05/2013

Nicht nachdenken, einfach laufen

Nordic Walking im Selbstversuch

Dienstag 17 Uhr, Futterwiese Rödinghausen. Das Wetter ist besser, als der Wetterbericht vorausgesagt hat. Es regnet nicht. Noch nicht. Dass später doch noch ein paar Tropfen runterkommen, stört hier niemanden. Wir sind bei der Nordic Walking Gruppe des Gemeindesportverbands Rödinghausen. Hier läuft man bei jedem Wetter. 

Ich hatte mit Walking bisher nichts am Hut, deshalb steht Friedrich-Wilhelm Jentsch mir zur Seite. Nachdem er mir das Du angeboten und vor allem das Sie verboten hat, macht der Übungsleiter erstmal eine Ausnahme für mich. „Eigentlich geben wir keine Einführung in die Technik. Dafür gibt es spezielle Kurse, denen wollen wir da auch nichts wegnehmen.“ Als Erstes muss ich probelaufen, dabei die Stöcke schleifen lassen. „Beweg die Hände wie beim normalen Laufen“, sagt er mir. Und immer wieder: „Nicht nachdenken!“ Geht am Anfang sogar ganz gut, das mit dem Nichtnachdenken. Hilft nur nicht immer beim richtigen Laufen. Ein paar Mal gehen wir noch hin und her, nach und nach mit mehr Stockeinsatz, danach ist Gymnastik angesagt. Die 26 Walker stehen im Kreis, dehnen Oberschenkelmuskeln, rotieren mit den Armen und heben abwechselnd ihre Knie in die Luft. Bis alle warm sind. Dann geht es in den Wald. Wir laufen am Ende der Gruppe. „Die anderen sind sowieso gleich weg.“ Nach der zweiten Kurve sehe ich wirklich niemanden mehr, obwohl der Wald eigentlich noch recht licht ist. Wohin sie sind? „Die nehmen alle unterschiedliche Strecken. Ein paar kommen uns bestimmt noch entgegen.“

60 Walker sind es insgesamt. Wenn das Wetter gut ist, treffen sich 30 bis 40 von ihnen an der Futterwiese. Als Werner Schmidt die Gruppe ins Leben rief, nach einer Kur, in der er das Walken kennengelernt hatte, waren sie zu fünft, zu sechst. Alles Bekannte, die er überzeugen konnte, etwas für ihre Fitness zu tun. Das war 1998. Schnell sind mehr dazugekommen, 2002 gab es dann schon zwei Termine pro Woche, ins selbe Jahr fiel auch die Umstellung vom Walken auf Nordic Walking. Damit hatte er beim Übungsleiter-Seminar Bekanntschaft gemacht. Seit einigen Jahren trifft man sich sogar dreimal in der Woche am Waldrand, um gemeinsam Sport zu machen.

Mitlaufen kann Werner Schmidt leider nicht mehr. Aber er ist oft dabei, „der Boss“. So nennen ihn manche. Er selbst hört es eigentlich nicht so gern. Aber es ist eine Anerkennung für den, der diese Gruppe ins Leben gerufen hat, an der alle so viel Freude haben. Neben dem Sport steht hier nämlich die Geselligkeit im Vordergrund. Nach dem Walken sitzt man noch etwas zusammen, manchmal wird noch gemeinsam gegessen und getrunken. Beim Aufwärmen wurde ein gemeinsames Frühstück geplant. 

Auch während des Laufens kann man sich unterhalten. Soll man sogar. Solange man reden kann, ist die Intensität nicht zu hoch. Das geht auch bei mir ganz gut. Zumindest bis zum ersten Anstieg. Ob ich noch sprechen könne? Ich fasse mich lieber kurz: „Klar.“ Nach ein, zwei Minuten ist es wieder okay.

Wie wir so durch den Wald laufen, kann ich besichtigen, was Kyrill vor einigen Jahren angerichtet hat und wie wieder aufgeforstet wird. Ein paar Rehe sind wohl auch zu sehen, aber ich bin zu konzentriert darauf, im richtigen Moment die Hände zu öffnen und zu schließen. „Nicht nachdenken!“ Ich sehe Friedrich an. „Du läufst falsch.“ Er hat doch gar nicht hingeguckt, denke ich mir. Und ich weiß doch, wie es geht: Ist der linke Fuß vorne, muss der linke Stock hinten sein. „Ich hab im Augenwinkel gesehen, dass du eierst.“ 

Er selbst hat vor mehr als 10 Jahren mit dem Nordic Walking angefangen. Eigentlich war Fußball sein Sport. Er hat gespielt, war Trainer. Bis in die Landesliga ging es hinauf. Irgendwann fand er, dass der Leistungsunterschied zu den Spielern zu groß wurde. Dazu bekam er Rückenprobleme. Seine Frau hätte es nie erwartet, aber er hat einen anderen Sport für sich gefunden. Als Fußballtrainer hatte er natürlich Erfahrung darin, eine Gruppe zusammenzuhalten und zu motivieren. Also ist er schnell vom Teilnehmer zum Mitorganisator geworden. Wobei jeder auf eigene Verantwortung teilnimmt. „Das hier ist kein Verein, es gibt auch keine Mitgliedsbeiträge, jeder macht so mit, wie er kann und will.“ 

Ein paar Regeln gibt‘s aber doch. Die wichtigste: Niemand läuft allein. Weil man bei Wurzeln und Matsch schonmal umknicken, und weil gerade ein Neuling sich schonmal verlaufen kann. Für den Fall der Fälle hat immer ein Übungsleiter sein Handy dabei. 

Wer erste Erfahrungen mit dem Nordic Walking hat, kann gern vorbeikommen. „Das ist keine geschlossene Gruppe“, betont Werner Schmidt. Wer noch nicht gewalkt ist, sollte aber vorher einen Kurs besuchen. Nach etwa 10 Stunden beherrscht man die Technik. Die Kosten werden anteilig von den Krankenkassen übernommen. Zwei Übungsleiter der Nordic Walking-Gruppe, Bärbel und Peter Schneider, beginnen demnächst mit ihrem Instructor-Schein. Dann wollen auch sie Einführungskurse anbieten. Für alle, die von außerhalb kommen oder ohne Gruppe walken wollen, gibt es auch drei ausgeschilderte Routen. Ausgehend vom Haus des Gastes gibt es unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Auf der schwarzen Route wird man dann auch deutlich mehr gefordert, als auf meiner Teststrecke mit gerade mal zwei Anstiegen. Und spätestens, als Friedrich mir zum Schluss noch sagt, dass wir sogar im Vergleich mit der langsamsten der drei Leistungsgruppen noch bummeln und mit mir kurz das Tempo der schnellsten Gruppe geht, merke ich, dass das Ganze doch deutlich mehr mit Sport zu tun hat, als ich erst dachte. So wie viele. Witze hört man aber wohl nicht mehr so oft, wie noch vor ein paar Jahren. Das Image ist besser geworden, die Frage nach den vergessenen Skiern seltener. Viele Ärzte betonen, wie gesund und gelenkschonend das Walken ist, vor allem die Nordic-Version. Weil der Oberkörper mittrainiert wird. Und weil korrekte Haltung und richtiger Rhythmus damit leichter gefunden werden. 

Am Ende gebe ich die Stöcke wieder ab. Wann ich das nächste Mal walke, weiß ich nicht. Ich habe gesehen, dass es Spaß machen kann, aber ganz ehrlich: für mich ist es nichts. Zumindest noch nicht. Die meisten hier sind zwischen 40 und 75. Ich bin 28. Ich glaub, ich mache es so wie alle anderen. Ich mach mir erstmal noch ein paar Jahre die Gelenke kaputt. Beim Joggen.  

Den richtigen Weg einschlagen

Die Sportschuhe gut schnüren, die ­Stöcke fest in der Hand und los gehts. Auf in den Nordic Walking Park ­Rödinghausen, rein in die Wälder, raus auf die Feldwege. Und wo gehts los, und wo gehts lang? Mit dem neuen Nordic Walking-Flyer laufen Sie immer auf dem richtigen Weg. Der Flyer ist ab Juni ­kostenlos im Haus des Gastes erhältlich.