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Gemischtes Doppel

Wie Jürgen Röhling nach einem Schlaganfall wieder in Schwung kommt

Jürgen Röhling saß einfach auf dem Sofa. Vor dem Fernseher gemeinsam mit seiner Frau. Und sackte dann nach vorne. Der Kopf fiel zur Seite, einfach so. Und ab sofort war nichts mehr wie zuvor.

Dabei ist der heute 63-Jährige zu diesem Zeitpunkt nicht nur ein fitter Mitfünfziger, sondern eine echte Sportskanone. Mit den Inlineskates ist er stundenlang unterwegs, jagt auf ebener Fläche Zeiten und Rekorden hinterher. Den Doppel-Marathon hat er bereits absolviert, mehr als 80 Kilometer in weniger als vier Stunden hinter sich gebracht. All das nicht auf Kosten seiner Gesundheit. Eher ganz im Gegenteil. Jahr für Jahr ließ sich der Leistungssportler, der jede freie Minute zum Inlineskaten nutzte, von seinem Arzt, einem Kardiologen, durchchecken. Gesundheits-TÜV nannte er diese turnusmäßige Routineuntersuchung, die immer gleich ablief. Und bei der er immer die gleiche Antwort erhielt: „So gut wie Sie ist in Ihrem Alter niemand gesundheitlich beieinander.“ Oder auch: „So wie ihre Werte sind, können Sie 120 Jahre alt werden.“ Also stand für Jürgen Röhling auch 2008 noch fest: „Wenn ich 80 Jahre bin, will ich immer noch einen Marathon auf meinen zehn Rollen absolvieren können.“ Der Arzt hat nur genickt. Wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischen komme, dann „sollte die Umsetzung dieses Vorhabens kein Problem sein.“

Aber dann kam dieser Tag im April 2008. 32 Kilometer war der Zollbeamte vom Hauptzollamt Osnabrück gerade locker spätnachmittags mit Sportsfreunden geskatet. Eine ganz normale Trainingsrunde also, nichts Anstrengendes, eher Bewegungsroutine. Röhlings Ehefrau saß am Fernseher, er setzte sich dazu, schaute hin, „und konnte plötzlich gar nichts mehr hören, nichts mehr erkennen.“ Dann sackte der Kopf zur Seite, seine Frau erschrak, sprach ihn an, erhielt keine Antwort. Der Notarzt stellte schnell fest: Schlaganfall. Ins Krankenhaus ging es mit Blaulicht. Und ab dem Zeitpunkt begann das zweite Leben des ehemaligen Sportlers. 

Lange lag er im Koma, konnte nicht sprechen, nicht essen, „selbst das Atmen musste ich später mühsam wieder lernen“, erzählt Jürgen Röhling. Dabei sitzt er auf dem heimischen Sofa im Trainingsanzug, erzählt von der Zeit, als er im Krankenbett lag, angeschlossen an Apparaturen, deren Namen, deren Aufgabe er nicht kannte. Er wurde beatmet, die Maschinen übernahmen die Kontrolle über seinen Körper. „Wenn du da so liegst, dann denkst du auch an Selbstmord. Wenn du plötzlich realisierst, dass deine sportliche Vergangenheit, dein ganzes Leben vorbei ist, dann fehlt dir der Lebenswille“, sagt der 63-Jährige. Irgendwann schlug dieser Pessimismus, diese lebensmüde Phase um. 

Wie viele Kilometer hatte er sich auf den schnellen Inline-Skates durchgebissen. Hatte bis zum Ziel gekämpft, die Zeit, die Mitfahrer im Nacken. Mit der gleichen Beharrlichkeit machte er sich nun an seine Genesung. Viel zu, besser noch: schrecklich langsam sei die vorangegangen. Alles habe er neu lernen müssen. Und vieles dann doch nicht erlernen können. Ein paar Schritte nur mit Gehhilfen, dann machten die Beine, die früher stundenlang Höchstleistungen erbringen konnten, schon schlapp. „Jeden Kurs, jede physiotherapeutische Anwendung habe ich damals mitgenommen“, erinnert sich Jürgen Röhling. Raus an die frische Luft hat es ihn auch schnell wieder gezogen. „Aber das war nur mit dem Rollstuhl möglich, dafür hat mein Gleichgewichtssinn einfach zu stark gelitten, ist bei dem Schlaganfall viel zu viel in meinem Hirn zerstört worden“, berichtet Röhling ganz nüchtern. Ebenso sachlich begannen die behandelnden Ärzte nach der Ursache dieser unerwarteten Erkrankung zu suchen. Und wurden in Röhlings Herz fündig. Dort fanden sie mittels Ultraschall ein winziges Loch. Und das ist keinesfalls etwas Überraschendes. „Jeder dritte Mensch hat bei seiner Geburt ein Loch im Herzen“, weiß Jürgen Röhling heute. Doch bei fast allen wächst dieses Loch in den ersten Lebenswochen zu, bei dem Osnabrücker aber blieb eine Lücke. Und hinter der wurde das Blut verwirbelt, bildete sich irgendwann in den vergangenen Jahren und unbemerkt von allen Untersuchungen eine Thrombose, die an diesem Tag im April in Richtung Hirn wanderte. Und dort den Schlaganfall, die partielle Unterversorgung des Gehirns auslöste. 

Lange dauerte es, ehe Jürgen Röhling ganz langsam zurück ins Leben gelangte. Vergleichbar mit seinem vorherigen ist das nicht. Mit einer Gehhilfe geht der nun pensionierte Zollbeamte vorsichtig die Treppe im eigenen Heim herunter. Vorsichtig, fast tastend. Vieles musste im Eigenheim umgebaut werden, ein Lift bringt Röhling nun in die Badewanne, ein spezielles Treppengeländer bietet zusätzliche Sicherheit. Wie aber zurück in die Natur, an die frische Luft kommen, die Jürgen Röhling schon früher so liebte? Lange hat er darüber nachgedacht. Fahrradfahren wäre eine Option gewesen, aber selbst auf einem Tandem ist die Fahrt für den, der kein Gleichgewicht mehr halten kann, zu gefährlich.

Erst der Erfindungsreichtum eines Fahrradhändlers half Jürgen Röhling weiter. Und auch der heimische Sanitätshandel half mit. Der hatte den Schlaganfall-Patienten von Anfang an begleitet. Hatte ihn mit Hilfsmitteln versorgt, um zurück in den Alltag kehren zu können. Und baute eine Schiene, die dem einen, dem Bein, das er noch spürt, das er kontrollieren kann, noch mehr Stabilität verleiht. Auch einen Schultergurt bekam er hier, der seinen Arm stützt und nun ermöglicht, was er lange Zeit nicht für möglich hielt: Jürgen Röhling fährt wieder Fahrrad. Einmal in der Woche mit Freunden, im Urlaub auch Tag für Tag. Einem Fahrradclub hat er sich angeschlossen. Oder besser: haben sie sich angeschlossen. Denn das Radfahren ist ihm nur gemeinsam mit seiner Ehefrau möglich. Zwei Liegefahrräder haben sie sich gekauft. Und verbinden diese nun miteinander, wenn es auf große Fahrt oder nur auf eine kleine Feierabendtour geht. Seine Frau fährt und lenkt vorne, er tritt zumindest mit einem Bein, auf dem zweiten Liege­rad weiter hinten sitzend. Das rechte, geschiente Bein sitzt fest in der Pedale und sorgt für Fortbewegung, das andere läuft einfach mit. Aber Ge­schwindigkeit und Kraft, das sei längst nicht mehr wichtig. „Wissen Sie, was für ein Gefühl das ist, wieder in Bewegung zu sein?“, fragt Jürgen Röhling. Und man braucht die Antwort nicht abzuwarten. In einer Urlaubswoche hat er mit seiner Ehefrau dann doch 240 Kilometer hinter sich gebracht. Hat sich an Steigungen vom eingebauten Elektromotor schieben lassen, denn „einfach absteigen kann ich ja nicht.“ Ist mit dem Caddy in den Urlaub gereist, ein Liegerad im Kofferraum, eines auf dem Fahrradgepäckträger. Jetzt, im Frühjahr, steht die erste Ausfahrt des Jahres an. Auch hier die Frage: 

„Wissen sie, wie lange ich mich darauf gefreut habe?“ Und auch hier die gleiche Antwort: Man kann es als Außenstehender wohl nur erahnen.