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Alltägliche Gratwanderung

Ein nicht alltäglicher Besuch der Intensivstation

Allein das Wort sorgt für Gänsehaut. Intensivstation? Damit will sich kaum jemand beschäftigen, geschweige denn ihr einen Besuch abstatten. »Dabei ist das hier eine äußerst wichtige ­Station«, hält Chefarzt Dr. Ulrich Huser dagegen.

Wichtig nicht nur deshalb, weil hier Leben und Tod sehr nah beieinander liegen. Doch damit ist längst nicht umrissen, wofür diese Station eigentlich steht. Hierher kommen die, die frisch operiert wurden und jetzt eine maximale Überwachung und Therapie benötigen oder Patienten mit einem oder mehrfachen Organver­sagen. Nicht nur, weil immer gleich akute Lebensgefahr droht, sondern weil hier Monitore und Sensoren zum Alltag dazugehören, weil das Personal eines ist, das immer ein Auge auf dem Patienten hat, eines auf den Überwachungsmonitoren ruhen lässt. An diesem Mittwochmorgen sind alle zwölf Betten voll belegt, keine Ausnahmen, »sondern so häufig der Fall, dass wir uns darum bemühen, weitere Intensivbetten zugesprochen zu kommen«, sagt Dr. Ulrich Huser. Die Linien, Kurven und Punkte hüpfen über die eng beieinander angeordneten Bildschirme, jeder Monitor für einen Patienten, jede Kurve eine, die viel über die Vitalfunktionen verrät. »Dieser Bereich hier ist durch die Medizintechnik stark beeinflusst – das gibt auf der einen Seite Sicherheit und hilft doch längst nicht in allen Situationen weiter«, formuliert Dr. Lorenz, als Oberarzt in leitender Funktion auf der Intensivstation tätig, vorsichtig. Erst einmal gibt die Technik den Takt vor. Informiert über den Rhythmus des Herzens, über Körpertemperatur, Atmung und viele weitere Werte, die auf einer normalen Station eben nicht stetig abgefragt und beobachtet werden. »Das ist eigentlich der größte Unterschied zwischen uns hier unten und den Kollegen da oben«, sagt dann auch Dr. Peter Lorenz mit Blick hoch zum Bettenhaus. Gerade beginnt eine Kurve sich zu verändern, die Rhythmik stoppt, ein Alarmton schrillt auf. Der Laie vermutet jetzt hektisches Durcheinanderlaufen, Spritzenaufziehen, Lärm und angestrengte Blicke. Doch es ist ganz anders. Es ist vor allem: Alltag. Also geht es zügigen Schrittes zum Bett, ein prüfender Blick auf die Patientin, deren Herz als schwaches längst erkannt ist. Das, was dann geschieht, ist nicht spektakulär, nicht aufsehenerregend. Und doch lebensrettend. Was nicht nur daran liegt, dass hier Mitarbeiter arbeiten, die es gewohnt sind, mit solchen Grenzsituationen umzugehen. »Du musst immer hoch konzentriert sein, musst deine Patienten im Blick behalten, wissen, wie es um wen steht, vor allem auch die Kurven und Werte richtig einzuschätzen wissen«, sagt Dr. Lorenz. Der ist vielleicht so etwas wie ein typischer Mitarbeiter des Teams, das wohl noch etwas enger zusammensteht als die Kollegen im Bettenhaus. Typisch deshalb, weil er nach außen Ruhe, fast Gelassenheit ausstrahlt. Die Stimme eine leise, die Worte mit Bedacht gewählt. Auch Chefarzt Dr. Huser ist keiner, dem Anspannung, Dramatik anzumerken sind. Hektik? Hat in Notsituationen noch niemandem geholfen. Es sind routinierte Handgriffe, gebündelte Fachkenntnis und am Ende auch eine kräftige Portion Menschenkenntnis, die die Handelnden auszeichnen. Etwa dann, wenn es dann doch Zeit ist, einen Menschen gehen zu lassen. 3.000 Patienten werden hier jährlich behandelt, mal mit eher prophylaktischem Hintergrund wie etwa nach größeren OP-Eingriffen, dann wieder, weil es wirklich und längst nicht nur sprichwörtlich um Leben und Tod geht. Als Traumazentrum ist das Lukas-Krankenhaus zertifiziert, da ist das Eintreffen des Notarzteinsatzfahrzeuges mit Schwerverletzten, Schwererkrankten keine Seltenheit, sondern ebenfalls Alltag. Und dann kommen eben auch die Menschen, die nicht mehr zu retten sind. Bei denen irgendwann ein Punkt erreicht ist, wo ein kleines Zimmer an großer Bedeutung gewinnt. Eingerichtet mit Spendengeldern findet es sich fast versteckt nahe des Eingangs zur Intensivstation. Lichte Farben, wohnliche Atmosphäre und meist dann doch sehr ernste Gesprächsinhalte stehen für das, was hinter dieser Tür abläuft. Es tue gut, mit den Angehörigen diese wichtigen Gespräche nicht auf dem Flur führen zu müssen, sondern sich zurückziehen zu können, sagt Dr. Lorenz und man spürt immer noch so etwas wie Erleichterung bei diesen Worten. Die spüren – auch das erstaunt – ebenfalls viele Angehörige. Wenn ausgesprochen wird, was einige längst schon ahnten. Dabei ist das nie nur ein Gespräch, nicht das Stellen vor Tatsachen. Sondern ein Dialog, der sich fortsetzt. Gemeinsam wird geschaut, was geht. Und was eben nicht. »Anfangs, als ich als Arzt angefangen habe zu arbeiten, da dachte ich, dass man als Mediziner immer weitermacht, die Grenzen der medizinischen Möglichkeiten wirklich komplett ausnutzt. Heute, mit deutlich mehr Erfahrung, weiß ich, dass es anders ist«, erklärt Dr. Lorenz. Berühren tue es aber immer, wenn ein Herz aufhöre zu schlagen, das Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt wird. Daraus folgt schnell die Frage nach ethischen Grundlagen und Richtwerten, nach Transplantation und Menschenwürde. Die Antworten zeigen: Es ist ein sehr gesunder, ein gemeinsamer Weg aller, der in diesen Fragen gegangen wird. Im Hintergrund steht stets der Seelsorger bereit, um nicht nur den Patienten, sondern, wenn es allzu sehr nagt, auch den Mitarbeitern beizustehen. Jeder hier auf der Station hat solche Momente vor Augen, jederzeit abrufbar, auch wenn man lieber nicht dran denken, sie nicht noch einmal vor dem inneren Auge sehen möchte. Wenn Kleinkinder, junge Mütter, Familienväter betroffen sind, »dann wird es schon schwer«, sagt Dr. Lorenz, redet nicht weiter und sagt doch viel. Vielleicht hat auch das aus den Mitarbeitern das gemacht, was Dr. Huser ein eingeschworenes Team nennt. Eines, bei dem der Begriff, sich aufeinander verlassen zu können, eine ganz andere Bedeutung, deutlich größeren Tiefgang besitzt. Mitzuerleben gerade in einem weiteren Patientenzimmer; der alten Frau soll ein Not-Zugang im Leistenbereich gelegt werden, aber die Ader ist nicht zu fassen zu bekommen, zu eng, zu klein ist das Gefäß. Längst ist auch die internistische Oberärztin zu Hilfe geeilt, zu dritt stehen Anästhesist, Internistin und Intensiv­pfleger um das Bett herum, versuchen weiter, den Zugang zu legen. Dass das Überwachungsgerät unaufhörlich piept, dass es langsam eng wird, wird registriert, sorgt aber auch hier nicht für Hektik. Ein paar Momente später stehen die beiden Mediziner schon wieder auf dem Flur und sprechen sich über das weitere Vorgehen bei einem anderen Patienten ab – die Mission eben dann doch erfüllt, meist klappte es dann doch, ist Ruhe zumindest in diesem Zimmer eingekehrt. »Wenn man auf einer interdisziplinären Intensivstation, wie es unsere nun einmal ist, arbeitet, dann muss man immer auf den Notfall gefasst sein. Und gleichzeitig wissen, dass man sich auf sein Gegenüber, auf seinen Kollegen hundertprozentig verlassen kann«, so Dr. Huser. Menschen nach einer Hüft-OP, mit Luftnot, Lungenentzündung, Nieren- und Leberversagen, Herz- und Kreislaufproblemen kommen hierher. Die doppelte Flügeltür zur Notaufnahme schwingt automatisch auf und noch ein Bett mitsamt Patient kommt hereingefahren, umringt von zwei Rettungssanitätern und einem Notarzt, der im Schockraum Patient und Wissen an den Kollegen weitergibt. Stillstand? Scheint es hier kaum zu geben. Aber auch das mache es eben aus, hier zu arbeiten. Weil kaum etwas planbar ist, weil ein Anruf, ein Öffnen dieser Schwingtür eben sofort alle nicht nur in Alarmbereitschaft versetze, sondern sofort handeln lasse, erklärt Dr. Lorenz. Es gibt auch den Fall, der erst einmal wie ein routinierter ausschaut. Der Patient ist vor drei, vier Tagen operiert worden, der Körper wirkt wieder gestärkt. Doch das erste Aufstehen, die erste körperliche Belastung sorgen für den körperlichen Absturz, den Kollaps. Auch das fast schon Routine, denn der erfahrene Arzt weiß, dass es manches Mal erst steil bergauf geht, ehe es dann in gleicher Intensität plötzlich ganz bergab geht und kritisch wird. Auch die Fälle, in denen eine Transplantation in Frage kommen könnte, gibt es, sicher. Aber in nur sehr geringem Maße. Auch dann läuft eine Routine ab, die der Situation das Hektische, das Erschreckende nimmt. Aber es gebe neben den dunklen Momen­ten natürlich auch die, die lange in positiver Erinnerung blieben, erzählt Dr. Lorenz in einer dann doch ruhigen Minute. Nebenan liegt gerade so ein Fall, dem Vater ist die tiefe Spur, die sein Radfahrhelm auf der Stirn hinterlassen hat, noch sehr gut anzusehen. Wie er aber ohne Helm jetzt daliegen würde? Lieber nicht daran denken. Es gibt Geschichten von denen, die die Grenze zum Tod schon überschritten hatten und doch zurück­geholt werden konnten. Von denen, die hier gar auf eigenen Beinen wieder rausgegangen sind. Raus aus einer Station, deren Wert in Zahlen, selbst in Worten nicht fassbar ist. Nur so viel: Sie ist lebensrettend. Für viele.

 

»Der Klassiker an der Wand. Ein Klingeln ­dieses anachronistisch wirkenden Apparats, und schon greift ein Mitarbeiter zum Hörer. Denn hier kommen nur Notfälle aus dem eigenen Haus an.«

»Moderne Medizintechnik hilft, wenn Vitalfunktionen überwacht werden. So ruht ein Auge immer auf den Monitoren, die den körperlichen Zustand der Patienten widerspiegeln.«