04/2013

Blubb

Noch stehen die Kois ruhig tief unten am Teichboden, balancieren sich mit ihren Flossen aus und verbrauchen so wenig Energie wie möglich. Vier Grad misst das Wasser jetzt Ende Februar, viel zu kalt, um die bunten Fische zur Oberfläche schwimmen zu lassen.

Da wartet Peter Gollub, einer der Koi-Freunde am Wiehen, der sich jeden Tag davon überzeugt, dass es seinen Tieren gut geht. „So ein Winter kann den Kois ganz schön stark zusetzen“, sagt der 69-Jährige, dessen 15.000 Quadratmeter großes Grundstück auf der Grenze zwischen Markendorf und Rödinghausen liegt. Drei große Teiche sind hier im Laufe der Zeit entstanden – und natürlich landeten auf diesen schnell die ersten Enten, brachten in ihrem Gefieder Fischlaich mit, aus dem die ersten Fische schlüpften. Allerdings waren das natürlich alles heimische Fischarten. Es sollte bis 1982 dauern, ehe der erste Koi in den Teichen von Peter Gollub schwamm. „Erst ein Freund hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Fisch, den ich geschenkt bekommen hatte, kein normaler Goldfisch, sondern ein Koi war“, erzählt Peter Gollub noch heute überrascht. 34 Jahre später schwimmt das orange Tier immer noch im Wasser des Tierfreundes, gute 60 Zentimeter lang, schön in der Färbung und auf dem Kopf eine Warze, die natürlich nicht dem Standard entspricht, Peter Gollub und den Fisch aber nicht weiter stört. „Ich habe schon einen bekannten Koi-Tierarzt hier gehabt, der sich das Tier genau angeschaut hat – aber zu operieren gibt es da nichts, er wird damit leben können und müssen“, erzählt Peter Gollub erleichtert. Dabei ist es natürlich nicht bei dem einen Koi geblieben. „Wenn man sich erst einmal mit diesen freundlichen Fischen befasst, sich diese unterschiedlichen Farbspiegel auf den Flanken der Tiere aus der Nähe angeschaut hat, dann ist man schnell vom Koi-Virus befallen“, sagt Peter Gollub, während er an Fischteich vier steht. Hier schwimmen seine besten, seine schönsten Tiere. Hier wird das Wasser wie auch in den anderen Teichen durch ein ausgeklügeltes Klärsystem vorbei an Absinkbecken, Schilfgürtel und Schaumpatronen geschickt, ehe es mit Brunnenwasser aufgefüllt wieder zurück ins Becken fließt. Über die Stromkosten, die so entstehen, mache man sich besser keine Gedanken, sagt Peter Gollub noch, es sei einfach ein Hobby, etwas, das sich nicht mit dem Taschenrechner erklären lasse. 

Wer einen Blick auf die weitläufige Anlage des Koi-Freundes wirft, der versteht sofort, dass es hier nicht um Wirtschaftlichkeit geht. Zu liebevoll sind die Becken, allesamt selber ausgebaggert, angelegt und bepflanzt, zu nah liegt das Holzhaus, die Sauna an Teich Nummer zwei, in dem die guten, wenn auch nicht sehr guten Kois seelenruhig ihre Runden drehen, während Peter Gollub selbst mit seiner Frau hier nach dem Saunabad ein abkühlendes Bad nimmt. „Sie bleiben dennoch immer ein wenig auf Abstand. Es sei denn, man taucht von unten an die Kois heran, dann kann man sie direkt unter den Kiemen streicheln“, sagt der Koi-Freund, der natürlich immer wieder staunende Besucher auf seiner Anlage begrüßen kann. Das sind meist die Kollegen der Gruppe, die sich nicht als Verein organisiert hat, sondern einfach als Interessengemeinschaft von Teich zu Teich zieht. Bei jedem Koi-Freund mal nach den Fischen schaut, Tipps austauscht, sich begeistert für Neuerwerbungen. Dabei hat Peter Gollub schon lange keinen Koi mehr gekauft. Längst züchtet er selber, setzt Paare zusammen, von denen er sich einen besonders schönen Nachwuchs verspricht. In Aquarien zieht er die Brut groß, schaut genau hin, ob sich das, was sich da gerade entwickelt, auch entsprechend seinem Schönheitsideal eines perfekten Kois entwickelt. Häufig ist das nicht der Fall, wenn „man tausend junge Fische großzieht, dann sind es am Ende vielleicht zwei oder drei, die die entsprechende Qualität mitbringen“, so Gollub. All die Kois, die durch das Raster fallen, landen in Teich drei oder vier. Oder bei befreundeten Koi-Liebhabern, die sich schon daran erfreuen, wenn irgendetwas Buntes durch ihren Teich schwimmt. Diese Zeiten sind für Peter Gollub aber längst vorbei. Heute fischt er seine Kois im festgelegten Abstand mit dem Kescher aus dem Becken, schaut in die hoffentlich sehr klaren Augen, untersucht den Flossenstand, die Schuppenunversehrtheit und macht am Ende noch einen Abstrich, um unter dem Mikroskop auf Parasitensuche zu gehen. Wenn er da fündig wird, kann es teuer werden. „Viele Menschen glauben ja, dass hier sehr teure Fische schwimmen, dass das richtige Wertanlagen sind. Aber so teuer sind Kois heute in Zeiten der Nachzuchten auch nicht mehr. Aber das Futter, das Versorgen mit Medikamenten geht auch ins Geld“, rechnet der Koizüchter vor. Da erfreut er sich viel lieber an der Zutraulichkeit, wenn er im Frühjahr wieder beginnt, die Fische zu füttern. Wenn sie sofort angeschwommen kommen, wenn er an den Teich tritt, wenn sie ihm das Futter direkt aus der Hand abnehmen. Passt das Wetter, dann frühstückt das Ehepaar Gollub schon frühmorgens an den Teichen, hört zu, wie hinten am Teich die Regenbogenforellen und Welse platschend Jagd machen, sieht zu, wie an Teich Nummer vier die Graureiher auf Jagd gehen. Auch das ist kein Problem für den Tierfreund, viele Graureiher hat er hier schon durchgefüttert, an die guten, die sehr guten Kois trauen sich die Vögel sowieso nicht heran, weil selbst dem gierigsten Vogel der große Fisch im Hals stecken bleiben würde. 84 Zentimeter misst der größte, der auch auf der bekannten Messe in Duisburg, auf die Peter Gollub einmal pro Jahr fährt, eine gute Figur abgeben würde. Aber hierher fährt der ehemalige Handwerksmeister und Vertriebsingenieur nicht um zu verkaufen, sondern um sich umzuschauen, Anregungen zu bekommen, sich zu tummeln in einer Szene, von der er längst ein Teil geworden ist.

Bringt er dann doch einmal einen getauschten, einen geschenkt bekommenen Fisch mit, dann wandert der erst einmal in Quarantäne. Wird er wochenlang beobachtet, wird das Wasser immer stärker mit dem eigenen vermischt und sogar ein eigener Koi hinzugesetzt, damit sich hier aneinander gewöhnt, was Wochen später auch in Teich Nummer zwei oder eins darf, je nach Qualitätsstufe. 

So macht Peter Gollub einen sehr zufriedenen Eindruck, wenn er so an seinen Teichen steht und den Tieren zuschaut. Und träumt doch ein wenig. Wünscht sich, einmal nach Japan zu fliegen, denen über die Schulter schauen zu können, die im Mutterland der Kois Fische züchten, die es in dieser Qualität nie in Europa geben wird. „Aber wissen Sie was?“, fragt er noch zum Abschied. „So ein Besuch kann auch frustrierend sein, wenn man mal sieht, was es da für Raritäten und wertvolle Tiere an jeder Ecke gibt“, fügt er noch an und schaut zufrieden noch ein wenig zu seinen Kois herüber.