04/2012

Mitten im Leben

Zu Besuch im Jürgings Hof

Ob malen, spielen, fernsehen oder einfach nur erzählen, ob im eigenen Zimmer oder im Gemeinschaftsraum – in der Wohngruppe im Jürgings Hof macht das jeder Bewohner so, wie er es gerne möchte. Und genau darum geht es auch: ein selbstbestimmtes Leben mit der nötigen Unterstützung und ausreichend Gesellschaft.

Mittwoch Nachmittag sind sich allerdings alle acht Bewohner der zurzeit rein weiblichen Wohngruppe einig. Mittwochs wird gesungen, immer wieder kurz über die Liederauswahl diskutiert und dann wieder gemeinsam in die Melodien eingestimmt. Eine Stunde lang und am lieb-sten noch länger. „Ich mag das Lied nicht, aber ich singe für euch mit“, sagt eine der Bewohnerinnen entschieden und schon sind alle wieder dabei.

Seit drei Jahren gibt es nun die Wohngruppe der Diakoniestation Enger im Jürgings Hof in Enger. Die zentrale Lage des blauen Hauses ist ein zusätzliches Plus. Fördert sie schließlich auch die Mobilität der Bewohner. Ins Stadtzentrum ist es nur ein Katzensprung. Ein Spaziergang durch Engers Innenstadt, ein Gang über den Marktplatz oder etwas selbst aus der Apotheke besorgen, wer möchte kann Unternehmungen wie diese jederzeit machen. Wer es alleine nicht mehr schafft, wird dabei begleitet. 

Hier finden Menschen aller Pflegestufen ein Zuhause. Und dabei ist der Jürgings Hof alles andere als ein typisches Altenwohnheim. Vielmehr kann man von einer Alten-WG sprechen. „Ab Anfang des Jahres wird diese Wohnform verstärkt gefördert“, erzählt Ingrid Wienböker, die Leiterin der Diakoniestation Enger, „denn individuell betreute Wohngruppen wie diese haben sich als Alternative zu einem konventionellen Pflegeheim sehr bewährt.“

In der Wohngruppe sind zurzeit acht Damen, die dort wie eine Familie nicht nur zusammen wohnen, sondern leben. Jeder der acht hat seine eigenen Möbel und persönliche Dinge mitgebracht und sein Zimmer damit liebevoll eingerichtet. Und auch individuelle Hobbys finden hier Beachtung. Schöne, fröhlich gemalte Bilder schmücken die Wände der gesamten Wohnung und verraten beispielsweise die Leidenschaft der 77-jährigen Aneliese Stüwe. Sie lebt nun seit zwei Jahren in der Wohngruppe und hat erst hier wieder ihr kreatives Schaffen aufgenommen, das sie vor vielen Jahren aufgegeben hatte: „Mein Leben wurde vor meinem Einzug hier im Jürgings Hof immer sorgenvoller“, erzählt die 77-jährige Bielefelderin, „hier waren meine Sorgen von heute auf morgen verschwunden und ich habe wieder angefangen zu malen.“ 

Tagsüber sind im Jürgings Hof zwei Mitarbeiterinnen der Diakoniestation vor Ort, helfen bei der Grundpflege, hausärztlich verordneten Pflegeleistungen, der Hauswirtschaft und unterstützen die Bewohner bei Unternehmungen. Und selbst nachts ist immer eine Mitarbeiterin da und bei Bedarf zur Stelle. „Da reicht den Bewohnern meistens das Gefühl, dass sie nicht alleine sind, dass im Notfall jemand da ist“, weiß Präsenzkraft Martina Beckemeyer, die sich ganz bewusst für die Pflege in der Wohngruppe entschieden hat, „die persönliche Bindung zu den Bewohnen in dieser Form ist besonders stark, richtig familiär.“ Und auch die 46-jährige Altenpflegerin Maria Meyer weiß ihre Arbeit hier in der Wohngruppe zu schätzen: „Dadurch, dass wir mit den Bewohnern so viel Zeit verbringen, lernt man sich natürlich näher kennen“, sagt sie über ihre tägliche Arbeit, „das ist für die Pflegebedürftigen schön, aber auch für uns.“ Und so lernt man auch schnell die Gewohnheiten der Bewohner kennen, mit ihnen umzugehen und sie gern zu haben. „Da gibt es viele, die gerne Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen. Eine Dame sieht am liebsten fern. Wieder andere genießen es, einfach nur zu erzählen und eine, die liebt Sonderwünsche“, erzählen die beiden Altenpflegerinnen und lachen herzlich. „Jeder soll seinen Tag so gestalten können, wir er es gerne hätte“, so Ingrid Wienböker, die auch die Betreuung der Wohngruppe koordiniert. „Nur die Mahlzeiten, die werden von allen auf jeden Fall gemeinsam eingenommen“, ergänzt Martina Beckemeyer. 

Damit die sozialen Kontakte, das Zwischenmenschliche sowohl im Haus, als auch außerhalb gefestigt bleibt, bekommen Familienangehörige selbstverständlich auch einen Wohnungsschlüssel. So können sie jederzeit ihre Lieben besuchen. „Geburtstage und Weihnachten, das feiern wir gemeinsam. Da ist hier immer richtig was los“, erzählt Maria Meyer. „Wer einmal in den Jürgings Hof einzieht, der hat hier auch wirklich ein neues Zuhause gefunden“, ergänzt Ingrid Wienböker, „der kann dann auch hier bleiben – mitten im Leben, bis zum Lebensende.“