03/2013

Abgefahren

„Ich habe nie einen Stau gesehen. Der war wohl immer hinter mir.“

Ulrich Pfitzner hat Kaffee gekocht. In dicker Jacke und Mütze steht er vor seinem wuchtigen VW LT 4x4 und erwartet uns. Neben ihm, in einer alten Waschmaschinen-
trommel auf Schreibtischbeinen, lodern die Flammen. Wenn hier einer was braucht, dann bastelt er es sich. So wie sein Wohnmobil. 

Der umgebaute Allrad-LT steht in der Einfahrt, Baujahr 95. Die Militär-Optik hatte er schon vorher. Die hat Pfitzner beibehalten, die An- und Umbauten angepasst. Wo andere ihre Markise ausfahren, spannt er ein Tarnnetz. Geplant war das nie, aber er hat das Thema durchgezogen. Vorne ist Platz für vier Mitfahrer, hinten können zwei schlafen. Und weil das nicht ganz aufgeht, hat er sich kurzerhand noch einen Anhänger mit zwei weiteren Schlafplätzen ausgebaut. „Die Kinderstube“, wie er sagt. 

Normale Autos? Reizen ihn schon lange nicht mehr.

Die Geschichte mit dem Rödinghauser und den umgebauten Fahrzeugen beginnt aber schon früher. Angefangen hat er mit einem T3, in den hat er viel Schweiß gesteckt, aber was macht der Bulli? Er rostet ihm einfach weg. Also baut er alles aus und ab, für den nächsten T3. Aber auch der hält nicht ewig. 

In Bayern hat er sich dann eine Wohnkabine der Marke Tischer besorgt. Für seinen Pickup, einen Toyota Hilux. Das neue Projekt. Aber wie das oft so ist, wenn man sich voller Tatendrang auf eine Sache stürzt – man vergisst ein Detail. Und manchmal ist es ein wichtiges, in diesem Fall ein gewichtiges. Am Ende ist der Wagen zu schwer und er bekommt keine Zulassung. Einige würden sich jetzt zu Tode ärgern, aber nicht so Ulrich Pfitzner. Schließlich gibt es für jedes Problem eine Lösung – dann muss die Wohnkabine eben woanders drauf.

Zum Beispiel auf einen VW LT. LT steht für Lasten-Transporter oder, wie er aus eigener Erfahrung ergänzt, „für laut und teuer.“ 15.000 bis 18.000 Euro hat ihn sein Hobby gekostet seit er sich sein neues Gefährt 2007 gekauft hat. Der Vorbesitzer hatte ebenfalls den Plan, ein Wohnmobil daraus zu machen, aber nicht genug Zeit dafür gefunden. Diese Zeit hat sich Pfitzner einfach genommen. Ein Jahr hat er gebraucht, vom Kauf bis zur Zulassung. Bis dahin gab es einiges zu tun. Der Zustand des LTs war verbesserungswürdig, die Wohnkabine daraufzusetzen gar nicht leicht. Woher er das alles kann? 

„Muss man einfach machen.“

Verkäufer hat er gelernt, aber sich die Hände schmutzig zu machen, davor hat er sich auch noch nie gescheut. Also hat er es einfach angepackt. Herausgekommen ist eines der durchdachtesten Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen. Jede Klappe, jeder Griff, jede Trittstufe hat er exakt so angebracht, wie er es braucht, beschriftet und mit allem ausgestattet, was man unterwegs benötigt. Wo kein Licht installiert wurde, liegt eine Taschenlampe griffbereit.

So einer wie er, der perfekt ausgestattet ist für jeden noch so abgelegenen Ort, der seinem LT eine kleine Solaranlage verpasst hat, um die Batterien fernab der Zivilisation aufladen zu können. So einer, macht der denn auch noch Hotelurlaube? Ja. Aber nur mal für ein Wochenende, für einen längeren Urlaub wäre es doch zu schade um die viele Arbeit. Außerdem liebt er es, gemächlich durch die Landschaft zu fahren. Im Schnitt 50, vielleicht 60 km/h schnell ist er unterwegs, auf der Autobahn schon mal 10 km/h schneller. Da bleibt viel Zeit, sich alles genau anzusehen. Fast 30.000 Kilometer hat er die 4,5 Tonnen schon bewegt. 

„Ich habe nie einen Stau gesehen. Der war wohl immer hinter mir.“

Wo er mit seinem Wohnmobil schon war? Holland, Österreich, Dänemark... Dänemark! Da ist er die Strände hoch und runter gefahren. Nicht einmal, nicht zweimal, „Dänemark habe ich soweit durch, da kann ich ohne Karte fahren.“ Wenn sich die Räder durch den Sand wühlen, das eine oder andere Hindernis halt doch keins ist mit Allrad, dann ist Ulrich Pfitzner stolz und glücklich. 

Noch glücklicher wäre er, wenn es mal klappen sollte mit einer Tour nach China. Ein halbes, ein dreiviertel Jahr aussteigen und quer durch den alten Ostblock fahren. Ein echtes Abenteuer. Aber einfach seinen Job bei Hettich aufgeben? Nein, das geht nicht. Und die Eltern sind ja auch noch da. Und der zwölfjährige Sohn seiner Lebensgefährtin. Da kann man nicht so einfach weg. Noch nicht. 

Die Frage ist nur, wie lange der LT hält. Liegengeblieben ist er bisher noch nie, aber wenn, dann kann es eine böse Überraschung geben. Denn VW hat die LT-spezifischen Ersatzteile einfach ausgemustert. Für die LT-Freunde ist er das aber noch lange nicht. In einem Internet-Forum tauschen sie sich aus, über ihre Erfahrungen, über Reisen, über Reparaturen. Und wenn ein Ersatzteil gebraucht wird, dann nimmt man das Ganze eben selbst in die Hand und setzt alle Hebel in Bewegung, um ein ungebrauchtes Originalteil zu finden. Und dann jemanden, der es genau so nachproduziert. 

Wie viele Bremsscheiben brauchen Sie denn? 1000? Nein, 10.

Manchmal sehnt sich Ulrich Pfitzner nach einem Unimog, mit seiner lebenslangen Ersatzteilgarantie. Damals war er ihm einfach noch zu teuer, aber vielleicht für das nächste Projekt? „Selbst wenn mir jemand das Geld in die Hand drücken würde, von meinem LT könnte ich mich nicht trennen.“ Dann hätte er halt zwei Wohnmobile. 

Was seine Lebensgefährtin von seinem Hobby hält? Er lächelt. „Campen tut sie gerne, das hat sie früher mit ihren Eltern schon gemacht.“ Heute ist sie auch bei den Treffen der LT-Freunde dabei. Einmal im Jahr treffen sie sich in Vlotho an der Weser und tauschen sich aus, zeigen sich gegenseitig, was sich in der Zwischenzeit an ihrem LT getan hat oder planen gemeinsame Touren. 

Wohin die nächste Reise geht? Tja. Sein Wohnmobil könnte er sich gut in der Wüste vorstellen, sich selbst aber nicht. Viel zu heiß. Ulrich Pfitzner ist mehr der Skandinavien-Typ. Gut vorstellbar, dass wir ihn dort genauso antreffen würden wie hier. Vielleicht läge ein Rost auf der Waschmaschinentrommel und er würde gerade die Würstchen wenden. Aber wenn man ihn nach seinem Wohnmobil fragen würde, er würde wohl Würstchen Würstchen sein lassen und mit der gleichen Begeisterung erzählen.