01/2012

„Ein begeisternder Anstieg“

Bürgermeister Ernst-Wilhelm Vortmeyer im Jahres-Interview

Zum Ende des Jahres ist es nun schon Tradition, dass Ernst-Wilhelm Vortmeyer zurückblickt und ein Fazit zieht. Das für 2011 fällt dabei durchweg positiv aus.

Herr Vortmeyer, ein Jahr ist vergangen. Wenn Sie ein Fazit für 2011 ziehen müssten, wie fiele das aus?

Ernst-Wilhelm Vortmeyer: Es war ein erfolgreiches, bewegendes, interessantes Jahr. Wir haben viele Projekte angestoßen, realisiert und abgewickelt. Immer verbunden mit unserem Leitbild der familiengerechten Kommune. Beispielhaft für die positive Entwicklung kann man die Einweihung der Sporthalle in Bruchmühlen nennen, die nicht nur als Sporthalle, sondern als Treffpunkt für Bildung, Sport und Kultur dient. Eine wichtige Investition nicht nur für den Ortsteil sondern für die gesamte Gemeinde Rödinghausen. Zudem ist es uns gelungen, die wirtschaftliche Stärke weiter auszubauen. Neuansiedlungen im Gewerbegebiet Ostkilver sowie die bestehende intakte Wirtschaft wirken sich positiv für die Gemeinde aus.

Kann man auch sagen, dass 2011 in finanzieller Sicht ein sehr erfolgreiches Jahr war?
Vortmeyer: Ja, denn wir hatten das erfolg­reichste Jahr in der Geschichte der Gemeinde Rödinghausen. In 2003 lag das Gewerbesteueraufkommen noch bei knapp 5 Millionen Euro. Geplant hatten wir für 2011 Einnahmen von rund 10 Millionen Euro. Heute ist bekannt, dass wir mit rund 13,4 Millionen abschneiden werden. Das ist wirklich das absolut höchste Gewerbesteueraufkommen, das es je gab. Und die Gewerbesteuer bestimmt ja bekanntermaßen die Handlungsmöglichkeiten der Gemeinde Rödinghausen. Durch diese Einnahmen ist es uns möglich, in die Zukunft zu investieren.

Sind es denn eher die großen Industriebetriebe, die diesen Anstieg ermöglicht haben, oder auch viele kleine Unternehmen?
Vortmeyer:
Das ist ein bunter Mix, der für diesen bedeutungsvollen Anstieg verantwortlich ist. Natürlich spielt die Küchenmöbelindustrie bei uns in der Gemeinde eine große Rolle. Dazu zählen auch die gesamten Zulieferer dieser Branche. In der Vergangenheit ist es uns gelungen, weitere Neuansiedlungen im Gewerbegebiet Ostkilver zu realisieren. Dieses Gebiet ist heute ein wichtiger Baustein in der Struktur unseres gesamten Gewerbesteueraufkommens.

Ist so ein Rekordergebnis denn noch steigerbar?
Vortmeyer: Das Gewerbesteueraufkommen ist natürlich abhängig von der Konjunktur, von der wirtschaftlichen Situation, in der sich die Unternehmen befinden. Es gibt also keinen Garantieschein, dass wir so ein Ergebnis auch in Zukunft haben werden. Unser Ziel ist es natürlich weiterhin, den guten Kontakt zur Wirtschaft zu halten, um gemeinsam mit ansässigen Unternehmen den positiven Weg fortzuführen.

Das heißt aber auch, dass mit der sehr guten Entwicklung der Gewerbesteuer die Zahl der Arbeitslosen weiter gefallen ist?
Vortmeyer:
Ja. Das hat dazu geführt, dass wir aktuell eine Arbeitslosigkeit von 3,3 Pro­zent in unserer Gemeinde haben. Das ist die niedrigste Zahl seit Jahrzehnten. Wir können also auch hier von einer sehr guten Entwicklung sprechen.

3,3 Prozent, das hört sich schon fast nach faktischer Vollbeschäftigung an.

Vortmeyer: Gut, auf der einen Seite sage ich immer: Jede/r Arbeitslose ist einer zu viel. Andererseits gibt es Fachleute, die sagen, dass bereits fünf Prozent Arbeitslosigkeit Vollbeschäftigung bedeutet. So oder so ist diese Zahl herausragend gut.

Wie teilen sich denn die neu gewonnenen Arbeitsplätze auf? Sind das sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze, die hinzugekommen sind, oder doch eher neue 400€-Jobs?

Vortmeyer: Das ist die eigentliche Besonder­heit. Wir haben – und das ist wirklich entscheidend – einen Zuwachs von 16 Prozent an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung im Zeitraum von 2003 bis 2010 erreicht.

Und wie stellen sich diese Zahlen im Kreisvergleich dar?

Vortmeyer: Bei der IHK-Strukturanalyse des Kreises Herford wurde ein starker Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse festgestellt. Der Kreis Herford hat von 2003 bis 2010 eine Abnahme von rund 3,7 Prozent zu verzeichnen. Bei uns ist das absolute Gegenteil eingetreten. Mit einem Zuwachs von über 16 Prozent bilden wir kreisweit eine Ausnahme und nehmen folglich eine Spitzenposition ein.

Wenn man solche Erfolge verbuchen kann, wie ist es dann, wenn Sie sich mit Ihren Bürgermeister-Kollegen treffen? Ist da Neid zu spüren, oder in welch ei­ner Atmosphäre laufen solche Treffen ab?

Vortmeyer: Zumindest ist es so, dass die Kollegen die positive Entwicklung bei uns registrieren. Es gibt sicherlich auch den einen oder anderen, der tauschen möchte. Wenn man auf die Zer­tifizierung als famili­engerechte Kommune und auf die Zukunftsinvestitionen schaut, dann ist das sicher so. In anderen Gemeinden geht es sicherlich deutlich häufiger um Kostenreduzierung, um die Frage, wo noch gespart, nicht, wo investiert werden kann.

Wenn man so viele finanzielle Mittel zur Verfügung hat, stellt sich ja die Frage, wie diese verteilt werden. Welche Philosophie steckt da hinter der Vergabe, hinter der Auswahl der Projekte, die angegangen und finanziert werden?

Vortmeyer: Die Philosophie ist klar. Wir agieren im Sinne der familiengerechten Kommune und zeichnen uns aus durch die wirtschaftliche Stärke. Wir haben jetzt eine sehr gute Phase, gleichzeitig aber die Situation, dass auf Landesebene die Leistungsstarken zur Kasse gebeten werden sollen. Da entdecken wir also graue Wolken am Himmel, auch die muss man sehen, auf die müssen wir uns vorbereiten. Es ist also so, dass wir sehr bewusst mit unseren finanziellen Möglichkeiten umgehen. Unser Ziel ist es, die Haushalte der kommenden Jahre ausgeglichen zu gestalten. Aber wir tätigen natürlich auch die Investitionen, die 
Rödinghausen eine Zukunft geben. Es geht darum, für unsere Bürgerinnen und Bürger sowie für die, die wir zukünftig für die Gemeinde gewinnen wollen, die Standortqualität noch weiter zu steigern.

Es sind ja in diesem Jahr sehr viele Investitionen – ob Neubau der Sporthalle in Bruchmühlen, Umgestaltung des Kur­parks, Neubau der Alten Dorfstraße oder Schaffung des neuen Kunstrasenplatzes in Ostkilver – getätigt worden. Sind all das Investitionen direkt in die Zukunft?

Vortmeyer: Ja, wir investieren in die Zukunftsfähigkeit der Gemeinde Rödinghausen. Wir haben bereits vor Jahren in der Gemeinde einen Stabsbereich „wirtschaftliche Entwicklung“ eingerichtet. Der enge Kontakt zu Unternehmen sowie die vielen Neuansiedlungen sind Grundlagen der niedrigen Arbeitslosenquote und der hohen Gewerbesteuerkraft. Dies gibt uns die Möglichkeit, wichtige Zukunftsprojekte zu realisieren.

Ist es denn nicht schwierig, bei der Vergabe der Mittel zu gewichten? Stellt sich nicht immer die Frage: Was macht man sofort, wem gibt man was?

Vortmeyer: Unser Leitbild ist die Familiengerechtigkeit! Alle zur Diskussion stehenden Investitionsmaßnahmen prüfen wir im Sinne der Familienfreundlichkeit und selbstverständlich auch unter dem Gesichtspunkt solider Finanzen. Die Frage ist immer: Was ist familiengerecht, was brauchen wir, um familiengerecht und zukunftsfähig zu werden und zu bleiben? Wie können wir dem demographischen Wandel entgegenwirken?

Hervorzuheben ist bei den Investitionen sicherlich die Errichtung der Sporthalle in Bruchmühlen. Wie haben Sie die Einweihung miterlebt?

Vortmeyer: Das Einweihungswochenende war eine Besonderheit! Es war ein einzigartiges Erlebnis. Der Grundschulverbund Bruchmühlen-Ostkilver, die Sportvereine, Chöre und Gruppen haben dieses Wochenende in besonderer Art und Weise gestaltet und so die Möglichkeiten dieser Einrichtung aufgezeigt.

Ist der Begriff Sporthalle für diesen Bau eigentlich der richtige?

Vortmeyer:
Nein, so ganz passt er nicht. Denn Ziel ist es gewesen, an der Grundschule Bruchmühlen ein Zentrum für Sport, Bildung und Kultur zu schaffen. Die Halle ist also mehr als eine Sporthalle – sie soll zu einem Treffpunkt für alle Bürgerinnen und Bürger werden.

Wie sind daneben die Restaurierung der Alten Dorfstraße und die Neustrukturierung des Kurparks einzuschätzen?

Vortmeyer: Viele haben vergessen, dass sich die Alte Dorfstraße vor wenigen Jahren noch in einem sehr schlechten Zustand befand. Die Straßenbäume hatten mit ihren Wurzeln das Pflaster der Fußwege angehoben und die Fahrbahn war uneben. Dringender Bedarf zur Restaurierung bestand also. Wir haben rund 1,2 Millionen Euro in die Sanierung investiert. (Es ist uns gelungen, 50 Prozent der Investitionssumme vom Land NRW zu bekommen.) Rund 800.000 Euro investierten wir in die Umgestaltung des Kurparks als Treffpunkt für alle Generationen. 400.000 Euro Fördermittel kamen dafür vom Land NRW. 
Mit der Sanierung der Alten Dorfstraße und der Umgestaltung des Kur­parks wollen wir der Gemeinde einen weiteren Schub geben. Unser Ziel ist es, für Einwohnerinnen und Einwohner sowie für Gäste noch reizvoller zu werden. Das gilt insbesondere für den Tagestourismus, den wir immer stärker in unsere Überlegungen und Entscheidungen einbeziehen.

Was genau bedeutet denn eigentlich Familiengerechtigkeit? Wendet sich das an jedermann, gilt das für das Neugeborene ebenso wie für den Senior?

Vortmeyer:
Familiengerechtigkeit bedeutet für uns, dass Menschen aller Generationen sich in Rödinghausen wohlfühlen. Zur Realisierung dieses Zieles haben wir ein umfangreiches Maßnahmenpaket auf den Weg gebracht. Hierzu gehören die Neugeborenenbegrüßung, die Einführung des Seniorenmobils und das Paket sozialer Teilhabe für Kinder. Viele weitere Dinge sind uns in diesem Bereich sehr wichtig. Übrigens haben wir bei dem Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ auf Kreisebene sehr erfolgreich abgeschnitten. Beim Wettbewerb hat die Gemeinde Rödinghausen mit zwei Ortsteilen teilgenommen und die Plätze eins – Westkilver – und zwei – Rödinghausen – belegt. Ein großartiger Beleg für das Engagement der Einwohnerinnen und Einwohner sowie der intakten Strukturen in unserer Gemeinde.

War dieses sehr gute Abschneiden, das Belegen der Plätze eins und zwei eigentlich zu erwarten?

Vortmeyer: Nach Abschluss des Bereisungstages in Rödinghausen war die Kommission schon beeindruckt von dem, wie wir uns prä­sen­tiert haben. Wir können stolz sein auf un­­sere intakten Orts­­teile. Wir neh­men be­reits ei­ne gute Stel­lung in vielen Bereichen ein, trotz­dem ist es uns immer wichtig, uns weiterzuentwickeln. Zurzeit bieten wir im Rahmen der Dorfinnenentwicklungskonzepte allen Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit, sich aktiv an der Gestaltung der Zukunft unserer Gemeinde zu beteiligen. Wir möchten gemeinsam die Wünsche und Anregungen, die in eine positive Zukunftsgestaltung führen, aufnehmen und realisieren. Dabei sind wir auch auf das Engagement jedes Einzelnen angewiesen.

Ein wichtiges Ereignis war in diesem Jahr sicher auch die Einweihung des Häcker Wiehenstadions. Wie bewerten Sie den Bau dieser Sportstätte?

Vortmeyer: Wir durften erleben, dass sich ein Unternehmer auf großartige Weise für seine Heimatgemeinde einsetzt. Herr Horst Finkemeier – Häcker Küchen – baute am Standort unserer Gesamtschule eine herausragende Sportanlage. Das Häcker Wiehenstadion ist einmalig für die gesamte Region. Der Schul- und Vereinssport in unserer Gemeinde profitiert vielfältig von dieser Anlage. Der Bau des Häcker Wiehenstadions ist ebenso ein wichtiger Baustein für die Zukunftsfähigkeit Röding­-
hausens.

Ist denn mit der Einweihung des Sta­di­ons in diesem Bereich alles getan oder wird es hier weitere Bauvorhaben und Investitionen geben?

Vortmeyer: Als Gemeinde Rödinghausen haben wir in der Schulentwicklungsplanung formuliert, eine neue Grundschule zu errichten. Wir wollen Synergieeffekte zwischen der neuen Grundschule, dem Gesamtschulzentrum und der Häcker-Sportanlage ermöglichen. Daraus ergibt sich folglich ein Standort im geographischen Bereich der Gesamtschule und der Sportanlage.

Deutlich konkreter sind da schon die Pläne für die Schaffung eines Fachmarktzentrums im Süden der Gemeinde. Wie ist da der Stand der Dinge?

Vortmeyer: Wie in vielen anderen Dingen stellt sich immer die Frage: Was brauchen wir in der Zukunft? Insofern haben wir ja einen mit großer Mehrheit getragenen Ratsbeschluss, der heißt: Wir wollen Zukunft. Und das heißt, dass wir die ehemalige Industriefläche umwidmen und zukünftig dem Einzelhandel zusprechen. Ziel ist es, mit einem Fachmarktzentrum zusätzliches Angebot zu schaffen, weitere Kaufkraft zu generieren und natürlich auch den bestehenden Handel zu stärken. Wir wollen dem Standort Bruchmühlen Zukunft geben und ihn als Einzelhandelsstandort weiter entwickeln. Wichtig ist, dass wir uns von anderen Standorten abheben. Unser Ziel ist es, in einem Teilbereich Regionalität zu schaffen. Wir wollen regionalen Anbietern die Möglichkeit geben, dort ihre Produkte oder Dienstleistungen anzubieten. Zudem ist es uns wichtig, das Fachmarktzentrum verträglich zum bestehenden Handel zu etablieren und stadtplanerisch in die bestehenden Strukturen einzubinden.

Das heißt, dass die Ängste unbegründet sind?

Vortmeyer: Es ist alles gesetzlich so geregelt, dass wir nachweisen müssen – was wir gerne tun –, dass es keine wesentlichen Veränderungen im Bereich des Handels bei einer solchen Neuansiedlung geben darf. Das heißt im Klartext: Hier wird es durch die Schaffung des Fachmarktzentrums nicht zu existenzbedrohenden Auswirkungen im Bereich des Einzelhandels kommen.

Im Gegensatz zum Fachmarktzentrum gibt es im Rödinghauser Ortskern ja aktuell eine Entwicklung, die man eher „zurück zu den Wurzeln“ nennen könnte.

Vortmeyer: Es ist Ziel der Gemeinde, vitale Ortschaften zu haben. Dieses neue Lebensmittelgeschäft im Rödinghauser Ortskern hat eine zentrale Bedeutung für das Dorf Rödinghausen. Das bringt Frequenz in den Ortskern, davon wird auch der vorhandene Handel profitieren. Der Ausbau der Straße, der Umbau des Kurparks, die Eröffnung des Geschäftes sowie die Gründung der Werbe- und Aktionsgemeinschaft (WAGE) werden dafür sorgen, dass Rödinghausen einen weiteren deutlichen Schub nach vorne bekommt.

Apropos Schub: Was sind die Perspektiven, die Ziele von Ihnen für das kommende Jahr?

Vortmeyer: Für mich steht der Bereich der Finanzen im Vordergrund. Die Entschuldung bildet einen wichtigen Schwerpunkt. Weitere Ansiedlungen von Unternehmen und damit verbunden die Stärkung unserer finanziellen Situation sind mir sehr wichtig. Daneben haben wir eine Umfrage bei den Familien mit Kindern durchgeführt. Was brauchen, was wollen sie noch an Entwicklung, haben wir gefragt. Die Ergebnisse werden zurzeit aufbereitet und liegen uns etwa im Februar vor. Darauf basierend ist es unser Anliegen, möglichst viele Wünsche erfüllen zu können. Man muss aber auch sagen, dass allein das Halten der sehr positiven Entwicklung der letzten Jahre schon ein Ziel ist, das es zu erreichen gilt. Damit könnte man schon sehr zufrieden sein.

Ein letztes Wort noch zum Gemeinde­magazin Du&Ich. Lange Zeit wurde dieses Magazin ja von dem Trio Gemeinde, Agentur hoch5 und Sportmarketing und damit zumindest mittelbar auch vom Unternehmen Häcker Küchen produziert und herausgegeben. Dies hat sich nun gewandelt, jetzt ist die Agentur hoch5 in enger Kooperation mit der Gemeinde alleiniger Herausgeber. Wird das der Leser merken?

Vortmeyer: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir das Magazin in einer sehr guten Partnerschaft zwischen der Agentur hoch5 und der Gemeinde in bewährter Form fortsetzten werden: Das Heft ist sehr gut, es kommt auch – soweit mir bekannt – sehr gut in der Bevölkerung, bei den Leserinnen und Lesern an. In dieser nun vereinfachten Kooperation werden die Wege noch kürzer. Wir sind also für die Zukunft in diesem Bereich sehr gut aufgestellt.