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Das Leben wieder im Griff

Wie es sich mit einer modernen Handprothese lebt

Im ersten Moment? Hat Horst Bendig nichts gemerkt. Nur gesehen, dass sich die schwere Maschine schnell nach unten senkt. Und in der Maschine seine Hand sitzt.

Horst Bendig arbeitete damals, 1970, als Stahlbauschlosser und sorgte mit seiner tonnenschweren Maschine dafür, das daumendicke Bleche in die passende Form gebogen und geknickt wurden. Mit einem Fußauslöser betätigte er den Mechanismus – ein Kollege rief etwas von hinten, beim Umdrehen kam Bendig an den Fußschalter und schon war der Arm ab. Oder besser: Noch dran, aber sehr stark verletzt. „Das ganze war wie verschweißt, als wir den Handschuh drum herum abgeschnitten hatten“, erzählt Bendig 40 Jahre später. Mit dem Firmenwagen wurde er ins Krankenhaus, in eine spezielle Unfallklinik gebracht, aber Arm und Unterarm waren nicht zu retten. „Für mich hat es schon damals nur ein Ziel gegeben: Wieder zu arbeiten, wieder an alter Wirkungsstätte eingesetzt zu werden“, erzählt der Stahlbauschlosser heute. Die erste Prothese – ein für heutige Verhältnisse sehr einfaches Modell – wurde angepasst und Horst Bendig übte, wie er mit dem Bowdenzug seine Kunsthand möglichst filigran einsetzen konnte. Auch heute noch nimmt er dieses Modell ab und an in seine Hand. Schaut sich an, wie der Haken, der vorne in der hautfarbenen Prothese sitzt, nur auf und zu geht, keine Zwischenstellung kennt. Seine neue, bioelektrische Prothese arbeitet da ganz anders. Sensoren messen die Veränderungen der Muskeln im verbliebenen Unterarm, wenn Horst Bendig die Hand öffnen, schließen, drehen möchte. Automatisch werden diese Befehle dann ausgeführt, er kann nun zugreifen, festhalten. Und noch viel mehr. „Jetzt ist es sogar wieder möglich, einen Nagel in die Wand zu schlagen“, freut sich der 70-Jährige. Nur Schneiden von Speck, das Schälen von Kartoffeln muss er seiner Frau überlassen, dazu fehle dann doch die Fingerfertigkeit. Im Garten aber kommt die neue Prothese, bei der der Kopf, die künstliche Hand, austauschbar ist, fast täglich zum Einsatz. Schneeschieben, Heckeschneiden, sogar mit der Flex kann Horst Bendig arbeiten. Und konnte das auch schon wieder kurz nach seinem Unfall. „Natürlich hat sich die Geschäftsleitung in meinem Betrieb anfangs gefragt, wo sie mit mir hin, wo sie mich einsetzen soll. Aber die Antwort habe ich denen sehr schnell gegeben“, gab sich der Stahlbauschlosser schon damals kämpferisch. Er ließ sich zum Fachschweißer weiterbilden, übernahm die Ausbildung vieler Lehrlinge und arbeitete als Rohrschweißer weiter. „Und das so gut und schnell, dass ich sicherlich mehr geleistet habe als manch ein Kollege.“ Eine echte Alternative zum Weiterarbeiten gab es für den damals 27-Jährigen aber auch nicht. „Mein viertes Kind wurde gerade geboren, das Geld war sehr knapp und es musste doch, oder gerade deshalb, weitergehen mit mir und meinem Beruf“, erzählt der heutige Rentner. Die Unfallrente half natürlich weiter, auch die Bereitschaft seines Arbeitgebers, ihn weiter zu beschäftigen. Mit dem Schneidbrenner zu arbeiten lernte er schnell. „Und was glauben Sie, wie gut das ging. Da hatte ich immer eine sehr ruhige Hand und habe mein Können an unzählige Azubis weitergegeben“, erzählt Horst Bendig mit einem Schmunzeln. Im Jahr 2000 ist er dann in Rente gegangen: Der Rücken hatte sich teilweise versteift, die einseitige Körperbelastung war dann doch zu viel für den Körper. Denn damals waren die Armprothesen noch richtig schwer, musste mit der Schulter am Bowdenzug gezogen werden, um mit Prothese arbeiten zu können. 

Heute steht Horst Bendig in der Küche und geht seinem Hobby nach. Rollt Rouladen, sorgt für Schmackhaftes auf dem Essenstisch. Seinen Hund – gerade aus dem nahegelegenen Tierheim geholt streichelt und herzt er, mal mit der einen, mal mit der anderen Hand. Auch Autofahren: kein Problem. Ein simpler Knopf am Lenkrad sorgt für die richtige Kontrolle über das Fahrzeug. Mit der neuen Prothese hat er sogar schon gemeinsam mit seiner Frau die Wände seines Hauses neu tapeziert. Drei Tage erlernte Horst Bendig den Umgang mit seiner neuen Hand beim Hersteller. Lernte, wie er den Schaft so anzieht, dass er eine möglichst feste Verbindung auf Zeit mit dem Stumpf eingeht. Er trainierte seine Nerven, seine Muskeln, so dass er nun seine Hand so bewegen kann, dass er mit ihr all die alltäglichen Dinge wieder erledigen kann, die über Jahre nicht möglich waren. Zu seinem ständigen Begleiter ist die technisch sehr anspruchsvolle und höchstmoderne Prothese so geworden. Auch wenn Horst Bendig sie nicht immer anzieht. „Manchmal ist mir einfach nicht danach. Oder ich bin ein bisschen faul, je nachdem, wie man das bewerten will“, erzählt der Rentner und lacht. Neugierige Blicke, die ihn dann beim Spaziergang treffen, ärgern ihn längst nicht mehr. „Natürlich waren meine Kinder damals, als ich das erste Mal aus der Klinik nach Hause gekommen bin, auch erst erschrocken. Aber das hat sich schnell wieder gelegt.“ Mit einem Strumpf schützt er den schnell auskühlenden Stumpf bei solchen Spaziergängen vor der Kälte. Und bleibt nicht nur dabei immer sehr wetterfühlig. „Wenn das Wetter umschlägt, dann spüre ich so ein Kribbeln, ähnlich dem Gefühl, wenn Dir jemand gegen den Musikantenknochen schlägt“, erzählt Horst Bendig. Und empfindet auch das als keine große Belastung. „Wenn ich ehrlich bin, dann ist die Einschränkung natürlich da. Aber sie lässt sich nicht mehr ändern. Und ich kann mit ihr und der neuen Prothese eigentlich auch sehr gut leben“.