11/2012

Zwei Räder und drei Beine

Anhalten, anschließen, abholen, abgeben, aufsteigen, antreten, abfahren.

Markus Raus tritt also in die Pedale, von Berufs wegen. Drei Jahre lang schon, Vollzeit, voll angestellt, voll überzeugt von dem Beruf des Fahrradkuriers, an dem viele Klischees haften. Die es so eigentlich gar nicht mehr gibt. Denn Raus ist keiner, der auf dem Fahrrad nicht nur fährt, sondern lebt. Keiner, der die Straßenverkehrsordnung vom Hörensagen kennt, sich durchboxt, der Geschwindigkeit, des Termins wegen. Man dürfe nicht alles, was man meint, über Fahrradkuriere zu wissen, für bare Münze nehmen, sagt dann auch Volker Radzik, Geschäftsführer bei flott weg und irgendwie auf den ersten Blick auch keiner, der typisch aussieht für das Geschäft mit schneller Ware und eben solchen Beinen. 

Dabei geht es um das gerade nicht, aber um das zu verstehen, muss man sich mit Volker Radzik in sein Büro am Bielefelder Bahnhof zurückziehen und bei den Wurzeln des Unternehmens beginnen. Das ist nun schon 21 Jahre alt, gegründet von Rita Rohlfing, die heute noch als Schwarzweiß-Foto ihrem Partner Volker Radzik bei der täglichen Arbeit über die Schulter schaut. Zuverlässig, ökologisch, menschlich – das waren die Attribute, die schon vor Firmengründung feststanden. Und bis heute nicht umgestoßen wurden. Wenig Raum also für den, der im Straßenradrennen gelernt hat, im Zielsprint die Oberschenkel glühen und die Ellbogen ausfahren zu lassen. Dabei komme es immer wieder vor, dass Amateurrennradfahrer anklopften, mal anfragten, ob es nicht eine wunderbare Verbindung wäre, Hobby, Training und Beruf miteinander zu verbinden. An all das glaubt Radzik nicht. Was nützt mir der schnellste Mann, wenn er nicht zuverlässig ist, wenn er am Ende etwas vergisst und dann noch einmal losfahren muss? Die Bedenken versteht der, der sich einmal neben Christian Pielschmann setzt. Der ist einer der Disponenten bei Bielefelds einzigem Fahrradkurierdienst. Ein gesuchter Mitarbeitertyp, einer, der vieles gleichzeitig machen können muss, ohne den Überblick zu verlieren. Auf seinem Bildschirm drängen sich Zahlenkolonnen und Adressangaben, das Telefon klingelt, Zettel stapeln sich, gelbe Postwannen warten darauf, mit Inhalt gefüllt, abgeholt, wieder geleert zu werden. Zwischendurch kommt immer wieder einer der insgesamt 25 Mitarbeiter rein, alle fest an- und eingestellt, alles dabei, von 1,65  Meter bis 1,95 Meter Körpergröße, Frau oder Mann, Freak oder Vernunftfahrer. Es gibt den, der aus Überzeugung mit dem Singlespeedrad unterwegs ist, keine Gangschaltung, die den Anstieg erleichtert, das Tempo bei der Abfahrt steigert. Dann wieder den, der noch einmal in Ruhe die Kette fettet, die Schaltung einstellt, die Finger vom Schmierfilm befreit und dann losradelt. Mittendrin Markus Raus, ehemaliger Jurastudent. Irgendwann wurde der Betrag auf dem eigenen Konto immer geringer und die Forderung für den Studienbeitrag immer höher. Scheinfrei war er, aber den letzten Sprung rüber zum Examen schaffte er dann doch nicht. Da schwang er sich lieber auf den Sattel, erst einmal so zum Ausprobieren, dann im Team, dann hauptberuflich. Seit drei Jahren fährt er durch Bielefelds Innenstadt, teilweise einem festen Plan folgend, dann wieder auf schnellen Zuruf agierend. An seiner Brust baumelt ein signalrotes Handy, auf dem Rücken sitzt der orangefarbene Rucksack, der dafür sorgt, dass die Ladung trocken bleibt, wenn der Fahrradkurier längst auch unter der Radfahrhose klitschnass ist. Was genau sich hinten in dem Rucksack befindet, ist nicht immer leicht zu sagen. Häufig sind es wichtige Dokumente, Briefe, Dinge, die schnell von A nach B gebracht werden sollen. Rund 60 Kunden lassen von den flott weg-Kurieren ihre Postfächer leeren und sich die Sendungen direkt nach Hause, ins Büro bringen. Aber natürlich gibt es auch Exotisches. Solches, bei dem eben nicht die Fahrradkuriere, nicht die Autos, die Kleinlaster von flott weg zum Einsatz kommen. Vier Frotteehandtücher haben sie mal nach Pakistan geliefert, später Weihnachtsgeschenke in den brasilianischen Regenwald gebracht. Die Welt der Logistik sei halt eine, die sich nicht an Grenzen halte, die sich nicht nur auf das eigentliche An- und Abfahrtsgebiet beschränken lasse. Eigentlich, also alltags, sind die Bielefelder Kuriere im Stadtgebiet mit dem Fahrrad unterwegs. Mit dem Auto geht es raus nach Detmold, ins Kalletal, nach Rietberg. Wenn das Ziel zehn Kilometer oder näher entfernt ist, dann ist das Fahrrad im Vorteil, wenn nicht, dann erreicht das Auto früher das Ziel, so die Rechnung von Volker Radzik. So wägt Christian Pielschmann immer wieder ab, wen schicke ich wohin, wer ist gerade wo unterwegs, wen kann ich anfunken, umlenken. Als Student hat er hier aushilfsweise angefangen, später dann das Germanistikstudium abgeschlossen und ist doch hängen geblieben, ist wiedergekommen, hier geblieben. Er ist der Typ Mensch, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt, am Telefon eine ruhige Stimme, auch wenn die Lage eine unruhige ist. Besser nicht anmerken lassen, dass jetzt gerade zu viele Aufträge und zu wenige Kuriere unterwegs sind. Und die Situation gleich ins Gegenteil umschwenken könnte. An diesem Morgen dirigiert er Markus Raus erst einmal zu einer Bank, dann zur Post, später zu den städtischen Kliniken. Die sind der wohl größte Kunde von flott weg, lassen auch mal Außergewöhnliches von einem zum anderen Standort transportieren. Man sieht nicht, was es ist. Sagt Markus Raus. Und man fühlt es doch. Wenn das Ziel die Pathologie ist, dann hat Raus schon mal ein eben abgetrenntes Bein transportiert, gut verpackt, versteht sich, dennoch erkenn- und fühlbar. Du darfst dir keine großen Gedanken machen, was du transportierst, es komme nur darauf an, wie du es transportierst. Bei einer Geburtstagstorte war genau dieser Grundgedanke dafür ausschlaggebend, dass trotz der kurzen Strecke auf den Einsatz des zweirädrigen Kuriers verzichtet wurde. Am Ende hat sich Volker Radzik dann doch für den Beifahrersitz des PKW als Aufbewahrungsort der Torte entschieden, sicher ist sicher. Einmal haben sie auch zur Partnerschaftsfindung beigetragen, als ein Kölner zwei Wochen lang im Zweitagesrhythmus die Angebetete beschenken ließ. Mal mit Rosen, dann mit Apfelstrudel und Vanilleeis. Immer gebracht von flott weg, immer wieder Erstaunen bei der Beschenkten und den Bürokollegen auslösend. 

Man solle sich den Alltag im einzigen Fahrradkurierdienst der Region aber bitte nicht so vorstellen, als würde hier nur Kurioses transportiert. Der Alltag sieht anders aus. Flache graue, mal weiße, mal beige Umschläge wandern in den Rucksack der Kuriere, die meist keinen Blick auf die im Büro aufgehängte Karte werfen müssen, den Adressaten, das Ziel so kennen. Wer hier anruft, der darf erwarten, dass der Fahrradkurier zur Abholung spätestens 30 Minuten nach dem Anruf bei ihm anklingelt. Und nein, er schultert dann nicht sein geliebtes Fahrrad, trägt es nicht rauf in den vierten Stock, so wie es Drehbuchautoren gesehen haben wollen. Natürlich hat hier jeder sein eigenes Fahrrad, sein ganz eigenes Baby. Aber die Liebe geht dann doch nicht so weit, dass man es nicht wagt, es abgeschlossen irgendwo stehen zu lassen, erklärt Volker Radzik. Der hat in den vergangenen 21 Jahren mit zugesehen, wie die Mitbewerber um ihn herum ihre Geschäfte aufgaben, ehe er ganz alleine zurückgeblieben ist. Dabei sei das Geschäft kein einfacheres geworden, 550 Wochenstunden rechnet er als Basis, die müssten seine Kuriere unterwegs sein, damit aus dem Geschäft auch ein lohnendes werde. Nicht außer Acht lassen will er dabei bei aller Wirtschaftlichkeit, bei allem Nachdenken über die Steigerung der Effizienz, dass dieses Unternehmen hier gegründet wurde, um Menschen auf ökologische Weise Arbeit zu bieten. Hat geklappt. Auch wenn es nicht immer einfach war. Sagt der 52-Jährige und schaut dem nächsten Kurier hinterher, der mit dem Fuß die Tür aufschwingen lässt, den Rucksack auf dem Rücken, das Fahrrad rausschiebend, sich in den Sattel schwingt und dann losfährt. Flott. Und weg.

Hinterher, nebenher, vorneweg

Der typische Fahrradkurier? Da muss Volker Radzik nicht lange überlegen. Er muss gewissenhaft sein. Und wetterfest. Ein verantwortungsvoller Fahrer also, einer, der sich sehr gut auskennt, die Abkürzungen kennt, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Im Schnitt radeln die Kuriere von flott weg pro Schicht 40 Kilometer. Wobei es auch die gibt, die gleich zwei Schichten und damit auch zwei Mal 40 Kilometer aneinanderhängten. Sicher, auch Volker Radzik weiß, dass das keine Rekordwerte sind, dass es Kuriere und Städte gibt, in denen gerne das Zwei- und Dreifache gefahren werde. Aber da sind auch andere Mitarbeiter im Einsatz. Solche, die auf eigene Rechnung fahren. Bei denen jeder Kilometer bares Geld bedeutet. Und Bielefeld ist nun mal nicht Hamburg, die richtig langen Fahrten übernimmt hier eines der Firmenfahrzeuge, alle natürlich mit Erdgas angetrieben, auch hier soll sich der ökologische Grundgedanke fortsetzen. 

Wer bei flott weg als Fahrradkurier anfängt, der fährt erst einmal im Zweierteam hinterher, dann nebenher, dann vorneweg. Lässt sich von einem alten Hasen bei der Arbeit zusehen, ehe er alleine losradeln kann. Und darf. Zu diesem Zeitpunkt hat er auch schon das Starter-Kit erhalten, den leuchtend orangen Rucksack, die wetterfeste Kleidung. Denn die brauchst du, es regnet ja nun mal häufig, sagt Radzik. Der stellt auch die ganzen Verschleißteile zur Verfügung, weiß, dass die Kette immer dann reißt, der Reifen immer dann Luft verliert, wenn der Fahrer weit, sehr weit von der Station am Bahnhof entfernt ist.

Unterwegs sind die Kuriere, die sich im Altersschnitt der 40 annähern, mit eigenen Rädern. Nichts Exotisches, nicht Ausgefallenes, auch nichts Teures. Aber eben auch kein Rad aus dem Supermarkt, sondern ausgelegt, um zuverlässig lange durchzuhalten. So wie die Fahrer, die mit ihnen unterwegs sind. Die meisten von ihnen haben zwei Räder, eins für den Sommer-, eins für den Wintereinsatz. Und wissen, dass auch das manches Mal nicht reicht. Es gibt halt auch eisige Zeiten, in denen schiebt selbst der Fahrradkurier. Die Zähne nicht vor Kälte klappernd, sondern knirschend. Ein Fahrrad will schließlich gefahren, nicht geschoben werden. Vielleicht ist das der Grund, warum die Initiativbewerbungen im Sommer stark zunehmen. Und im Winter stark abnehmen. Gesucht werden aber eher selten Fahrradkuriere. Bei den Disponenten sieht das schon anders aus. Die auf eine Einarbeitungszeit von einem Jahr vorbereitet sind. Und auch in der größten Hektik die Ruhe, den Überblick nicht verlieren.

Sie hätten gerne noch ein wenig mehr gesehen? Wie es so ist, als Fahrradkurier? Wären gerne mal mitgefahren, hätten sich gerne vorne auf den Lenker gesetzt? Was hält Sie davon ab? Einfach hier dem Link folgen. Und mitradeln. 

hoch5-magazin.com/go/ed