02/2012

Am Puls der Zeit

Franziska Försterling im Einsatz

Die junge Frau mit dem dunklen Kurzhaarschnitt schreitet den Gang des Wohn- und Pflegezentrums der Diakoniestationen in Enger entlang, über der Schulter die Pflegetasche, und tritt nach einem kurzen Klopfen an die Tür hinein in das kleine Appartement.

Dahinter verbirgt sich ein überschaubares, aber gemütliches Wohnzimmer mit Blick auf den begrünten Hof, ausgestattet mit einigen privaten Gegenständen wie Familienfotos und Blumenstillleben an den Wänden. Inmitten des Raumes, in ihrem höhenverstellbaren Lehnstuhl, sitzt die alte Frau Tinz, Jahrgang 1924, die Franziska Försterling soeben besucht. Denn vormittags ist die Zeit, um ihren Blutdruck zu messen. Während die junge Auszubildende das Messgerät auspackt, der alten Dame die Manschette um den linken Arm legt und anfängt zu pumpen, erkundigt sie sich freundlich und mit klarer Stimme nach dem Befinden der Bewohnerin. „Das hier gehört genauso zu meinen Tätigkeiten wie auch die Grundpflegen“, erklärt die junge Auszubildende im dritten Lehrjahr ihr Vorgehen. Blutdruck messen, Tabletten verabreichen und Insulin spritzen sind Bestandteile der sogenannten Behandlungspflegen, also der Anwendungen, die im medizinischen Bereich anzusiedeln sind. Dagegen ist all das, was direkt und in unmittelbarem physischen Kontakt zu den Menschen geschieht, den Grundpflegen zugeordnet. So assistiere sie beim Duschen oder Baden, auch bei den Toilettengängen, eben bei allem, was zur Körperpflege dazugehört und was die Bewohner der Wohneinrichtung nicht mehr alleine bewältigen können, erläutert die 24-Jährige. Gab es denn zu Beginn der Ausbildungszeit keine Berührungsängste? Die Antwort erfolgt prompt: „Klar.“ Und ebenso schnell schiebt sie hinterher: „Aber das ist auch normal. Man fährt eben erst einmal mit, sieht sich alles an und übernimmt dann die Art und Weise, wie die Kollegen vorgehen. Man tastet sich so rein.“ Schnell wird deutlich: Die junge Frau mit dem freundlichen Wesen hat sich ganz bewusst für eine Ausbildung zur Altenpflegerin bei der Diakonie entschieden. Denn wer wie sie über einen Realschulabschluss verfügt und schon früh feststellt, dass ihr der Umgang mit alten Menschen Freude bereitet, ist bestens prädestiniert für diesen Ausbildungszweig. Zugleich stellt diese Entscheidung eine Investition in die Zukunft dar, hat sich doch die Alters­pyramide in den letzten Jahren auf den Kopf gestellt. Noch nie gab es so viele alte Menschen, die auf Hilfe angewiesen waren, noch nie gab es eine derart hohe Nachfrage nach qualifizierten Pflegekräften, die sich speziell mit den Bedürfnissen alter Menschen auskennen. Franziska Försterling dagegen sieht ihre Wahl pragmatischer: „Ich habe mit meiner Ausbildung die richtige Wahl getroffen, denn es macht mir jeden Tag aufs Neue Spaß.“ Herzlich empfangen werde sie von den alten Leuten, die es zu schätzen wissen, dass ihnen mit Respekt und Würde begegnet wird; und der jungen Frau ist es wichtig, anderen Menschen zu helfen und etwas Gutes zu tun, wie sie es formuliert. Man bekomme ja auch was zurück, zum Beispiel Haushaltstipps oder auch mal einen Schwank aus der Jugend, wie die Auszubildende mit einem Augenzwinkern berichtet. Ihr ist aber auch klar, dass sie es bei der Diakonie gut getroffen hat, denn hier hat sie ambulante Kunden zu versorgen, die das Glück haben, teilweise noch sehr eigenständig und mobil zu sein. Einen Einblick in die Tätigkeit in einer stationären Einrichtung hat die gebürtige Bünderin bei einem Praktikum im St. Martins-Stift in Spenge erhalten und auch den gerontopsychiatrischen Bereich mit vorwiegend demenzkranken Patienten hat sie bereits kennengelernt. Ihr Fazit: „Das kann ich mir jetzt aber noch nicht vorstellen.“ Zunächst einmal möchte sie ihre Prüfungen bestehen, die im Herbst beginnen. Und dann? „Im Beruf arbeiten, Sicherheit kriegen.“ Dass sie aber schon jetzt über diese verfügt, verraten die geübten und ruhigen Handgriffe, die sie im Umgang mit der 88-jährigen Frau Tinz zu Tage legt. Abschließend wagt Franziska Försterling noch einen Blick in die Zukunft: „Eine Fortbildung im Bereich Wundmanagement, das kann ich mir später auch gut vorstellen. Wir haben hier einige Wunden, auch offene Beine von Diabetikern und Wundliegegeschwüre zu versorgen. Manche finden das eklig, aber ich würde mich da gerne besser auskennen.“ Angst vor Menschen und Menschlichem, das dürfe man einfach nicht haben, verrät sie. Schultert dann wieder die Pflegetasche, prüft den Inhalt der Dokumentenmappe – denn „was nicht dokumentiert ist, hat auch nicht stattgefunden“ – und wendet sich nach einer kurzen freundlichen Verabschiedung der Tür zu. Dem nächsten Kunden, der nächsten menschlichen Begegnung zu.