03/2012

Die Ferne im Blick

Eine Begegnung mit Wilfried Springhorn auf seinem Hof

Es ist wider Erwarten ein strahlend sonniger Tag, die tief­ stehende Wintersonne zeichnet harte Schatten in die Umgebung. Angekommen auf dem Hof, ist es erst einmal still. Nur das Pferd, das uns neugierig aus dem Stall heraus anschaut, lässt die Hufe auf dem Holz klackern, das Stroh rascheln. Eine Katze huscht quer über den Hof. Dann öffnet sich auch die obere Klappe der alten Scheunentür und der Herr des Hofes begrüßt uns freundlich: Wilfried Springhorn bittet uns in seine Stube.

Die ist warm und gemütlich und steht damit genau für das, was wie ein Motto über dem Lebenslauf Springhorns zu schweben scheint: Gastfreundschaft und Sich-Zuhause-Fühlen. Er jedoch war nicht immer zu Hause. Gerade deswegen umso interessanter die Geschichte hinter dem, der heute vieles in einer Person verbindet und es sich zur Aufgabe gemacht hat, ein gewisses Gefühl zu vermitteln – das Gefühl angekommen zu sein. Angekommen ist er selbst schon lange, in Rödinghausen. Als Betreiber einer Pferdepension, als Bioland-Hofbesitzer, als Gastgeber für seine Übernachtungsgäste und als Sprachlehrer in den Integrations- und Französischkursen.

Nun aber von vorne: Der, der sich heute heimisch fühlt in der Gemeinde, kommt eigentlich aus Brandenburg. Als kleiner Junge floh er mit seiner Familie 1953 in den Westen und landete in der Fremde – in Rödinghausen. Hier angekommen, hatte seine Familie so erst einmal alles verloren. Alles, das war in Brandenburg ein 80 Hektar großer stattlicher Hof. Der Vater, der zuvor als Pferdezüchter wichtige Preise gewann, fing hier als Straßenbauer bei Null an. Das neue Heim, in das sie damals einzogen, steht keine hundert Meter von dem Hof entfernt, den Springhorn heute seinen Besitz nennt. Von seinem Schlafzimmerfenster aus zeigt uns der, der neben dem kleinen Ernst-Willhelm Vortmeyer in der Grundschule saß, das weiße Haus, das von diesem Zeitpunkt an sein Zuhause war. Geträumt habe er als junger Student jedoch stets weiter davon, irgendwann selber einmal in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, zumindest im Kleinen. Und dass Träume auch zur Realität werden können, davon scheint Wilfried Springhorn inzwischen überzeugt zu sein. „Anfang der Achtziger fing ich an, meinen Wunsch wahr werden zu lassen. Ich baute einen einfachen Holzstall und kaufte meine ersten beiden Pferde“, schwärmt er immer noch euphorisch und erzählt weiter: „Ich hatte diesen Fünf-Hektar-Hof aber schon von dort aus im Visier. Denn ich wollte Gäste und Land bewirten. Das wollte ich erreichen, und ein paar Jahre später konnte ich den Hof endlich pachten, später auch kaufen.“ Das Bioland-Siegel zierte von diesem Moment, von Anfang an den Hof der Familie Springhorn.

Aber die Landwirtschaft sollte nicht alles sein. Es schlugen zwei Herzen in seiner Brust: eines für die Landwirtschaft und eines für die Sprache. Französisch und Deutsch auf Lehramt studierend, war dem Rödinghauser schon zu Studienzeiten klar, dass sein Weg als Lehrer nicht in das Gymnasium führen würde. Nein, sein Weg führte ihn nach dem Staatsexamen nach Frankreich. Zwei Jahre lang reiste der Mann, der mit etwas Fantasie ein bisschen wir Gérard Depardieu aussieht, durch das fremde Land. Schulte seine Sprache, arbeitete auf Gestüten und Weingütern. Zurückgekehrt, begann er an der Volkshochschule zu unterrichten, seine Felder nebenbei beackernd.

So hätte es immer weiterlaufen können, doch es kam anders. 2008 machte eine schwere Krankheit dem Landwirt einen Strich durch die Rechnung. „Körperlich schaffe ich es seitdem leider nicht mehr, Ackerbau zu betreiben“, erzählt dieser nüchtern. Aber wo eine Not, da ist auch eine Tugend für Springhorn: „Mein Land ist nun Weideland – und das nicht nur für meine eigenen Pferde, sondern auch für Pensionspferde.“ Und auch für die Menschen der Gemeinde hat er seitdem noch mehr im Angebot: „Jeder, vom gut ausgebildeten Reiter bis hin zu demjenigen, der noch nie auf einem Pferderücken saß, kann mit mir Ausführritte machen. Dabei geht es mir einfach um das Erlebnis mit dem Pferd in der Natur. Die ganze Familie ist hier willkommen“, so Springhorn begeistert. Abendessen, zwei Stunden Ausritt, Übernachtung, Frühstück, wieder zwei 
Stunden Ausritt, lau­tet ein weiteres Angebot von den unzähligen, die er seinen Besuchern bietet. Selbst in die Fremde ist er seitdem nicht mehr gekommen. Mit den sieben Pferden und vier Ponys, die zur Zeit sein Hof beherbergt, ist das nicht mehr wirklich möglich.

Und doch zieht immer wieder die Ferne ein bei Springhorn. Geschätzte fünfmal im Jahr empfängt dieser nämlich nicht nur Huftiere in seiner Pension, sondern es kommen Fremde, Touristen, die sich einmieten in seinem Gästezimmer. Und woher kommen die? Das fragt sich manchmal auch der Gastgeber selbst, der zwar seit geraumer Zeit eine Internetseite hat, jedoch keinen Internetzugang. „Die kommen auch aus Frankreich angereist. Durch den Bioland-Verband müssen die mich im Netz finden. Irgendwie. Irgendwo kommen die her, immer wieder“, schmunzelt er und schaut selbst etwas ratlos. Und was macht für den inzwischen eingefleischten Rödinghauser der Begriff Gastfreundschaft aus? „Offenheit, Freisein von Vorurteilen und Freundlichkeit liegen mir sehr am Herzen, als Gastgeber und als Sprachlehrer in meinen Integrationskursen“, erzählt er zufrieden und erklärt geduldig: „Ich fühle einfach eine gewisse Empathie mit Menschen, die als Fremde hierherkommen und heimisch werden wollen. Wenn man solche Menschen kennenlernt, die Geschichten erfährt, die sich hinter den Gesichtern verbergen, kann man seinen Horizont erweitern, ohne in die Ferne zu ziehen.“

Das ist also die Geschichte, die sich hinter dem Mann verbirgt, der, wenn er selbst schon nicht mehr in die Ferne kann, sie einfach zu sich holt – nach Rödinghausen.

Und so langsam verstehen wir, was die Atmosphäre auf dem Hof und in der Stube ausmacht, was sie warm und gleichzeitig erfrischend werden lässt. Wir schlendern noch etwas zusammen über den Hof, nehmen dann die Tüte mit den leckeren Bioland-Äpfeln und verabschieden uns. Und es scheint, als hätte sich der Horizont etwas erweitert. Unser eigener und der von Rödinghausen.