02/2012

Die Natur im Blick

Förster Herwart Siebert im Portrait

Der erste Schnee im Winter, matschig schon in der Luft, wässrig am Boden. Herwart Siebert macht all das nichts. Nicht das weiße Nass, das in den aufgestellten Kragen rutscht. Nicht die Schneeflocken, die auf der Brille niedergehen.

„Wenn du Förster sein willst, dann musst du vor allem eins sein: wetterfest“, sagt der Mann, der für die Wälder in Bünde und Umgebung zuständig ist. Wälder in Bünde. Das hört sich erst einmal nach purer Ironie an. Aber wer sich in den silbernen Ford neben Herwart Siebert setzt – Gebläse auf größter Stufe, um der Feuchtigkeit an der Scheiben­innenseite Herr zu werden – der merkt schnell, dass Wald und Bünde dann doch gut zusammenpassen. Es geht also raus in Richtung Gut Böckel, raus an die Stadtgrenze. Ein kleines Wäldchen nur, aber eines, das zeigt, was heute nicht nur den Förster bewegt. Am Wegesrand liegen Holzstämme, mit bunter Sprühfarbe gekennzeichnet und auf den Abtransport wartend. Rechts die, die ins Sägewerk gehen und später als Möbelstücke dienen werden. Ein paar Meter die Stämme, die astdurchzogen und von der Palettenindustrie gesucht sind. Und dann noch das Holz, das nicht erst-, nicht zweitklassig und doch höchst begehrt ist. „Ich bin bis Oktober 2012 ausverkauft, wenn es um Brennholz geht“, muss Herwart Siebert denen sagen, die selber gerne Hand anlegen wollen. Die mit der Motorsäge und passendem Führerschein in den Wald gehen und so selber für ihr Brennholz sorgen wollen. Dabei ist Herwart Siebert nicht der, der darüber bestimmt, was abgeholzt wird und was nicht. Er ist eher eine Art Vermittler. Einer, der mit den Waldbesitzern bespricht, was geschehen soll mit Holz und Bäumen. Der einen Plan festlegt, der sich meist über viele Jahre, manchmal auch über Jahrzehnte erstreckt. „Hier im Wald herrschen ganz andere Zeitdimensionen“, sagt der Förster beim kleinen Rundgang und zeigt auf eine stattliche Eiche. Gut 180 Jahre habe die schon auf der Borke – und sei so erst jetzt in einem Alter, das sie zu einem sehr guten und damit wertvollen Baum mache.

So ist der Beruf des Försters einer, der sich in zwei Teile teile. Es dauere Jahre, bis der Mann in Grün seinen Wald kennenlernt. Bis er weiß, was wo und vor allem wie wächst. Wie all die Organismen zusammenhängen, welche Nährstoffe wo vorkommen, welche Bäume es lohnt, zu hegen, mit Licht zu versorgen. Und welche Bäume eben weichen müssen. In der zweiten Berufshälfte dann wird dieses Wissen angewandt. Dann ist der Förster nicht nur geografisch mittendrin im Wald. Dann lebt er quasi in ihm. Nicht nur, wenn er durch ihn hindurch spaziert, sondern auch, wenn er am Schreibtisch sitzt, wenn er sich theoretisch mit seinem Wald beschäftigt. Herwart Siebert, 59 Jahre alt, ist längst in Phase zwei angekommen. Acht Jahre noch, dann steht die Pensionierung an. Nicht viel Zeit also, wenn in langen Rhythmen gedacht wird.

Hier, wo gerade eben noch geschlagen und gefällt wurde, passiert jetzt über viele Jahre nichts. Da wächst nach, was jetzt wieder genug Licht zum Wachsen erhält. Da streckt sich gen Himmel, was Nährstoffe durch verrottendes Holz erhält. Es kann viele Jahre dauern, ehe sich zeigt, ob die Auswahl der zu schlagenden Bäume die richtige war. Bis dahin also: warten. Und den Blick auf ein anderes Waldstück verlegen. Über mangelnde Auswahl kann sich Herwart Siebert dabei nicht beklagen. Denn der Wald wächst, zumindest statistisch gesehen. Viele Baumaßnahmen erfordern häufig eine Aufforstung. Und so wächst zwar nicht in die Breite, aber doch in der Summe, was Herwart Siebert betreut. Betreuen, das heißt nicht nur nach Holz schauen, das verwertet, wirtschaftlich genutzt werden kann. Sondern auch: einen Blick auf die Tiere haben, Mountainbikern erklären, dass querfeldein zwar Spaß, aber auch Ärger bereitet. Hundehalter daran erinnern, dass der Hund zwar frei laufen, dann aber immer gehorchen muss. Und immer, das heißt auch, wenn kurz vor ihm Wild aus dem Unterholz bricht. Der Hund? Kann das selten. Und der Hundebesitzer? Bezweifelt das. Fast immer.

Es sei ein abwechslungsreicher Beruf, sagt Herwart Siebert, wenn er so durch den kleinen Wald am Gut Böckel streift. Allerdings auch einer, der ihn erst spät faszinierte. Erst sollte es die elterliche Drogerie sein, die er übernehmen wollte. Dann die Bundes­wehr, die ihn durch ihre Möglich­keiten in der Führung von Menschen begeisterte. Und dann doch das Forstamt, fast zufällig als eine Möglichkeit der Berufswahl daherkommend.

Heute weiß Herwart Siebert: „Der Wald und ich, wir gehören zusammen“. Und Förster-Sein, dazu brauche es keinen großen Nationalwald, kein Gebirge, das gehe auch sehr gut hier. Weil er eben keiner ist, der in einem verwunschenen Forsthaus, irgendwo ganz außerhalb leben müsse. Heute wohnt er im Eltern­haus. Eine Mischung aus Gas und – natürlich – Holzheizung wärmt dort. Denn mit Holz, da kennt er sich aus. Weiß zu schätzen, was viele für minderwertig halten. „Bei den meisten Ofenbesitzern muss es immer Buche sein, aber das ist eigentlich nicht nachzuvollziehen“, sagt der Mann in Grün. Nadelholz etwa brenne zwar schneller run­ter, erreiche aber rascher höhere Temperaturen. Für den, der es fix warm haben möchte, der seinen Speckstein- oder Kachelofen auf Vor­­dermann bring­en möchte, für den sei Nadelholz manches Mal die bessere Wahl. Ganz gleich, welche Baum­­art ge­wählt wird, ent­scheidend ist, wie trocken die Holz­scheite sind, die in den Ka­minofen wandern. 20 Prozent Feuchtigkeit, mehr dürfe es nicht sein, rät der Fachmann. Wie aber herausfinden, wie feucht das Holz ist? Sicher, es gibt Messgeräte. „Aber auch die messen eben nur einige Zen­ti­meter unter der Oberfläche, nicht in der Mitte, nicht im Kern“, warnt Her­wart Siebert. Holzkauf, das sei eben am Ende immer noch, was es immer schon war: Vertrauenssache.Das beginne schon bei der Anlieferung. Was ist ein Schüttraummeter? Ein halber oder doch dreiviertel Raummeter? Was sich nach Haarspalterei anhört, kann in der Praxis schnell viel Geld kosten. Dann doch lieber gleich den gestapelten Raummeter ordern, den, den auch der Förster als Einheit wählt, wenn er die besucht, die vorher in genau bezeichneten Waldstücken gefällte Bäume in Stücke schnitten. Selber Bäume fällen? Kommt in den von Herwart Siebert betreuten Wäldern nicht in Frage. „Ein Wald­arbeiter braucht rund drei Jahre, um sich ausbilden zu lassen, um zu wissen, wie er einen Baum so fällt, dass er nicht alle rundum stehenden Bäume ruiniert“, sagt der Förster. Und meint damit auch: Wer den Kettensägen­führerschein macht, der weiß, wie er mit diesem gefährlichen Werkzeug umgeht. Mehr aber meist auch nicht.

Zeit, sich dem wertvollen Brennstoff Holz dennoch schweißtreibend zuzuwenden, bleibt aber allemal. Denn das Holz muss zerteilt, später über gekennzeichnete Wege zum Waldweg gebracht und dann aufgeladen werden. Gerade hier ist Schnelligkeit gefragt, denn „ich habe das Gefühl, dass es mit der Ehrlichkeit nicht immer zum Besten steht“, formuliert Herwart Siebert vorsichtig.

Der weiß auch, dass die Preise für Holz weiter anziehen werden. Wer glaubt, dass nachwachsende Rohstoffe denen des Erdöls nicht folgen, der befinde sich auf dem Holzweg. Das habe schon bei Pellets nicht funktioniert. Und klappe auch nicht beim Brennholz. In den vergangenen zehn Jahren hat sich so auch der Preis des Holzes verdoppelt, das der heimische Förster vermittelt. Kunden aber? Gibt es dafür immer noch sehr viele. Wildtieren werden diese Waldarbeiter auf Zeit nur selten begegnen. Dabei gibt es von ihnen noch jede Menge, weiß Herwart Siebert zu berichten. Damwild ist längst den Gehegen entwichen und hat sich ein Plätzchen im heimischen Wald gesichert. Waschbären sind hergekommen und dageblieben, Wildschweine stehen davor, dank Biomassen-Gewinnung und Maisanbau-Explosion, in ihrer Zahl deutlich anzuwachsen.

All das weiß Herwart Siebert nicht nur aus beruflicher Erfahrung, sondern auch, weil er Mitglied in der Kreisjägerschaft ist. Auf dem Hochsitz aber? Findet man ihn nur selten. Es ist eher die Nachwuchsarbeit, die ihn ebenso wie sein Engagement in der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald begeistert. Beides wird Herwart Siebert noch über seinen Ruhestand hinaus begleiten, das ist schon jetzt sicher. Denn der Wald? „Der gehört zu mir. Und ich zu ihm.“