03/2013

Angekommen in der Weiblichkeit

Was suchen wir eigentlich? Einen Mann, der nach einer Frau aussieht? Oder eine Frau mit männlichen Zügen?

Wir, der Micha und ich, stehen in der Bahnhofshalle von Osnabrück und wissen nicht so recht, auf wen wir denn so unseren Blick werfen sollen. Verabredet sind wir mit Elina, 21 Jahre alt, vor neun Monaten geschlechtlich noch Eduard und komplett männlich, jetzt, Ende Februar, Elina, so weit wie medizinisch möglich weiblich.

Als wir sie dann erblicken, haben wir nur Elina gefunden. Die Beine dünn, sehr dünn, die Figur mit 1,81m sehr groß und doch für eine Frau wohlproportioniert. Wir schlendern ein paar Meter durch Kälte, der Gang, jede Geste weiblich. Ja sicher, diesen skeptischen Blick, den kenne sie, so schauten sie alle an, die ihre Geschichte kennen würden. Und das sind nicht wenige, trägt sie doch, wie man so sagt, ihr Herz auf der Zunge. Oder besser noch zwischen den geschwungenen, geschminkten Lippen. Rein ins nächste Café, haben Sie Chai-Latte? Nein? Dann nen normalen Cappuccino, man kann halt nicht alles erwarten von einer Welt, die manches Mal nicht bereit zu sein scheint für eine wie Elina. 21 Jahre ist sie gerade mal alt, in sich aber trug sie den Wunsch, vom Mann zur Frau zu werden schon mit fünf Jahren. Zwei Jahre später dann das, was sie ihren ersten Hilfeschrei nennt.Im Zeltlager verwandelte sie sich, performte einen Song der No Angels. Schminke, Frauenklamotten, vor allem aber pures Wohlfühlen in einer Maskerade, die dann eben doch mehr ist als nur eine kleine Verwandlung. Später ist sie in den heimischen Keller runtergestiegen, hat sich dünne Kunststoffrohre und Holzquader mit Kreppband unter die nackten Füße geklebt und so das erste Mal auf Highheels, wenn auch selbstgemacht, gestanden. Erst hat es ordentlich gewackelt, dann ging es vorsichtig, dann immer forscher voran. Kein Wunder, dass sie heute locker auf den hohen Schühchen läuft, 1,90m erreicht sie damit locker, vor allem aber verleihen sie ihr innere Größe. Wer will dir etwas, wenn du aussiehst wie eine Frau, du dich benimmst wie eine Frau? Jede Geste von Elina ist so, als sei sie stundenlang einstudiert, auf Weiblichkeit getrimmt, abgeguckt und verinnerlicht. Dabei muss sie ja eigentlich nichts mehr abschauen, ist sie doch medizinisch, rechtlich das, was eine Frau ausmacht. Sie rückt ein wenig näher ran im Café, jeder muss am Ende dann doch nicht am Nachbartisch mithören, wenn sie erzählt, wie das so ist, mit der OP, dem Leben, dem Sex. Aber erzählen tut sie es dann doch. Wie sie erst den Namen ändern ließ und dafür schon zwei Gutachten mitbringen musste, sich seelisch entblättern musste, damit aus Eduard Elina werden konnte. Elina deshalb, weil der erste Buchstabe dann doch zeigen sollte, dass ein kleines Bisschen von Eduard doch übrig geblieben ist. Dabei war schon Eduard kein ganzer Kerl, also von innen gesehen. In den Stimmbruch ist er nie gekommen, Bartwuchs war Fehlanzeige und auch die Beine blieben ungewöhnlich dünn, die Hände feingliedrig. Auch der Hormontest zeigte: Hier wächst jemand heran, der irgendwie sexuell zwischen Baum und Borke hockt. Ihre Eltern, ihre Geschwister dachten damals, dass sich Eduard wohl zu Männern hinziehen lassen würde. Eine Transsexuelle aber? „Hat selbst ihre Phantasie überfordert“, sagt Elina und kann heute darüber lachen. Nach ihrem Coming out brauchte sie dann erst einmal die Anonymität, die Abgeschiedenheit, das Alleinsein mit sich. Wer in Osnabrück lebt, für den ist Bielefeld zwar nicht die große weite Welt, zum Abtauchen aber reicht die Stadt allemal. Also auf nach Bielefeld, auf in ein Leben ohne die Ausbildung zur Friseurin, ohne fragende Blicke, ohne zu Antworten gedrängt zu werden, die sie eigentlich nicht geben will. 

Was dann folgt ist das Vorbereiten auf etwas, auf das man sich eigentlich gar nicht vorbereiten kann. „Oder wie soll man wissen, wie sich das anfühlt, wenn da zwischen den Beinen plötzlich nicht nichts, sondern etwas ganz anderes, ganz Wunderbares ist“, sagt Elina, legt die Hände mit den rosa lackierten Fingernägeln um die Cappuccino-Tasse und schaut neugierig zwischen ihren Zuhörern hin und her. Was dann kommt, lässt nur noch staunen. Nach Krefeld in eine Spezialklinik ist sie gefahren, hat sich von einer Spezialistin umoperieren lassen und aus dem hormonell entstandenen Brustumfang (Körbchengröße A) dann doch besser B machen lassen, man solle ja sehen, wer da vor einem im unnachahmlichen Stil hertrippelt. Dabei solle man sich das nicht so vorstellen, als sei sofort alles ganz wunderbar. „Als der Verband zum ersten Mal abgenommen wurde, als alles geschwollen und blau war, da musste ich mich erst an den Anblick gewöhnen. Aber ich war angekommen, da war ich mir zu diesem Zeitpunkt schon sehr sicher“, wusste Elina schon damals. Und der Sex? Werde immer besser. Auch wenn „ich wohl nie wie eine Frau empfinden werde“, sagt Elina und wirkt rundum zufrieden und das Resultat kann sich sehen lassen. Es gebe auch schon einen Mann, gut, ein Freund sei er vielleicht noch nicht, aber es sei im Entstehen, könne etwas werden. Ob es irgendwann mal einen Zeitpunkt in ihrem Leben gegeben habe, an dem sie sich wie ein Mann gefühlt habe, wollen wir noch wissen. Nein, eigentlich nicht, so die schnelle Antwort. Als kleines Kind ist sie geritten, gerne hätte sie auch Ballett getanzt. Ein Mädchen habe sie mal geküsst, aber gut angefühlt habe sich das irgendwie nicht. So wie das ganze Leben nicht, alles sei irgendwie unpassend im wahrsten Sinne des Wortes gewesen.

Nach der Operation ist sie kurz zurück nach Bielefeld, dann wieder nach Osnabrück gezogen. Die Lehre ist beendet, die Arbeit als Friseurin ruft, der Wunsch, als Model arbeiten zu können, längst nicht ausgeträumt. Auf der Modenschau der FH für Gestaltung ist sie im Sommer schon über den Catwalk gelaufen. Hat die hohen Schuhe so voreinandergesetzt, als wäre sie nie auf etwas anderem gelaufen.

 

Sie interessiert das Thema. Sie wollen mehr erfahren? Dann nehmen Sie doch einfach Kontakt zu Elina auf. Einfach bei uns melden und wir geben die Kontaktdaten gerne weiter.