04/2012

Mit Schafsinn

Im Stall bei Schäfer Meier

Wo ihr Mann sei? Die kleine Frau lacht. Na, im Stall, bei seinen Schafen, wo sonst? „Die lammen gerade. Da muss man die ganze Zeit dabei sein.“ Draußen, es ist Mitte Februar in Rödinghausen, herrschen Minusgrade, die sich langsam aber deutlich der Null-Grad-Grenze nähern. Sonne? Fehlanzeige, seit Tagen. Stattdessen: Schnee, Matsch und grauer Himmel. Drinnen im Schafstall, hinter grau-braun verputzten Wänden, ist die Wärme dagegen sehr gut spürbar. Woher die rührt? Sicher von den vielen dichtgedrängt stehenden Schafen, sogenannten Schwarzkopfschafen, die den Mann umringen, der hier viele Stunden in Tag und Nacht verbringt. Die Nächte schlägt er sich hier um die Ohren, weil die kugelrunden Bäuche der Mutterschafe verraten: hier werden Lämmer geboren. Gezeugt vom einzigen Bock der Herde, der aber derzeit nur faul herum liegt. Seine Arbeit ist schon getan. Erst als die Tiere Fremde im Stall wahrnehmen, gerät Bewegung in die Herde; nervös blökend laufen sie im Gatter herum, immer um die Futterkrippe in der Mitte des Geheges herum.

Schäfer Gerhard Meier – er nennt seine Leidenschaft Hobby, dabei sieht es für Laie und Besucher nach schwerer Arbeit aus – rückt derzeit ganz nah an die lammenden Muttertiere heran, wenn diese Hilfe beim Gebären brauchen. Denn, „es geht nicht immer alles ganz einfach. Manchmal geht auch etwas schief und dann muss ich zur Stelle sein“, sagt Meier. Wie viel Zeit er denn im Stall bei den Tieren verbringe? Der Schäfer schmunzelt amüsiert: „Alle Tage – und alle Nächte.“ Frau Meiers Begrüßung vom Anfang darf wohl wörtlich genommen werden. Kaum Platz also für Schäfer-Romantik, eher eine harte Arbeit, eine, die auch der Ehefrau einiges abverlangt. „Ohne geht es ja nicht“, sagt Frau Meier, zuckt mit den Schultern und will damit auch sagen: Das hier, das kennen wir nicht anders. Und wir schätzen es, auch wenn es viel Arbeit bedeutet.

Ein Leben ohne seine Schafe? Kann sich Gerhard Meier ohnehin nicht vorstellen. Rund fünfzig Tiere nennt der 69-jährige Hobby-Schäfer sein Eigen. Freizeit? Nein, die habe er jetzt im Moment nicht. Aber wenn die Lämmer größer würden, dann finde sich auch dafür wieder Zeit. Ein Fulltime-Job also, einer, den er sich aber nicht selbst ausgesucht habe. Das Schäfern hat er nach dem Tod seines Vater, des Berufsschäfers Meier, der 1999 gestorben ist, übernommen, quasi geerbt. Über 70 Jahre sei dieser alt gewesen und habe doch bis zum Schluss seine Herde gehütet. Dabei sei der Vater auch über die Grenzen von Rödinghausen hinaus als sogenannter Einrenker bekannt gewesen. „Schäfer Meier war bekannt. Der hat die Knochen eingesetzt. Der war wer weiß wie weit bekannt. Die kamen von überall“, sagt sein Sohn nicht ohne Bewunderung.

Dabei hat er sich als junger Mann gegen das Berufsschäfern entschieden, auch wenn er es von klein auf um sich gehabt hat. Er ist stattdessen Maurer geworden und damit, auch wenn das erst einmal merkwürdig klingt, auch zwangsläufig Hausschlachter. „So war das früher, Maurer und Hausschlachter, das gehörte zusammen“, erklärt seine Frau die Tradition. Die Schafhaltung diente damals wie heute einem Zweck: Der Ernährung, der Fleischgewinnung. Aus diesem Grund hat Gerhard Meier auch vor einigen Jahren das Texelschaf, eine holländische Schafsorte, eingekreuzt, die für einen größeren Fleischertrag sorgt. Verkauft werden die Lämmer an eine einen Händler, der auch zuständig für die Schlachtung ist. Aber wo diese stattfindet, weiß Gerhard Meier nicht. „Ruhrgebiet, Frankreich oder irgendwo“ lautet die knappe Antwort. Einige der Tiere behält er aber hier und schlachtet selbst. Kaum vorstellbar, dass ein Mensch so viel Zeit in der Nähe seiner Tiere verbringt und sie dann doch ohne mit der Wimper zu zucken schlachten kann. Wenn man es aber nicht anders kennt? Dann ist auch das gut vorstellbar. Namen aber tragen die Schafe selbstverständlich keine, denn „so viele Namen kann ich gar nicht im Kopf behalten“, sagt der Schäfer. Vielleicht wehrt er sich aber auch dagegen, damit die Verbindung zu den Tieren keine ist, die zu eng, zu vertraulich wird. Am Ende landet das Schaf im Topf, so einfach ist das. Beim Schnippelbohneneintopf beim Mittagessen etwa weiß das Schäfer-Ehepaar das Fleisch ihrer Tiere zu schätzen. Hier auf dem Hof sind Tierhaltung und Versorgung eins, hier herrscht kein romantisch verklärter Idealismus. Pragmatisch sehen die beiden das. Und ebenso gradlinig ist auch der Stil der Eheleute: geradeaus, ohne viele Worte, zweckgerichtet. Ein Erzähler? Ist Schäfer Gerhard Meier sicher nicht. Vielleicht, weil der Umgang mit seinen Tieren einer ist, der ohne Worte auskommt. Dem Mann etwas über seine Herde zu entlocken, fällt entsprechend schwer; erst, als er auf die Zukunft seiner Branche, die im Aussterben begriffen ist, zu sprechen kommt, gerät er ins Reden und entrüstet sich: „Die sind alle mit ihren großen Maschinen unterwegs. Da heißt es heute ernten, morgen pflügen, den nächsten Tag säen. Nein, das war früher anders, da konnten wir noch viel länger auf den abgeernteten Felder unsere Tiere hüten.“

Gerhard Meiers Schwarzkopfschafe sind wider Erwarten recht groß, haben keine Hörner – auch sie wirken irgendwie schnörkellos. Das liegt wohl daran, dass sie bereits geschoren wurden, trotz der beißenden Kälte und der Jahreszeit. „Sie kommen ja sowieso erst wieder im April auf die Weide, da macht das frühe Scheren nichts“, erklärt Meier, der nicht selber zu Schere und Schermaschine greift, sondern einen Profi an Tiere und Wolle lässt. Letztere liegt in großen gelben Ballen auf Schubkarren und wartet auf den Abtransport. Gewogen habe er sie noch nicht, denn „das Kilo Schafwolle bringt heute nur noch rund 80 Cent ein – das ist eh viel zu wenig“, rechnet Gerhard Meier vor. Damit sei heute einfach kein Geschäft mehr zu machen. Es gibt eine Sammelstelle in der Nähe, da wird die Wolle abgegeben. Eine LKW nimmt sie aber von da aus erst dann mit, wenn mehr als eine Tonne Schafwolle zusammen gekommen ist.

Ein Mutterschaf im hinteren Stallbereich kommt gerade eben erst wieder nach der Geburt auf die Beine. Auch sie hat abgelammt, und schon stehen zwei staksige Lämmchen neben ihr, unternehmen die ersten Gehversuche und versuchen, der Mutter auf den Fersen zu bleiben. Ein anderes weibliches Schaf hat gleich drei Jungtiere bei sich im Gatter, versorgt so noch ein zusätzliches zu ihren beiden eigenen mit, das der Schäfer ihr „untergemogelt“ habe. Zumeist werden Zwillinge geboren. So lange die Mutter ihr Lamm noch nicht abgeleckt habe, „kann man es auch einem anderen Mutterschaf zum Säugen geben, um möglichst viele durchzubekommen“ erklärt Schäfer Meier dieses mühselige Geschäft. Auch das führt dazu, dass der Schäfer derzeit mehr oder weniger den ganzen Tag und die ganze Nacht im Stall verbringt. Sitzend, darauf wartend, dass ein Schaf bei der Geburt seine Hilfe braucht. Und das geschehe öfter, bestätigt Gerhard Meier. Entsprechend müde wirkt er auch. Ob er mit seinen 69 Jahren manchmal an den – eigentlich schon längst überfälligen – 
Ruhestand denke? Und wenn ja, wer würde ihn ablösen? „Mein Sohn fährt LKW, geht frühmorgens und kommt spätabends wieder nach Hause. Er würde gerne ein paar Schafe behalten wollen, aber um die ganze Herde? Möchte er sich in der Zukunft ganz sicher nicht kümmern“, weiß Gerhard Meier.

Weniger wird die Arbeit mit den Tieren von April bis weit in den Winter hinein. Dann stehen sie auf der Weide, im Grünen und fressen sich dort am saftigen, vitaminreichen Gras satt und rund. Auch die Wolle ist bis dahin nachgewachsen. Im vergangenen Jahr holte er seine Herde genau acht Tage vor Weihnachten rein, „als das bis dahin sehr gute Wetter anfing schlechter zu werden“. Entlang des Wiehengebirges verläuft das Weidegebiet, das Meier größtenteils gepachtet habe. Von Schäfer-Idylle? Gerhard Meier schüttelt den Kopf. Nicht die Spur. „Es ist viel Arbeit – und ich stehe bei Wind und Wetter draußen und kümmere mich um die Tiere“, sagt der, der weiß: „Hier gibt’s kein Wenn und Aber, wenn es schneit und regnet, da musst du raus.“ Auf seinen Weidegängen wird er von seinem schwarz-weißen Bordercollie Chap begleitet. Einem Hütehund, der sich gerade jetzt meldet, als er seinen Namen hört. Derzeit dürfe er sich den Stall – allerdings im Zwinger – mit den Schafen teilen, da der Schäfer ihn wegen der Kälte rein ins Warme geholt hat. Das Hüten, das sei in der Rasse „irgendwie schon drin, das musste ich ihm gar nicht mehr erst beibringen“, freut sich der Schäfer über einen Hund, der eigentlich nur eins will: immer dabei zu sein.

Es gibt neben der vielen Arbeit auch weitere Schattenseiten in der Schafzucht. Viele Krankheiten existieren, etwa die Blauzungenkrankheit, der aktuell grassierende Schmallenberg-Virus. „Gott sei Dank sind wir davon noch verschont geblieben“, sagt Gerhard Meier und klopft drei Mal auf Holz. Sicher ist sicher.

Immer wieder ankämpfen muss der Schäfer gegen die landläufige Meinung, dass Schaffe dumm sind. „Genau das Gegenteil ist der Fall“, sagt das Ehepaar Meier und weiß das auch zu belegen. Sobald sich nur ein winziges Schlupfloch im Weidezaun auftut, etwa hervorgerufen durch ein durchbrechendes Reh, wie gerade letztes Jahr geschehen, dann wüssten die Schafe sofort, welchem „Patt sie folgen müssten, um zur nächsten Wiese zu gelangen“.

Von Ästhetik, Romantik, Verklärung gar, ist hier im Stall der Familie Meier nichts zu spüren. Dann schon viel eher von harter körperlicher Arbeit, von der Verpflichtung gegenüber dem Wohlergehen der immer mindestens 50 Tiere; den Jahreszeiten, Witterungen, Tag-Nacht-Rhythmen, den eigenen Bedürfnissen trotzend. Zimperliches Verhalten, Geruchsempfindlichkeit gegen den intensiven Ammoniak-Gestank im Stall sind hier Fehl am Platz. Es verwundert nicht sonderlich, dass der Beruf des Schäfers auszusterben droht. Dennoch: der Umgang des Mannes mit seinen Schafen ist ungezwungen, alles folgt festgelegten Regeln und Abläufen, einem ewigen Kreislauf, wirkt naturgegeben und authentisch. Jeder Handgriff sitzt, jeder physische Kontakt zu den Tieren ein schon oft dagewesener. Als ein Hobby? Würden es wohl – so wie von Gerhard Meier betrieben – nur sehr wenige bezeichnen. Er selber aber? Sieht es nicht als Arbeit, nicht als Beruf. Es ist wohl eher Lebenseinstellung und Leidenschaft zugleich.