01/2013

Erst Rennen, dann krachend feiern

Silvesterlauf lockt seit Jahren die Läufer ans Wiehengebirge

Es fängt alles ganz wunderbar an. Start an der Futterwiese, das Geläuf selbst bei Schnee wunderbar griffig, flach noch dazu, was will das Läuferherz mehr. Dann eine leichte Rechtskurve und ab in den Wald, es wird wellig, geht rauf und runter, Läuferherz, was willst du mehr?

Erfahrene Silvesterläufer wissen aber, dass das hier nur der Auftakt, das Warmlaufen für eine Schinderei ist, die ungefähr bei Kilometer zwei beginnt. Bis dahin hat sich das Feld formiert, schießen die schnellen Läufer – häufig sogar mit Spikes unterwegs – vorneweg, ehe es sich die anderen hinten weiter gemütlich machen. Wobei das natürlich der falsche Ausdruck ist, denn wer sich kurz vor dem Jahreswechsel noch in die Laufkleidung und auf den Silvesterlauf stürzt, dem steht der Sinn nicht nach Gemütlichkeit. Es geht also weiter auf dem Weg, der früher einmal mit fünf Kilometern und heute realistischerweise mit 500 Metern mehr angegeben wird. Runter in Richtung Hansastraße und was dann kommt, nennen die einen die steinerne Wand und die anderen schlicht eine landschaftliche Frechheit. Der Blick fällt auf diese imposante Steigung, an deren Ende eben nicht wieder ein Gefälle, sondern gleich der nächsteAnstieg folgt. Hier zeigt sich, wer das gesamte Jahr über fleißig die Laufschuhe geschnürt und wer nur zum Spaß seine Anmeldung am Starthäuschen abgegeben hat. Da sitzen – wie schon in den Jahren zuvor – die Mitarbeiter der CVJM Rödinghausen und des Gemeindesportverbandes und nehmen am Silvestervormittag um 10 Uhr die Anmeldungen entgegen, ehe eine Stunde später der Startschuss fällt. Startnummern werden hier ausgegeben, die Muskeln noch einmal gelockert, geschaut, wer alles der Tradition folgend im Kostüm zur Startlinie läuft, wer seinen Hund, seine gesamte Familie mitgebracht hat, um an dem Rennen teilzunehmen, das eigentlich kein Rennen, kein Einer-wird-gewinnen ist. Denn als Sieger fühlen sich am Ende alle. Die, die vorne um die Medaillen kämpfen. Und die, die hinten um jede einzelne Sekunde rennen. 

Es geht also die erste, dann die zweite Steigung hoch, es zieht sich, der Muskel zwickt, die Lunge prustet, das Herz pumpt, aber noch ist von der erlösenden Senke nichts zu sehen. Ist die erreicht, hält die Freude nur kurz an, denn es geht weiter bergauf, immer dem Nonnenstein entgegen. Hier ist das Feld längst nur noch eine löchrige Kette, es wird sich gegenseitig angefeuert. Aufgeben? Hier oben? Auf keinen Fall. 

Dann noch einmal nach links abbiegen, noch einmal so richtig den Berg hinauf und dann, endlich, das Bergabstück. Und was für eines da auf die Läuferinnen und Läufer wartet. Wer hier nicht konzentriert unterwegs ist, den überholen schnell die eigenen Beine und Füße. Dabei ist es gerade dieser Streckenabschnitt, an dem ein Zeitgutmachen möglich ist. Also immer weiter runter gerannt in Richtung Ziel, dahin, wo die stehen, die nicht laufen aber doch immer wiederkommen. Der Silvesterlauf ist für viele ein feststehender Termin, ein Muss. Nicht nur für Läufer, nicht nur für die Kollegen des Deutschen Roten Kreuzes, die warmen und somit auch wärmenden Punsch an Sportler und Zuschauer gleichermaßen verteilen. Viele kommen her, um nur zu staunen. Über die, die sich selbst an so einem Tag aufraffen können. Die unten im Zielbereich nicht links in Richtung Ziellinie und Zeitmessung abbiegen, sondern nach rechts laufen, einfach noch eine Runde drehen. Elf Kilometer, das ist für die meisten, ganz gleich ob Läufer oder Walker, die eigentliche Herausforderung. Also noch einmal erst wellig, dann stark ansteigend, dann kurz wieder wellig und dann kräftig bergauf, bis das Gefälle erreicht ist. Längst vergessen, dass auf dieser Strecke jeder Läufer für sich unterwegs ist, keine Versicherung besteht. Dass es keine Umkleide-, keine Dusch-, keine Sanitärräume gibt. Wirklich stören tut das niemanden, das erwartet auch keiner der Läufer. Denn der Silvesterlauf ist, was er seit Jahrzehnten schon ist. Ein pures Lauferlebnis. Und eben kein Event.

Sollte, wie vor zwei Jahren, wieder Schnee in der vorletzten Nacht des Jahres fallen, kann sich die Route leicht verändern. Gleichzeitig zieht es dann die nicht ganz so sportlichen Massen ein paar hundert Meter weiter zur Rodelwiese. Wer hier meint, mit dem Auto ganz vorfahren zu müssen, der erlebt manches Mal eine böse Überraschung, die mit dem Anruf des Abschleppwagens endet. Wer aber Weitsicht walten und das Auto an der Alten Dorfstraße stehen lässt, der genießt den kleinen Spaziergang zum Hügel und dann die rasante Abfahrt im Bade all derer, die noch wissen, wie ein Schlitten zu steuern ist. 

Am Ende dann, einige Stunden später, wenn der Tisch gedeckt ist und die Gäste zur Silvesterparty kommen können, ist beiden, Läufern wie Schlittenfahrern, eines gewiss: Die Beine tun noch ein wenig weh. Das Gefühl aber, sich erst bewegt und dann gefeiert zu haben, lässt den Schmerz aber auf ganz wunderbare Weise schnell vergessen.