gespann für die flotte Fahrt sorgen. Wenn Birgit Homburg zurückdenkt, an Ostwestfalen, an ihre Jugend, dann erscheint all das sehr weit weg. Die Hektik, das, was sie städtisch nennt und von Rödinghausern als ländlich empfunden wird, hat sie längst hinter sich gelassen. Ein Urlaub brachte sie nach Nordskandinavien, die Liebe ließ sie sesshaft werden. Im Altenheim hat sie gearbeitet, Schwedisch und Finnisch gelernt. Und irgendwann eine Handvoll Huskys übernommen, als eine benachbarte Huskyfarm ihren Betrieb einstellte. Heute ist aus diesem Projekt eine Geschäftsidee geworden. Eine, die nur erlebbar ist, wenn man sich selbst auf die schmalen Kufen eines solchen Hundeschlittens stellt. Wenn vorne die Hunde zerrend auf den Hinterbeinen stehen. Wenn hinten die Sicherheitsleine durchtrennt wird und es im Galopp losgeht. Den Schlitten durch ein von zwei Bäumen gebildetes Tor dirigiert, dann kurz über ein Feld und schon läuft das Gespann über einen zugefrorenen See, der im Vergleich den Dümmer als winzigen Teich erscheinen lässt. Es geht weiter durch eine Schneelandschaft, in der keine Straße, kein Haus, nicht einmal eine Hütte den Weg flankiert. Vorne fährt Birgit Homburg, dahinter reihen sich einer Perlenschnur gleich die weiteren Gäste mit ihren Hundeschlitten aneinander. Langsam wechseln die Huskys vom Galopp in die Gangart Schritt, laufen einfach immer weiter, eine halbe, ein ganze, anderthalb Stunden lang. Dann ein kleiner Stopp, das Gespann gut vertäut, damit die übermütigen Vierbeiner nicht ohne Fahrer weiterrennen. Eingetreten in eine Holzhütte, auch die von Bruno und Birgit selbst auf dem eigenen 300-Hektar-Areal errichtet und mit offenem Feuer und frischem Kaffee Wärme und Gemütlichkeit gleichermaßen ausstrahlend. Hier am Feuer beginnt Birgit zu erzählen. Von der Zeit, irgendwann in den späten 80er-Jahren, als sie aufbrach, um dem Leben im Kreis Herford zu entkommen. Als sie die Abenteuerlust antrieb, der Wille, etwas anderes zu entdecken, in der Natur zu leben. Eine typische Auswanderin also, eine von denen, deren Geschichten heute massenhaft über die Mattscheibe laufen? Das Leben hier oben hat nichts mit dieser so vermarkteten Auswandererromantik zu tun. Morgens steht Birgit manches Mal um vier Uhr auf, kümmert sich um das Haus, um ihre fünfjährige Tochter. Dann müssen die Hunde gefüttert, die Zwinger gereinigt werden. Es folgt die Einweisung der Gäste, die Tagesfahrt, manchmal auch Mehrtagestouren. Abends dann abspannen, aufräumen, den Durst, den Hunger der Hunde stillen. Spät abends, die Gäste wärmen sich längst in der bestens ausgestatteten Hütte vor dem Ofenfeuer, fährt Bruno Spett noch einmal mit dem Motorschlitten los. Hinten angehängt eine Walze, die all die vielen Kilometer wieder so wunderbar platt macht, dass am nächsten Tag die Schlitten ohne große Reibungsverluste über sie hinweggleiten können. Ein hartes Leben hier oben im Norden also? „Ja“, sagt Birgit Homburg, „eines im Winter – und der geht von November bis April – ganz ohne Wochenende.“ Aber auch eines, dass sie keinesfalls gegen ein anderes eintauschen möchte.