12/2011

Weihnachten in der Nussschale

Reinhard Gerber schnitzt Krippenfiguren mit dem OP-Besteck

Taschenlampe und Lupe sind die beiden Utensilien, die Reinhard Gerber in die Hand nehmen muss, um das von ihm Gebastelte richtig betrachten zu können. Denn zu winzig sind die Krippen, sind Maria, Josef, Ochs und Esel, die sich mal in einer Walnuss­schale, dann gar im Weißdornsamen um das Jesuskind versammeln.

Angefangen hat die Leidenschaft des Versicherungskaufmanns für die Krippen im Miniaturformat vor vielen Jahren. Als passionierten Bibelsammler interessierte ihn wie selbstverständlich auch die Weihnachtsgeschichte und ihre bildliche Umsetzung. „Ich wollte einfach mal sehen, wie klein sich diese darstellen lässt und habe zu Nussknacker und Skalpell gegriffen“, erzählt Gerber. Das handwerkliche Geschick sei ihm dabei in die Wiege gelegt worden, eine solche Ausbildung hat er nie absolviert. Wie gut er aber mit Lupe, Pinzette, Skalpell und Mini-Pinsel umgehen kann, offenbart ein Besuch beim Rödinghauser. Da stehen auf dem Sideboard winzige Nussschalen, in denen sich die Krippen – wenn auch nicht mit bloßem Augen, sondern häufig nur mit der Lupe – erkennen lassen. „Wichtig ist, dass wirklich die fünf Figuren zu erkennen sind. Erst dann ist das eine richtige Krippe“, hat Gerber sich selbst die Vorgabe gemacht. Und es damit bis ins Guinness Buch der Rekorde geschafft.

Darin aufgenommen wurde die Krippe im Samenkorn, in der die Figuren gerade einmal drei Millimeter groß sind und das Jesuskind einen Millimeter misst. Es sind die Superlativen, die Gerber antreiben. Und „natürlich muss man dazu schon ein wenig verrückt sein – das ist mir durchaus bewusst“, erzählt der Rekordhalter und kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Ungezählt die Momente, in denen das Skalpell, das eigentlich für komplizierte Augen-Operationen auf engstem Raum konstruiert wurde, abrutschte. „Wie häufig ich den Arm von Josef versehentlich abgeschnitten habe, weiß ich gar nicht mehr. Das ist mir immer wieder passiert“, sagt Reinhard Gerber. Der ist mit seinen Mini-Krippen früher viel auf Reisen gegangen. Hat sie bundesweit ausgestellt, auch wenn „das natürlich nicht immer einfach ist, denn eigentlich passt ja schon meine ganze Ausstellung in einen Schuhkarton. Und wer kommt schon in eine Ausstellung mit Taschenlampe und Lupe?“ Einfacher zu betrachten ist da schon eine Kokosnuss, die nicht den Heiligen Abend widerspiegelt, sondern gleich das gesamte Leben Jesu in sich beherbergt. „Da habe ich die Perfektion auf die Spitze getrieben, habe das Baumaterial für dieses Projekt, das drei Jahre und 300 Arbeitsstunden in Anspruch genommen hat, selbst aus Israel mitgebracht“. Holz und Baumrinde von israelischen Olivenbäumen, Wasser aus dem Toten Meer und Steine aus Bethlehem bilden die Kulisse für zehn Stationen im Leben Jesu. 65 Figuren teilen sich hier den eng bemessenen Platz, während es dem Betrachter leicht gemacht wird: „Hier habe ich gleich eine Lupe mit eingebaut, damit auch das kleinste Detail, selbst die Inschrift am Kreuz zu erkennen ist“, erklärt der Krippenbauer.

Ausgestellt hat er seine Mini-Krippen schon lange nicht mehr. Zu groß sei das Bedürfnis des Betrachters, die Exponate auch einmal anzufassen – und gleichzeitig für die fragilen Krippen viel zu gefährlich. Und zu Weihnachten? Setzt sich Reinhard Gerber da einfach mit einer Taschenlampe, um auch die letzten Ecken auszuleuchten, einer Lupe und seiner Frau hin und erfreut sich an winzigen Details? Natürlich nicht. „Ich habe auch noch viel größere Krippen. Solche, bei denen eine Figur gute 30 Zentimeter groß ist“. Und der Zuhörer ahnt, dass da noch ganz andere Krippenschätze in der Sammlung von Reinhard Gerber auf den Moment warten, in dem sie ausgepackt und aufgestellt werden.