03/2012

Wie beste Freunde

Mit Freude Ehrenamtler

Ein gelöster, herzlich lachender Herr sitzt auf seiner Terrasse. Der alte Mann ist in guter Gesellschaft. Ihm gegenüber sitzt Herr Lemburg. Nachbarn kommen vorbei, bleiben kurz stehen, halten ein kleines Schwätzchen. In diesen Momenten ist der 72-jährige Herr Denel glücklich.

Zu diesem Glück hat sein Gegenüber wesentlich beigetragen. Michael Lemburg sitzt heute da wie ein guter, langjähriger Freund. Und auch wenn man die beiden Herren inzwischen als Freunde bezeichnen kann, ist der Weg, der die beiden zusammenbrachte ein besonderer. Durch die Initiative Netzwerke kleiner Hilfen, die in diesem Jahr 10-jähriges Jubiläum feiert, haben sich Michael Lemburg und Yilmaz Denel 2009 kennengelernt. 

Seit 2008 bereits ist Herr Lemburg für die Netzwerke kleiner Hilfen tätig. Die Initiative ist ein Zusammenschluss von Ehrenamtlichen; engagierte Frauen und Männer, die einen Teil ihrer freien Zeit zum Wohle anderer einsetzen. Für Menschen, die gesundheitlich eingeschränkt sind, die Unterstützung brauchen bei Alltäglichem, bei Tätigkeiten, die für junge, gesunde Menschen selbstverständlich sind. Und manchmal geht es auch einfach nur darum, gemeinsam Zeit zu verbringen. In Gesellschaft zu sein, zu plaudern, gemeinsam Kaffee zu trinken, ein Buch anzuschauen, einfach da zu sein. 

Dass Herr Denel heute da ist, wo wir ihn besuchen, das hat auch mit Glück zu tun – Glück im Unglück. Der 72-jährige, der in der Sechzigern aus der Türkei, aus Istanbul nach Herford kam, um als gelernter Schneider in einer Herforder Textilfabrik zu arbeiten und später eine eigene Änderungsschneiderei führte, erlitt 2009 einen Schlaganfall. Nach einem Reha-Aufenthalt kehrte er pflegebedürftig nach Hause zurück, in eine Wohnung im ersten Stock, ohne Fahrstuhl. Die Mitarbeiterinnen der Diakoniestation Herford kamen fortan einmal am Tag, um ihn bei der täglichen Körperpflege zu unterstützen. „Eines morgens fragte mich Schwester Berta, ob ich mich über Besuch freuen würde“, erzählt Yilmaz Denel, der sofort neugierig zusagte. Es kam der heute 69-jährige Herr Lemburg. Für ihn ist der Grund, warum er für die Netzwerke kleiner Hilfen tätig ist, ein ganz schlichter: „Seitdem ich pensioniert bin, habe ich einfach Zeit dafür.“ Und als dieser sich die Zeit nahm und sich ein paar Mal mit Herrn Denel getroffen hatte, erkannte der Ehrenamtler schnell, dass die Wohnsituation von Herrn Denel keine hinnehmbare war. Es wurde eine neue Wohnung gesucht und schnell gefunden. „Diese Wohnung war ein wahrer Glücksfall und bietet alles, was Herr Denel für mehr Lebensqualität braucht: Sie liegt im Erdgeschoss, ist barrierefrei, mit kleiner Terrasse und citynah“, fasst der Ehrenamtler Lemburg zusammen. Dieser gab sich mit der verbesserten Wohnsituation jedoch noch nicht zufrieden: „Ein elektrischer Rollstuhl, das war das nächste, was ich mir in den Kopf gesetzt hatte“, erzählt Herr Lemburg. Gesagt, getan. 

Heute ist Herr Denel mobil, erledigt eigenstän­dig seine Arztbesuche und Besorgungen. Einmal die Woche, immer Dienstagnachmittag, für eineinhalb Stunden kommt Herr Lemburg weiterhin zu Besuch. Im Winter spazieren sie über den Weihnachtsmarkt, im Sommer über den Alten Markt. Wann immer es möglich ist, sitzen sie jedoch einfach nur gemeinsam auf der Terrasse. Dann hat Herr Denel den Kaffee schon vorbereitet. Sie spielen Backgammon oder reden. Politik, Fußball, Gesellschaft, das sind ihre Gesprächsthemen. „Wir sprechen über Gott und Allah“, erzählen die beiden Herren lachend. Und natürlich erzählt Herr Denel viel von der Stadt am Bosporus, in der er seine Kindheit und Jugend verbrachte. „Es ist toll, einem Menschen zu begegnen, der so viel erzählen kann. Auch wenn ich noch nie in der Heimatstadt von Herrn Denel war, ist es fast so, als kenne ich all ihre Facetten“, beschreibt Herr Lemburg das, was für ihn eine Bereicherung bedeutet, „ich lerne einfach Menschen kennen, gehe gerne auf sie zu, höre mir Geschichten aus anderen Leben an.“ 

Yilmaz Denel, der Mann, der bei der ersten Begegnung vor drei Jahren traurig ausgesehen habe, sitzt heute glücklich auf seiner Terrasse. Das macht dann auch Michael Lemburg glücklich. Was die Treffen mit dem Ehrenamtler für Herrn Denel bedeuten, kann sich jeder denken, dem er seine Lebensgeschichte erzählt: „Ich hatte früher viele Freunde, aber leider kamen die Menschen in meinem Leben nicht mit meiner Behinderung zurecht“, sagt Herr Denel, der heute nur noch einen Freund hat – und halt Herrn Lemburg. „Dank seines Einsatzes bin ich heute hier. Das war Glück“, fasst Herr Denel zusammen. „Ich wünsche Ihnen viel Glück – das braucht man im Leben!“, verabschiedet sich Yilmaz Denel herzlich von uns, als wir die beiden Herren auf der Terrasse wieder allein lassen – allein, in bester Gesellschaft.