05/2013

Immer auf Achse

Routiniert und gleichzeitig vertraut

Schwester Eugenia biegt in die Einfahrt des Hauses Stephanus ein, das Alten- und Pflegeheim, in dem auch Kunden der ­nahegelegenen Diakoniestation Hiddenhausen leben. Es ist gerade 9 Uhr. An diesem Morgen war die ausgebildete Altenpflegerin bereits bei fünf pflegebedürftigen Kunden. 

Die 54-Jährige schnappt sich ihre kleine Tasche und geht schnellen Schrittes ihrer nächsten Aufgabe entgegen. Nun ist Frau S. an der Reihe.

Kurz einmal an der Wohnungstür geklingelt, um das Kommen anzukündigen, dann treten wir ein. Alles ist noch dunkel. „Sie könnte auch alleine aufstehen, aber sie erwartet uns immer in ihrem Bett“, erklärt Schwester Eugenia freundlich, während sie das Licht anmacht und dann die Rollläden hochzieht. Die alte Dame begrüßt Schwester Eugenia mit einem strahlenden „Guten Morgen“. „Guten Morgen“, dann ein Blick von Schwester Eugenia auf den kleinen Computer in Größe eines Smartphones, der ihr genau sagt, was heute bei der 90-Jährigen ansteht. Behandlungspflege und kleine Grundpflege. Sie bekommt erst im Bett Augentropfen verabreicht, dann werden die Kompressionsstrümpfe angezogen. „Wir machen das wie immer“, sagt Schwester Eugenia in einem ruhigen Ton. Seit acht Jahren kommt sie jeden Morgen hierher. Genauso eingespielt wirken die beiden auch. Routinierte und gleichzeitig vertraute zwanzig Minuten, die man sich hektischer vorstellen würde. Aber von Hektik keine Spur. „Ich brauche solange, wie ich eben brauche“, sagt Eugenia Lauchner entschieden, da achte ich nicht auf die Minuten. Nun ab ins Badezimmer. Während Frau S. im Badezimmer startet, bringt Schwester Eugenia mit geübten Handgriffen das Wohnzimmer wieder in Ordnung, rückt alles an seinen Platz, füllt ein Trinkglas mit Wasser. Dann geht sie ins Badezimmer, hilft beim Waschen. Reicht der Dame den Waschlappen, wäscht ihn wieder aus, das Ganze noch einmal. Den Rücken massiert Schwester Eugenia sanft mit Hautöl ein. Nun nur noch die Kleidung überziehen, das Hörgerät einsetzen, die Jodtablette gereicht und, Frau S. kommt Schwester Eugenia zuvor: „Das Frisieren dürfen wir nicht vergessen“, sagt die alte Dame lächelnd, die nicht nur bei der Wahl ihrer Kleidung auf ihr Äußeres besonnen achtet. So, nun ist sie fertig für den Tag. „Sie sehen wieder toll aus“, sagt Schwester Eugenia zu ihr, die glücklich lächelt. Das Frühstück, das bereitet sie sich nun selber zu. „Bis morgen“, sagt Frau S. zufrieden. „Einen angenehmen Tag“, wünscht Schwester Eugenia und ist schon auf dem Weg zur nächsten Kundin. 

Frau E. öffnet selbst die Tür, eine agil wirkende Frau, die nur Hilfe beim Anziehen der Kompressionsstrümpfe braucht. Die kurzen Besuche von Schwester Eugenia und ihren Kolleginnen sind für sie aber weit mehr als nur Grundpflege. „Ach, wir halten immer ein keines Pläuschchen“, sagt sie und die beiden lachen gemeinsam, „wenn sie nicht käme, dann fehlte mir schon etwas.“ Und dann erzählt sie, dass ihr Mann, der auch von Schwester Eugenia gepflegt wurde, diese früher immer aus dem Pflegebett heraus mit „Guten Morgen Madame“ empfing. Strümpfe also angezogen, Pläuschchen gehalten und „Bis morgen“. Nun zu Herrn R. 

Der 90-Jährige hat uns eben schon von seinem Fenster aus zugewunken, jetzt steht die Tür für uns bereits einen Spalt offen. Der Herr begrüßt uns aus seinem Lehnsessel heraus. „Wie geht es Ihnen denn heute? Ah, der Urin sieht aber schon besser aus“, stellt Schwester Eugenia fest, die seit 14 Jahren bei der Diakoniestation Hiddenhausen arbeitet. Und dann erinnert sie ihn noch einmal: „Als Katheterträger müssen Sie immer ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen – das ist sehr wichtig.“ Seit vier Jahren kommt Schwester Eugenia zu Herrn R. „Sie macht das sehr gut“, lobt dieser sie immer wieder, „und wenn sie einmal nicht kommt, dann kommt ein guter Ersatz, das sind dann aber immer dieselben.“ Und bestätigt damit etwas, was oberste Priorität hat bei den Diakoniestationen im Kirchenkreis Herford: der Einsatz von möglichst gleichbleibendem Personal. Ein kurzer Blick auf den Mini-Computer, los gehts. Der Katheterbeutel wird gewechselt, Körperpflege im Badezimmer. „Nun wird Herr R. noch eingecremt von oben bis unten mit vielen verschiedenen Salben“, erzählt Schwester Eugenia amüsiert, „aber wir kennen schon die Reihenfolge.“ Beide lachen herzlich. Nun noch anziehen, die Kleidung hat Herr R. schon bereitgelegt, noch einmal den Katheter überprüfen, die Kompressionsstrümpfe anziehen – fertig. „Ich habe Ihnen wieder etwas vorbereitet“, sagt Herr R. und zeigt auf einen Teller mit Mandarinen-Spalten. Schwester Eugenia setzt sich auf das Sofa, isst in Ruhe ihre Mandarine, die beiden halten ein Schwätzchen. Dann schnappt sich Schwester Eugenia wieder ihre kleine Tasche. Verabschiedet sich herzlich von dem freundlichen Herrn, der ihr wie jeden Tag noch eine Banane mitgibt, zur Stärkung. Und es geht weiter.