01/2012

Auf Wolke 1,0

Wie die Diakoniestation Herford 2 bei der Qualitätskontrolle die Traumnote 1,0 erreichte

Qualitätsmanagement – bei diesem Begriff kommt den meisten das Gruseln oder Gähnen, je nachdem. Wenn er ihnen denn überhaupt ein Begriff ist. Hedda Schmidt dagegen gerät bei diesem nach trockener Büroarbeit, nach Beamtendeutsch klingenden Wort ins Schwärmen. Sie darf das auch, denn bei dem Ergebnis, das ihre Diakoniestation Herford 2 bei der letzten vom Gesetzgeber vorgeschriebenen MDK-Prüfung (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) im Januar abgeräumt hat, muss man einfach stolz sein. 1,0 – ein traumhaftes Ergebnis, aber auch eines, das sie und ihr Team hart erarbeitet haben. 

Wie immer, wenn Bestnoten vergeben werden, steckt dahinter eiserne Disziplin, gepaart mit penibler Genauigkeit sowie einer gehörigen Portion Mitarbeitermotivation. Stolz darf sie in jedem Fall sein auf die Tatsache, dass man bei der erst am frühen Morgen angekündigten Prüfung Ruhe bewahrt hat, „obwohl der Puls hochgeht“, wie sie zugibt. Dass man eilig Kollegen aus der Spätschicht, dem Schwimmbad herbeibeordert hat „denn der Betrieb muss ja weitergehen“. Dass man bei den Prüfern vom MDK einen guten – nein, sehr guten – Eindruck hinterlassen hat, die sich dafür mit einer Note im Traumbereich revanchierten. Man beließ es aber nicht bei einem oberflächlichen Eindruck, sondern überzeugte auch bei dem Einblick in die Praxis.
Denn der Prüfer blickt dem mit kritischen Augen bei jedem Handgriff über die Schulter, der auch sonst tagtäglich den direkten Kontakt zu den häuslich betreuten Kunden mit einer Pflegestufe nach SGB XI hat. Ausgesucht werden die Kunden und damit die Prüfungssituationen per Würfel. Auf diese Art und Weise werden sechs Patienten ausgelost, die unter die genannten Bedingungen fallen. Wenn dann noch die Angehörigen oder Betreuer per Telefon ihr Einverständnis geben, kann’s losgehen. Dann wird begutachtet, ob die Patienten sauber gewaschen und beweglich sind, ob auf individuelle Bedürfnisse und Wünsche der Gepflegten Rücksicht genommen wird. Ob sie zufrieden mit der ihnen angediehenen Pflege sind. 
Der Prüfer versichert sich aber auch, ob die Ressourcen gemäß ihrer Bestimmung eingesetzt werden, liest auch das mit wertendem Urteil, was eben jene Pflegekraft, die auch für die engmaschige Dokumentation ihrer Arbeit verantwortlich ist, niederschreibt. In der jedes stattgefundene Gespräch und jede Beratung, jeder eingeholte Kostenvoranschlag sorgfältig verzeichnet, über Ort und Dauer genau Rechenschaft abgelegt werden muss. Und bei Hedda Schmidts Team auch wird. Nicht nur für den Moment, wenn morgens ein in aller Früh piepsendes Faxgerät den Besuch der Prüfgruppe des MDK ankündigt. Sondern täglich, weil alle im Team die Relevanz dieser Maßnahme, dieser lückenlosen Auflistung aller Tätigkeiten, erkannt haben. Auch wenn die zeitaufwändige Dokumentation nicht explizit vergütet wird – ein Problem, das viele Einrichtungen aus eigener Praxis kennen.
Zu verdanken haben die Pflegeeinrichtungen dieses QM-Verfahren dem Gesetzgeber, der 2008 ein ebenfalls umständlich klingendes Pflegeweiterentwicklungsgesetz aufgelegt hat. Um, wie die Begründung lautet, dem steigenden Informationsbedarf der Öffentlichkeit über die Qualität einer ambulanten wie auch stationären Pflegeeinrichtung zu begegnen. Einzusehen sind die Ergebnisse im Internet, denn immer mehr Menschen verlassen sich nicht mehr nur auf Mundpropaganda oder Empfehlungen ihres Hausarztes, sondern wenden sich suchend dem Netz zu – und finden dort jede einzelne Frage der Untersuchung aufgelistet mit dem jeweiligen Ergebnis dahinter. Das Gesamtergebnis prangt aber auch, gleich einer Urkunde, eingerahmt im Flur der Herforder Station und ist auf diese Weise für jedermann einsehbar.
Die betroffenen Einrichtungen haben mit dem Gesetz aber nicht nur die Bürde auferlegt bekommen, sich für die jährlich einmal unangekündigt stattfindende Prüfung stets bereitzuhalten. „Unser Alltag ist immer auf die Prüfungssituation hin ausgerichtet“, wie Schmidt erklärt. Sie im Team haben auch den Blick nach innen gerichtet, sich selbst einer Prüfung unterzogen und sich gefragt: „Kriegen wir die Abläufe auf die Reihe?“ Gebessert haben sie sich seit Einführung der Prüfungen, diese Abläufe. „Sie sind durchdacht worden und klarer geregelt“, lautet Hedda Schmidts selbstkritisches Urteil. Sie bedauert aber auch, dass das Verfahren zu wenig qualitativ ausgerichtet sei. Die individuelle Meinung des Patienten werde in zu geringem Maße eingeholt, was „doch eigentliche Aufgabe ist“. Aber auch die Dokumentation habe sich – dank des Verfahrens – verbessert, zurückzuführen auf einen Hinweis aus der Prüfgruppe, die die Leiterin der Diakoniestation immer als wohlwollend, konstruktiv empfunden hat. Grundlage für jedes Handeln in der Pflege bei Hedda Schmidt ist das Management-Prinzip PDCA, also Plan-Do-Check-Act (Planen-Ausführen-Prüfen-Handeln), folglich kein unüberlegtes Drauflos, kein blanker Aktivismus, sondern stets planerische Besonnenheit in Einheit mit wohlüberlegten Maßnahmen, die entsprechend umgesetzt werden. Gemeistert werden so auch „schwierige Arbeitsbedingungen“, wie sie in der Pflege anzutreffen sind, mit einem Team, „das sich schon von der Pike auf kennt“ und das „super Mitarbeiter“ habe, wie Schmidt versichert, die durchschnittlich bereits zwölf Jahre Bestandteil der Station seien. Eine Station, die übrigens die erste im Kreis mit einer Zertifizierung ist. Sind all diese Komponenten zusammengenommen das Erfolgsgeheimnis? Wohl eher nicht. Dann schon eher, dass die Ziele, die sie sich festlegen, immer aufs Neue überprüft werden. Eine ständige Evaluation stattfindet, ob die tatsächliche Arbeit der hochliegenden Theorie-Messlatte auch entspricht. Nach dem Ziel für die nächste Prüfung gefragt, lautet Hedda Schmidts Antwort schlicht: „Die Bestnote zu halten.“ Denn nach der Prüfung ist vor der Prüfung.