09/2011

Im Wandel der Zeit

Der Kilver Markt vom Viehmarkt zum historischen Bauernmarkt

Der Boden ist staubig, Hühner gackern, Kühe kreuzen den Weg, Schweine werden lautstark angepriesen, ein Stallgeruch hängt in der Luft.

So muss es vor 100 Jahren auf dem Kilver Markt ausgesehen haben, ein ganz normaler Viehmarkt eben. Bauern kauften und verkauften Vieh für ihre Höfe und trafen sich auf einen kurzen Schnack. Im Laufe der Zeit, nach dem Zweiten Weltkrieg wandelte sich der Kilver Markt mehr und mehr zu einer Kirmes, wie man sie heute kennt. Mit Fahrgeschäften, die damals noch mit richtigen Pferdestärken und ganz ohne Motoren betrieben werden mussten. Da spannte schonmal ein Kilver Bauer seine Pferde vor das Karussell zur Freude der Dorfkinder. Später dann, in den 60er und 70er Jahren tauchten mehr und mehr Fahrgeschäfte auf dem Kilver Markt auf, und auch das Rödinghauser Gewerbe sollte dort seinen Platz finden mit Gewerbezelten und Gewerbeschau. Aber irgendwie blieben trotz aller Bemühungen der Gemeinde immer mehr Menschen dem Kilver Markt fern. Dank der Erfindung des Autos war es für die Menschen so einfach geworden, auf eine große Kirmes nach Herford oder Osnabrück zu fahren, dass sie sich für ihre kleine Dorfkirmes gar nicht mehr zu interessieren schienen. Der Kilver Markt schrumpfte und schrumpfte. Jedes Jahr ein bisschen mehr. Im Jahr 1988 war klar, es musste etwas passieren um den Kilver Markt zu retten. Und so wurde Gemeindehistoriker Dr. Rolf Botzet damit beauftragt, etwas frischen Wind in die Angelegenheit zu bringen.

Ein Oktoberfest? O­der doch lieber ein historischer Bauernmarkt? Zurück zu den Wurzeln? Oder bayrische Gemütlichkeit? Der historische Bauernmarkt machte das Rennen und so wurden alte Handwerkskünste auf den Kilver Markt geholt, die traditionell in Rödinghausen und Umgebung beheimatet waren. Sei es der Dorfschmied Günter Hambürger, der seit Generationen seine Werkstatt in Kilver betrieb oder der Korbflechter Eduard Kollmeier, der sein Handwerk gerne auf dem Markt vorstellte. Auch Spinnerinnen und Zigarrenmacherinnen durften nicht fehlen und wurden Teil des neugeschaffenen, aber historischen Marktes in Kilver. Der Kirmes-Teil des Marktes blieb erhalten und sorgte weiterhin durch die Organisation von Ulla Kampeter für gute Unterhaltung. Mittlerweile hat Sandra Conrad aus der Gemeindeverwaltung Rödinghausen die Nachfolge von Ulla Kampeter angetreten und organisiert das jährliche bunte Treiben. Doch die Situation hat sich im Laufe der mehr als 20 Jahre stark gewandelt. Heute finden sich kaum noch Menschen, die eine alteingesessene Handwerkskunst präsentieren können oder wollen. Jeder ist mit seinem Beruf mehr als genug beschäftigt. Und Zigarren drehen? Das machen heutzutage doch nur noch Maschinen. Also liebe Rödinghauser, wer ein altes Handwerk beherrscht, seine Fähigkeiten der jüngeren Generation nä­her bringen möchte, der ist auf dem Kilver Markt herzlich willkommen. Ein Ort der Begegnung war, ist, und soll der Kilver Markt auch bleiben. Dort sollen sich Menschen aus der Umgebung wieder treffen, die sich sonst nie über den Weg laufen. Es soll Zeit sein für Gespräche, für alte und neue Freundschaften: Hier lebt die Dorfgemeinschaft wieder auf, hier ist man zu Hause. (Bilder: Gemeindearchiv Rödinghausen.)