09/2012

Zu Besuch im Zeltlager

Im Zeltlager vom CVJM

Drei rote Herzen strahlen auf dem rosafarbenen Briefumschlag – und sofort schlagen donnernd rund 100 Plastiktassen auf hölzerne Tische, dröhnt es in dem großen Zelt „Liebesbrief, Liebes­brief“. Zumindest zur Mittagszeit ist wenig Raum für Romantik im CVJM-Zeltlager, wer hier von der Liebsten lesen will, muss erst einmal das ­Gelächter der anderen ertragen.

Schnell zugegriffen und den Brief unter dem T-Shirt versteckt, dann gehofft, dass der eigene Tisch einer ist, der als erster ausgelost wird, damit es schnell zum Abspülen, weiter ins Zelt gehen kann. Vorbei an der Tischtennisplatte, bei der ein massives Brett das fragile Netz ersetzt, vorbei am Kiosk, in dem die härteste Währung immer noch Snickers oder Twix ist. Rein ins Dorf vier, weiter ins eigene Zelt, wo sich zehn Luftmatratzen auf hölzernen Gitterkonstruktionen drängen. Wer jemals in einem CVJM-Zeltlager war, der erlebt hier ein Déjà-vu der besonderen Art. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein, nur die Gesichter der 80 Jungs und 40 Mitarbeiter sind ausgewechselt.

Zu Besuch im CVJM-Zeltlager 2012, in Hövel bei Lorup. Was so viel heißt wie: fahr in Richtung Oldenburg, bieg vor Cloppenburg ab und dann such. Erst der fünfte Angesprochene hat schon mal was gehört  von dem Jugendzeltplatz, der früher mal militärischen Zwecken diente und da liegt, wo ihn Eingeweihte vermuten: im Nichts. Ein kleines, sich in die Landschaft duckendes Häuschen beherbergt WCs, Küche, Kiosk und Besprechungsraum der Mitarbeiter, alles andere findet hinter mal warmen, dann feuchten Zeltwänden statt. „In den ersten drei Tagen hat es dann doch etwas geregnet“, erzählt Lucas Beinke, Lagerleiter und damit derjenige, der dafür sorgte, dass sich Mitarbeiter wie Teilnehmer um das Setzen von Wäscheleinen kümmerten. Ein paar Tage später hängen noch ein paar verwaiste T-Shirts auf den Leinen, die echten, die Lieblings-T-Shirts, sind aber längst wieder getrocknet und angezogen. Wo sich früher, vor gut 25 Jahren, noch die Massen in den einzelnen Dörfern drängelten, ist es heute etwas ruhiger geworden. „Wir haben zwei Dörfer zusammenlegen müssen. Haben jetzt die Zeltdörfer zwei, vier und dreins“, so Lucas Beinke, der längst nicht nur Jungscharler mit in etwas andere Ferien nimmt. Etwas anders deshalb, weil schon morgens um 8 Uhr der Weckdienst durch die Dörfer zieht, weil danach eine kleine Andacht beginnt, ehe das Frühstück für den Tag stärkt. 9 bis 13 Jahre alt sind die Teilnehmer, die danach in ihr Zelt eilen und aufräumen. Die Koffer auf die dafür vorgesehenen Holzpaletten, die Gummistiefel in Reih und Glied an den Zelteingang. Denn es folgt die Kontrolle der Sauberkeit, am Ende des Zeltlagers wartet auf den, der am häufigsten den Sauberkeitspokal gewonnen hat, eine große Eisbombe. „Für den, der als Kind hier dabei war, gibt es wohl wenig Neues“, sagt Lucas Beinke, lacht und weiß auch, dass es eben Dinge gibt, die man besser nicht verändert. Die Jungen werden für den Lokus-Schrubb-Dienst, kurz LSD, eingeteilt, an einem Tag findet die Lager-Olympiade, am nächsten das Tagesgeländespiel statt. Früher, da gab es noch eine Lagerzeitung, heute können sich die Eltern daheim auf dem Sofa via Facebook über das informieren, was ihr Nachwuchs gerade anstellt. Dabei ist das nichts Besorgniserregendes. Sicher, das ein oder andere Pflaster musste schon geklebt, einmal kurz ins Krankenhaus gefahren werden, um festzustellen, dass die Verletzung dann doch keine schwere ist. Aber wenn 80 Kinder durch den Wald rennen, sind Schrammen vor allem eins: ganz natürlich. 

Thaisen Schulte ist einer von denen, die abends müde in den Schlafsack rein- und morgens ebenso müde wieder rauskriechen. Zum ersten Mal nimmt der 11-jährige Rödinghauser an einem solchen CVJM-Zeltlager teil, auf die Frage, was denn hier besonders cool sei, gibt er eine ausweichende Antwort: „Eigentlich ist hier alles cool.“ Das Lesen in der Mittagspause, das Kartenspiel, Fußball natürlich, die nächtliche Wanderung durch den Wald nicht zu vergessen. Jannik Müller sitzt neben ihm, in der Hand vier Twix, sicher ist sicher, es soll ja heute das stattfinden, was schon Generationen vor ihm aufgeregt sein ließ. Droping nennt sich das Spiel, bei dem es mit dem Bulli und verbundenen Augen noch weiter rein in die Landschaft geht. Und es dann gilt, den Weg zurück ins Lager zu finden. Auch das alles maximal abgesichert aber eben dennoch mit der notwendigen Portion Abenteuer gewürzt, damit das Zeltlager bleibt, was es schon immer war: ein 14-tägiger Abenteuerspielplatz. 

Jungen, die das erleben wollen, gibt es schon allein des demografischen Wandels wegen nicht mehr allzu viele. Und bei den Mädchen, die ein paar Kilometer entfernt ihr eigenes Zeltlager aufgeschlagen haben, auch nicht. Dafür drängen sich die, die gerne als Mitarbeiter mitfahren, mithelfen wollen. „Da können wir uns vor Angeboten kaum retten“, erzählt Lucas Beinke. Es gibt einfach zu viele, denen es hier so gut gefiel, dass sie auch nach Erreichen der Altersgrenze auf das Erlebnis Zeltlager nicht  verzichten wollen.

Einer, der die gerade erreicht hat, ist Joshua Steinmann. Der feierte hier in Hövel seinen 13. Geburtstag, freute sich über das Paket von Zuhause, das das ersehnte Diabolo-Spiel brachte. Jetzt nutzt er jede freie Minute, um das neongelbe Spielgerät noch höher in die Luft zu jagen, noch kunstvoller erst mit den dünnen Fäden einzuwickeln und dann wieder zu entknoten. Da bleibt kaum ein Gedanke für die Daheimgebliebenen. „‘Ne Postkarte nach Hause? Ja, wollte ich noch schreiben. Aber das hat ja noch Zeit“, erzählt einer der Teilnehmer, der schon eine Woche lang das Postkartenschreiben vor sich her schiebt. Rote Herzen? Wird er ganz sicher nicht drauf malen. Auch wenn sie zu Hause wohl nicht von 120 Jungs und Jugendlichen kommentiert werden.