12/2012

Vom Zeppelinfliegen träumen

Er hat einmal vor einem gestanden, ganz nah. Hat raufgeschaut zu dem großen Luftschiff, sich vorgestellt, wie das wohl so ist, mit dem Mitfahren.

In der Tasche den Gutschein, runtergereist ist er bis nach Friedrichshafen. Sich den einen, den wichtigen Wunsch zu erfüllen. Einmal abzuheben, im Bauch zu fühlen, wie das so ist, mit dem Mitfahren. Aber erst streikte das Wetter. Dann das Luftschiff. Dann kam die Rückfahrt. War nichts, mit dem Mitfahren.

Zwei Jahre ist das her, da kam der Norbert seinem Traum ein gutes Stück näher. Und doch nicht nah genug. Ausgeträumt ist der Traum längst nicht. Irgendwann hebt er schon ab. Bis dahin klebt er. Am Boden. Und seine Modelle. Meist Kartonmodelle von Zeppelinen, von ihm irgendwo im Netz, auf Messen, in Katalogen gefunden, von ihm selber konstruiert, verlegt, rausgebracht. Wer sein kleines Geschäft betritt, der staunt. Über die Modelle, die unter der Decke hängen. Die sich ein ganz klein wenig, ganz sacht bewegen, wenn die Tür aufschwingt. Selten genug, dass sie das tue, aber bitte, man schlage sich durch, man wolle sich nicht beklagen. Geht schon irgendwie. Dabei ist der Norbert nicht nur Ladenbesitzer, nicht nur Zeppelinkenner. Aber der Reihe nach. Schon als Kind haben ihn die Luftschiffe begeistert, hat er gelesen, angeschaut, inhaliert, wie sie sich bewegen, abheben, aus der Welt komplett verschwanden. Und dann – Jahrzehnte später – plötzlich wieder am Himmel auftauchten. Mit so verrückten Ideen wie dem Cargolifter. Bei dem wir Zeppelinkenner wussten: das kann nicht gut gehen. Und die Konstrukteure, die Investoren es besser wussten. Riesige Hallen vor den Toren Berlin bauten. Erzählt der Norbert. Der stand mal drin in so einer Halle. Und staunte. Und wusste: funktionieren kann das nicht. Und tat es auch nicht. Denn wenn ein Luftschiff Lasten transportieren will, dann jagt es nach oben, sehr weit oben, unkontrollierbar oben, wenn es ablädt. So einfach ist das. Und so unmöglich.

Wenn die Sprache auf Zeppeline kommt, dann schaut der Norbert nach oben. Unter die Decke. Schaut hoch zu den Modellen, die mal viele Jahre alt sind, dann eben gebaut wurden. Könnte ein Material passender sein als Karton? Federleicht, gut vorstellbar, dass es wirklich in die Luft steigt? Wer zu Norbert kommt, der hat entweder sein Kind dabei und will Papiertiger basteln, aus einem Bogen dünner Pappe ein Feuerwehrauto, ein Flugzeug basteln. Es komme wieder in Mode, sich nicht nur mit den virtuellen, sondern auch mit den reellen Dingen zu beschäftigen, sagt der Norbert dann. Und freut sich. Natürlich. Dabei ist er schon lange angekommen in der virtuellen Welt. Hat 1999 seinen Internetshop eröffnet, hat so seine Modellbaubögenmodelle in alle Welt verkauft. Kenner schauen bei ihm mal im Geschäft, dann im Internetshop vorbei. Die, die wissen, dass es auch mal sieben Jahre dauern kann, ehe aus vielen Kriegsschiffbögen ein Kriegsschiffmodell wird. Aber Schiffe? Sind für Norbert nur etwas zum Hinstellen. Bei den Luftschiffen ist das anders, da jucke es in den Fingern, zum Messer, zur Schere, zum Kleber zu greifen. Aber bitte nicht zum Klebestift, komplett ungeeignet, das Falscheste, was sich tun ließe, um aus einem Bogen Papier ein Modell entstehen zu lassen. Dann doch lieber den klassischen Alleskleber in der gelben, flinken Flasche. Was es noch braucht? Geduld wäre nicht schlecht. Geschick auch. Und Zeit. Und Fantasie. Um sich nachher reinzusetzen in so ein Luftschiff. In Gedanken. Und mitzufahren. Auch in Gedanken. 

Heißluftballone steigen im Geschäft von Norbert an die Decke, ein Flugzeug landet im Schaufenster, neben ihm das Hermannsdenkmal. Das sollte eigentlich fertig werden, vor zwei Jahren, als das echte Denkmal runden Geburtstag feierte. Und ist es auch, sonst stünde es ja nicht im kleinen Schaufenster. Aber so richtig fertig, also verkaufsfertig ist es dann immer noch. Ist halt noch nicht fertig. Die Bedienungsanleitung zum Modell. Kleine und große private Katastrophen seien dazwischen gekommen. Ist halt so. Katastrophen halten sich an keinen Zeitplan, an keinen runden Geburtstag. Und erst recht nicht an Bedienungsanleitungen. Irgendwann aber wird er es verlegen. Drucken lassen. In einer Auflage, höher als die üblichen tausend. Eile aber? Ach, nicht das Ding von Norbert. 

Der hat genug gemacht, genug erlebt. Hat als freier Künstler gearbeitet – und tut es noch heute. Hat an der FH für Gestaltung angefangen zu studieren, und da musstest du dich entscheiden, Grafik oder Foto. Und dann halt Foto. Ist so diplomierter Fotodesigner geworden, hat als Pressefotograf gearbeitet, war bei der Hochzeit von Nino de Angelo als Knipser dabei. Aber bitte? Hat die Hochzeit gehalten? Nein. Na bitte. Dann doch lieber Vieher bauen, riesig groß, zottelig, traurig dreinschauend. Macht er nur für Freunde. Freundinnen. Und für sich. Tier Wolfgang, Gattung: ein Etwas, steht vorne, da, wo Büro und Verkaufsraum voneinander getrennt sind. Und die Doppeltür doch immer offen steht. Da, wo sich die Zeppelinbücher hinter dem Norbert stapeln, da, wo noch viele Bögen darauf warten, gebastelt zu werden. Aber das hat Zeit. Werden ja nicht schlecht, solche Bögen. Für ihn. Für andere schon. Als er noch nebenan seinen Laden hatte, da war der Briefkasten ein breiter. Da haben ihm manchmal irgendwelche Leute ungebastelte Bögen in den Schlitz gesteckt. Wie eine Babyklappe. Für Bastelbögen. Einige hat er verkauft, einige gebaut, einige weggelegt. Gut weggelegt. 

So wie den Traum vom Mitfahren. Aber der wird wieder hervorgeholt. Na sicher. Irgendwann wird er nicht nur vor einem Zeppelin stehen. Sondern auch einsteigen. Wird das Wetter stimmen. Das Luftschiff nicht kaputt gehen, sondern langsam aufsteigen.

Wenn er dann wieder Zuhause, in der Geschäft-Büro-Wohnung ist? Dann konstruiert er weiter. Probiert aus, nutzt den Computer, um sich errechnen zu lassen, wie aus einigen Blättern Karton etwas so Filigranes wie ein Luftschiffmodell werden kann. 

Was das Schwierigste ist beim Konstruieren? Sich vorzustellen, wie etwas ist, was man eigentlich noch gar nicht weiß, nicht gesehen, nicht ausprobiert hat. Aber damit? Damit hat der Norbert kein Problem.