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Baustelle Bettenhaus

Renovierung des Westflügels startet

Eigentlich sieht es ganz gemütlich aus, wie Jörg Horst da so am Tisch sitzt, vor ihm ein Pott Kaffee, daneben ein Teller mit einem Butterbrot. Aber es ist keine gewöhnliche Frühstückspause, keine Zeit, um sich zurückzulehnen. Denn wenige Zentimeter neben Kaffeetasse und Teller liegt auch das Mobiltelefon des Technischen Leiters des Lukas-Krankenhauses. Und wenn einer wie er Transparenz und Kommunikation für besonders wichtig hält, wenn er ein Verfechter der kurzen, der schnellen Wege ist, dann ist es kein Wunder, dass das Telefonklingeln ein stetiger Begleiter beim Frühstück ist. 

Dabei hat eigentlich – zumindest für den laienhaften Besucher – gerade erst alles angefangen. Sind die Leute vom Bau erst seit ein paar Tagen hier, räumen den Ostflügel leer, reißen Teile der Decke herunter, schlagen Fliesen von den Wänden, entwirren Kabelbäume und sorgen so dafür, dass aus einem Flügel des Bettenhauses, der eben noch zig Patienten beherbergte, jetzt eine große Baustelle geworden ist. Aber die vorbereitenden Arbeiten laufen schon viel länger. Und genauso lange ist Jörg Horst involviert, war beteiligt an der europaweiten Ausschreibung und ist am Ende froh, dass in vielen Gewerken doch heimische Handwerker zum Zuge kommen. Denen schaut er über die Schulter, immer wieder, mal angemeldet, dann spontan. Sieht nach dem Rechten auf den Stationen, die nun Baustellen sind. Und weiß auch: Auf dem Bau muss der Bauherr – und den vertritt er nun einmal – einer sein, der die Regeln vorgibt. Und das Befolgen auch kontrolliert. So wie gerade eben auf Etage vier, besser noch: auf einem schwindelerregend hohen Gerüst, das sich ans vierte Stockwerk anschmiegt und auf dem sich Technischer Leiter wie auch Handwerker bewegen, als seien Höhenangst und Schwindel Gefühle aus längst vergangener Zeit. Einer der Arbeiter, gestellt von einem Subunternehmer, um Schutt von A nach B zu schaffen, gönnt sich gerade eine Zigarettenpause. Und erntet dafür ein klares Wort von Jörg Horst. Denn es herrscht absolutes Rauchverbot, auch hier oben, auch an der frischen Luft, weil ein paar Meter weiter ein Patientenzimmer offen steht und der Rauch ins Zimmer ziehen könnte. »Wer hier auffällt, der wird verwarnt. Fällt er nochmal auf, geht’s runter von der Baustelle«, so die klaren Worte, deren Inhalt jeder Unternehmer schon bei Auftragserteilung registriert und begriffen hat. Das hier, das ist kein Abenteuerspielplatz für große Jungs. Das hier, das ist ein Riesenprojekt, eines, das am Ende rund 8,7 Millionen Euro verschlingen wird. Das nicht für eine Renovierung, sondern für eine komplette Sanierung aller Patientenzimmer und Flurbereiche des Bettenhauses sorgen wird. In einem festgeklopften Zeitrahmen, den keiner der Verantwortlichen so schnell aus der Verankerung reißen will. Und wird. Hektisch aber, sich vom Stress packen lassen? »Das lässt man besser, das bringt nichts«, sagt Jörg Horst seelenruhig. Seit mehr als zwanzig Jahren macht er das nun schon. Sich um das technische Gerät, um die Betriebs-, Medizin- und Bautechnik kümmern. Wohlwissend, dass ein Krankenhaus, das nicht baut, das sich nicht strukturell weiterentwickelt, sehr schnell auf dem Abstellgleis landet. Also gilt es jetzt, das Tagesgeschäft den Kollegen, dem eingespielten, sehr gut harmonisierenden Team zu überlassen. Jetzt ist Bauzeit, jetzt gilt es, unterschiedlichste Interessen unter einen Hut zu bringen. Da sind die Patienten, die über, unter, neben der Baustelle, die sich über mehrere Stockwerke zieht, behandelt werden. Und die morgens schon mit einer Tafel Schokolade im Miniatur­format darauf hingewiesen werden, dass es an diesem Tag vorübergehend laut werden könnte. Ohrstöpsel liegen bereit, aber »meist hilft ein erklärendes Wort, ein Hinweis auf die Dringlichkeit und Notwendigkeit dieser Situation, und das Verständnis ist da«, weiß Jörg Horst.   

Hier prallen halt zwei Welten aufeinander. Bau und Krankenhausbetrieb. Beide notwendig, beide nicht zu stoppen, beide kaum in Einklang zu bringen. Aber auch: beide, also im Zusammenspiel, alternativlos. Wäre es ein normales Bürogebäude, in dem weitergearbeitet würde, dann wäre das schon Aufgabe genug. So aber treten ganz andere Forderungen auf den Plan. Etwa die der Hygienefachkraft, die gerade an der provisorischen Tür zum Bautrakt steht und moniert, dass sich Staub aus dem Baustellenbereich – wohl durch nur flüchtig abgestreifte Handwerkerschuhe – auf den Weg ins Krankenhausinnere gemacht habe. Ein paar erklärende Worte, ein nochmaliger Hinweis an die Mitarbeiter vom Bau, dass ihr Eingang ein anderer als der für Besucher, Patienten und Mitarbeiter des Krankenhauses ist, und auch dieses Problem ist gelöst. Dabei ist es ja nicht so, dass der normale, der bauferne Alltag von Jörg Horst einer ist, der Probleme nicht kennt. »Wasserrohrbrüche, Stromausfälle in kleinen Bereichen, so etwas kommt vor, das ist bei der Größe unseres Betriebs ganz normal – nur jetzt ist die Situation natürlich eine ganz andere, jetzt brennt es an allen Ecken.« Den Eindruck aber, als müsse er löschend von Feuerstelle zu Feuerstelle hetzen, vermittelt er nicht. Ein gutes halbes Jahr hat er Zeit gehabt, sich auf alles vorzubereiten, alles durchzuplanen, Probleme mit in die Planung zu nehmen, damit sie später leichter zu schultern sind. Zustandegekommen ist so ein Bauzeitenplan, der streng vorgibt, was wann zu machen ist. Und anhand dessen sich immer überprüfen lässt, wie es um die Einhaltung des Zeitplans gerade steht. Es sind aber nicht nur die Architekten, die Verantwortlichen vom Bau, die sich im Wochenrhythmus treffen und diskutieren. Es gibt auch einen Baubegleitausschuss, in dem sich Vertreter der Krankenhausleitung befinden. Jahrelange Erfahrung ballt sich hier, Wissen, das sich nicht in den Plänen wiederfindet und »doch oder gerade deshalb ungemein wertvoll für uns ist.« Ein Baubüro wurde auf der anderen Seite der Brunnenallee eingerichtet, gar erwogen, Container aufzustellen, um der durch den Bau entstehenden Platznot besser begegnen zu können. Eins aber bleibt. Und das ist wichtig, das ist unumstößlich. Für den Baufortschritt, für den Arbeitsalltag von Jörg Horst. Mittags, Punkt 13 Uhr wird zur Mittagsrunde geladen. Das  machte schon der Vorgänger Gerhard Rosenkötter so. Sich mit den Kollegen, mit dem Stellvertreter hinsetzen und auf sich einprasseln lassen. Sich abstimmen, sich informieren, alle Kollegen auf den gleichen Kenntnisstand bringen. Es geht dann nicht nur darum, wie Rohre rausgerissen und neue eingesetzt werden. Es geht auch darum, WLAN bald schon in jedem Patientenzimmer vorzufinden, ein neues Rechenzentrum zu konstruieren, den Ablauf der Bauarbeiten auf der hoch sensiblen Intensivstation zu koordinieren. »Und es ist ja nicht so, dass wir nur die Renovierung des Bettenhauses vor der Brust haben«, ergänzt Jörg Horst fast in einem Nebensatz. Die Physiotherapie wird mitsamt neuem Bewegungsbad umziehen, beim sogenannten Dienstehaus wird in der Zukunft der Abrissbagger anrollen und auch die Radiologie erfährt Umzug und kompletten Umbau zugleich. Dann noch der Ausbau und die Erweiterung der Funktionsdiagnostik im Altbau, der Einbau einer neuen Vakuumanlage. All das: Auch kein Grund, nervös zu werden. »Fertig? Wird man in einem Krankenhaus im Grunde genommen nie. Und sollte man auch nicht, zu schnell gerät man dann ins Hintertreffen«, sagt Jörg Horst. Und schielt lieber auf den Zeitplan. Bereits Ende 2012 sollen Ost- und Westflügel komplett renoviert sein, sollen alle Zimmer und die Flure in neuem Licht erstrahlen, soll jedes Zimmer über eine moderne Nasszelle verfügen. »Wenn das klappt, haben wir schon zwei Drittel hinter uns«, so der Plan, der auf den ersten Blick optimistisch klingt, dann aber, wenn man dem Planenden einen Blick über die Schulter wirft, realistisch wird. Ende 2013 soll die Bettenhausrenovierung abgeschlossen sein. Und der Technische Leiter wäre nicht Technischer Leiter, wenn er nicht jetzt schon hoffen würde, doch etwas eher über die Ziellinie huschen zu können. Für Gemütlichkeit? Ist dann wohl erst einmal keine Zeit. Aber eben nur auf den ersten, den vorbeihuschenden Blick.