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Daheim geblieben

Wenn das eigene Schlafzimmer zum Krankenzimmer wird

Adalbert Schneider geht es heute den Umständen entsprechend gut. Er winkt aus dem Bett, scherzt gar. Dabei ist seine Situation keine, die eigentlich mit Humor zu nehmen ist. Liegt er doch seit nunmehr fünf Jahren daheim im Pflegebett.

„Angefangen hat alles mit einer eher harmlosen Knie-Operation“, erzählt Ehefrau Katharina. Doch aus diesem Eingriff entwickelte sich ein Leidensweg, der Adalbert Schneider zum Pflegefall werden ließen. Allerdings zu einem, der nicht im Pflegeheim liegt, sondern zu Hause von der Ehefrau, vom Pflegedienst, vom Sanitätshaus versorgt wird. „Meist sind es die einweisenden Ärzte, ist es das Pflegepersonal, der Sozialdienst, der uns darüber informiert, dass wir gebraucht werden“, erzählt dann auch Susanne Gesse, examinierte Altenpflegerin, die sich heute im Sanitätshaus Brockers in Kaarst um Menschen kümmert, die eben noch Patienten im Akut-Krankenhaus waren. Und jetzt zu Hause gepflegt werden.

Bei Adalbert Schneider war es eine Stelle am operierten Knie, die sich nicht schließen wollte. Die immer wieder aufging, die von Bakterien befallen wurde. Die wanderten am Ende durch den gesamten Körper, der Darm war befallen, ein künstlicher Darmausgang musste gelegt werden. „Für viele ist dieser Ausgang – Stoma genannt – ja ein Thema, dem sie sich nie widmen wollen“, weiß Susanne Gesse. Gleichzeitig gäbe es erstaunlich viele Patienten, die einen solchen Ausgang gelegt bekommen. „Es ist ein unschöner Gedanken, die Kontrolle zu verlieren, sich mit diesen Utensilien zu beschäftigen, mit der Säuberung, dem Beutelwechsel – aber man gewöhnt sich daran“, ist sich die versierte Mitarbeiterin sicher. Die ist froh, dass sie aus der Praxis kommt, dass sie früher im Altenheim vielen Stoma-Patienten bei der täglichen Pflege helfen konnte. Und nun dieses Wissen theoretisch umsetzt. Auch Adalbert Schneider brauchte seine Zeit, ehe er sich an den künstlichen Darmausgang gewöhnt hatte. Aber dies bleib nicht sein einziges Leiden. „Eigentlich wurde alles schlimmer, er konnte sich schlechter bewegen, hatte Probleme, die Balance zu halten“, erzählt Stefanie Weyers vom betreuenden Pflegedienst. Was dann einsetzt, erleben deutschlandweit unzählige Patienten. „Erst denkt man, dass man das schon hinbekommt. Ist ja nur eine häusliche Pflege auf Zeit, Besserung vielleicht ja doch in Sicht“, sagt Katharina Schneider. Also entschied sie sich dafür, ihren Mann im eigenen Haus zu pflegen. Die finanziellen Mittel für ein Pflegeheimzimmer fehlten noch dazu, also blieb die Versorgung in den eigenen vier Wände alternativlos. Aber es wurde nicht besser mit dem Gesundheitszustand des Ehemanns. Es wurde schlechter. Bei der Gymnastik, dem vorsichtigen Bewegen des operierten Knies rutschte er ab, knickte um und verletzte sich abermals am Knie. Eine weitere Operation folgte, an gehen, an stehen war fortan nicht mehr zu denken. „Am Ende konnte Herr Schneider es nicht mal mehr im Rollstuhl aushalten. Er bekam Schmerzen, hatte Aussetzer – es ging einfach nichts mehr“, so Stefanie Weyers. Auch das ein ernüchternder, aber alltäglicher Werdegang bei der häuslichen Pflege. 

„Da macht man sich lange etwas vor, hofft, setzt darauf, dass es besser wird. Aber das wird es nicht“, so die Bilanz von Ehefrau Katharina. Die schaut auch heute noch jeden Abend, jede Nacht nach ihrem Mann. Übernimmt einen Großteil der Pflege selbst, kämpfte dafür, dass er endlich in die Pflegestufe drei eingestuft wurde. „Auch das ist häufig ein Kampf, kommen und gehen die Ärzte, bis endlich jemand da ist, der erkennt, dass hier zwar ein Patient nicht beatmet werden muss – er aber dennoch genau dieser Pflegestufe angehört“, weiß auch Stefanie Weyers. Ein Lifter wurde angeschafft, um den Weg raus aus dem Bett zu erleichtern, um die Kräfte zu ersetzen, die den Angehörigen meist fehlen. Leicht sei das gegangen – und habe sehr geholfen, erinnert sich Katharina Schneider gern zurück. Heute ist auch daran nicht zu denken. Also liegt ihr Ehemann im Pflegebett. Gebettet auf einer speziellen Matratze, die aus dem tage-, dem wochenlangen Liegen wenigstens für den Rücken, die Druckstellen keine Tortur werden lässt. Dabei ist die Haut des 82-Jährigen eine, die immer wieder Rätsel aufgibt. „Mal hilft eine Creme, ein Pflegemittel über Wochen. Dann spricht es plötzlich gar nicht mehr an und wir müssen wieder bei Null anfangen, wieder ausprobieren, ehe wir ein passendes, neues Mittel gefunden haben“, so die Pflegekraft. All diese Probleme kennt Susanne Gesse nur zu Genüge. Sie ist es im Sanitätshaus, die sich mit ihren Kolleginnen um die Menschen kümmert, die vom Krankenhaus nach Hause gehen. Und dort weiter gepflegt werden müssen. „Das müssen nicht immer endgültige Geschichten sein, selbst beim Stoma gibt es die Fälle, wo der Darm nur geschont werden muss, wo der künstliche Darmausgang nach einem bestimmten Zeitraum wieder deaktiviert, der Normalzustand wieder hergestellt wird“, sagt Susanne Gesse. Bis dahin aber gilt es, den Ekel zu überwinden. „Es gibt die, die schnell mit dem Stoma zurechtkommen, die den Beutelwechsel schnell beherrschen, die fast so wie zuvor weiterleben“, weiß die Sanitätshausmitarbeiterin zu berichten. Dabei gibt schon die Stoma-Therapeutin im Krankenhaus wertvolle Tipps, stehen Mitarbeiter aller Sanitätshäuser bereit, um zu helfen, um unterschiedliche Produkte vorzustellen, die für die jeweilige Erkrankung eingesetzt werden können. Auch das Versorgen über eine Magensonde kann zu Hause geschehen. „Wir verfügen hier über sehr viel Erfahrung bei der künstlichen Ernährung, helfen auch hier weiter, statten aus“. So ist die häusliche Pflege heute in vielen Fällen machbar. Und wohl das, was sich die meisten Patienten wünschen. Einfach ist sie dennoch nicht. „Wir sind gut ausgestattet, mit Pflegebett, mit allen Hilfsutensilien. Und es gibt Tage, da klappt es wirklich gut“, sagt Katharina Schneider. Aber es gibt eben auch die Tage, in denen sie sich die rund 2.500€ wünscht, die ihr zum Pflegeplatz für ihren Mann fehlen. Psychisch sei es doch sehr belastend, Urlaub kaum denkbar, Freizeit ein Fremdwort. Nebenan lacht ihr Ehemann mit der Pflegekraft – es ist ein guter Tag im Leben von Adalbert Schneider. Einer von wenigen.